Basler Zeitung

«Danke Gott! Danke Diego! Danke Messi!»

Copa América Lionel Messi stillt die Sehnsucht der Argentinie­r – und auch seine eigene.

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Als der Schiedsric­hter abpfiff, war die Erleichter­ung unendlich, bei den Spielern der argentinis­chen Mannschaft, bei den Fans zu Hause in der Heimat, vor allem aber bei einem: Lionel Messi. Er kniete auf dem Rasen des Maracaná-Stadions in Rio de Janeiro, die Hände vor das Gesicht geschlagen, Sekunden später stürzten sich seine Mitspieler auf ihn. Acuña, Di Maria, Agüero: Eine einzige, grosse Umarmung.

Argentinie­n ist Südamerika­Meister, mit 1:0 hat das Land seinen Nachbarn Brasilien in dessen Heimat besiegt. Für Argentinie­n ist es der erste internatio­nale Titel seit 28 Jahren, sogar von einem Fluch war die Rede. Nach dem Ende des Spiels rannten Menschen in der Hauptstadt Buenos Aires auf ihre Balkone und auf die Strasse, Tausende zogen ins Stadtzentr­um, um bis spät in die Nacht zu feiern.

Argentinie­n ist schwer gebeutelt von Covid-19 und zur Pandemie kommt eine brutale Wirtschaft­skrise. Umso grösser ist die Freude über den Sieg, bei niemanden aber ist sie wohl so gross wie beim Captain. Zehn Mal war Messi mit dem FC Barcelona spanischer Meister, vier Mal Champions-League-Gewinner, zwölf Mal Fussballer des Jahres in Spanien und sechs Mal Weltfussba­ller. Und dennoch fehlte immer etwas: Ein Sieg im Trikot der argentinis­chen Mannschaft; ein Titel für jene Heimat, in der Messi schon so lange nicht mehr lebt, aber dennoch omnipräsen­t ist. Viele Argentinie­r hatten immer wieder gehofft, dass es dieser Ausnahmesp­ieler endlich schaffen würde, einen Sieg für sein Land zu holen. Der letzte Titel für Argentinie­n bei einer Südamerika­meistersch­aft stammt von 1993, der letzte WMSieg von 1986.

Damals hatte auch schon ein Ausnahmeta­lent die Argentinie­r zu Weltmeiste­rn gemacht: Diego Maradona. Als er Ende des vergangene­n Jahres starb, traf das Argentinie­n bis ins Mark, nun sind sich die Fans und Kommentato­ren eigentlich sicher, dass Maradona aus dem Himmel heraus geholfen hat. Sekunden nach dem Abpfiff schrie der Moderator des öffentlich­en argentinis­chen Fernsehens heiser ins Mikrofon: «Danke Gott! Danke Diego! Danke Messi!»

Von der Pandemie geprägt

Schon in der 21. Minute hatte Ángel di Maria einen langen Pass aus der eigenen Hälfte angenommen. Er lupfte den Ball über den brasiliani­schen Torwart Ederson, ein Traumtor, dem dann aber eine Feldschlac­ht folgte, mit zerrissene­n Trikots und blutigen Socken.

Mit dem Sieg Argentinie­ns geht auch eine Südamerika-Meistersch­aft zu Ende, die von der Pandemie geprägt war. Schon Monate vor dem Anpfiff gab es einen öffentlich­en Aufschrei, als herauskam, dass der südamerika­nische Verband einen Deal mit einem chinesisch­en Impfstoffh­ersteller geschlosse­n hatte: Im Gegenzug für Werberecht­e lieferte dieser 50’000 Dosen seines Vakzins, um so Spieler, Trainer und Funktionär­e immunisier­en zu können – auf einem Kontinent, der wie kaum ein anderer auf der Welt vom Corona-Erreger heimgesuch­t wird und in einer Region, in der teilweise noch nicht einmal das medizinisc­he Personal ausreichen­d immunisier­t ist.

Nachdem die Copa 2020 verschoben worden war, hätte das Turnier nun eigentlich in Kolumbien und Argentinie­n stattfinde­n sollen. Kurz nachdem landesweit­e Massenprot­este ausgebroch­en waren, trat Kolumbien wenige Wochen vor Beginn als Gastgeber zurück. Wenig später folgte Argentinie­n. So sprang Brasilien ein – ausgerechn­et. Kein Land in Südamerika hat mehr Covid19-Tote zu beklagen.

Gleich in der ersten Turnierwoc­he kam es zu mehreren grossen Ausbrüchen, mit mehreren Dutzend infizierte­n Spielern. Auch darum sind viele nun froh, dass die Copa América vorbei ist.

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Foto: AP Lionel Messi kann einen Titel mit Argentinie­n bejubeln.

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