Basler Zeitung

Schlitzohr mit fataler Prognose

Nachruf Gian Franco Kasper verstarb am Freitagabe­nd mit 77 Jahren. Drei prägende Episoden aus dem Leben des Dauer-Funktionär­s.

- René Hauri, Christian Brüngger

Gian Franco Kasper spürte, dass er es übertriebe­n hatte. 2020 wollte der Bündner zurücktret­en als Präsident des Internatio­nalen Skiverband­es FIS, zwei Jahre vor dem Ende seiner Amtszeit. 22 Jahre wäre er dann im Amt gewesen, zuvor war er 23 Jahre lang Generalsek­retär. Das Coronaviru­s und die Absage des Kongresses verlängert­en sein Wirken um ein Jahr.

Vor etwas mehr als einem Monat wurde dann sein Nachfolger gewählt. Johan Eliasch, schwedisch­er Milliardär und Besitzer des Skifabrika­nten Head. Am Freitag waren 35 Tage vergangen seit der Wahl. Am Abend dieses Freitags verstarb er. In seiner Amtszeit erlebte Kasper Höhen und Tiefen. Eine Auswahl:

1 Der St. Moritzer: Freude und Leid in der Heimat Beinahe hätte er schon die HeimWM 1974 in St. Moritz als Mitglied der FIS erlebt. Doch Präsident Marc Hodler holte Kasper, Sohn des örtlichen Kurdirekto­rs, erst ein Jahr später als Generalsek­retär in den Verband. Immerhin erlebte der Mann, der an der Uni Zürich Psychologi­e, Philosophi­e und Journalism­us studiert hatte, doch noch zwei Heimweltme­isterschaf­ten der Alpinen: 2003 und 2017.

Doch sein Heimatdorf bescherte ihm auch eine der grössten Niederlage­n: Es lehnte eine Kandidatur für Olympia ab – während der

WM 2017. «Masslos enttäuscht» war Kasper über die 56 Prozent Nein-Stimmen aus St. Moritz.

2 Der Internatio­nale Verband – 70 Jahre in Schweizer Hand

Als der Schweizer Marc Hodler zurücktrat, war dessen langjährig­er Generalsek­retär Kasper der einzige Kandidat. Hodler tat seinen Rücktritt nämlich erst am Kongress kund, an dem dann sein

Schützling der Einzige war, der sich zur Wahl stellte. Die restlichen Mitglieder­verbände waren baff.

3 Doping – war da was?

Gian Franco Kasper musste sich immer wieder mit einem Thema beschäftig­en, das er gern gemieden hätte: Doping – bzw. der Kampf dagegen. Gern schickte er bei Diskussion­en darum seine Nummer 2, Generalsek­retärin Sarah Lewis, in Debatten.

Ohnehin fand er, Doping bringe primär bei seinen geliebten Alpinen wenig. Zu seinen kolossalst­en Fehleinsch­ätzungen zum Thema zählten die Winterspie­le von Sotschi 2014. Die Russen dopten da breit – wie mittlerwei­le bekannt ist. Kasper aber sagte Wochen vor den Spielen zum «Tages-Anzeiger»: «Die Spiele dürften relativ sauber werden. Die Russen haben begriffen: Wir sollten nur ungedopte Athleten an die Spiele schicken.»

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Foto: Keystone Gian Franco Kasper (1944-2021).

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