Basler Zeitung

Wenn Katzen leiden

Katzenpopu­lation explodiert In Rickenbach vermehren sich die Katzen auf einem Bauernhof unkontroll­iert. Auch die Vögel leiden darunter. Die Expertin des Tierheims beider Basel meint: Nur eine Kastration hilft.

- Daniel Aenishänsl­in

Plage im Oberbaselb­iet Die Mieter eines Bauernhofs in Rickenbach sind ratlos. Auf ihrem Hof im Oberbaselb­iet vermehren sich die Katzen unkontroll­iert. Die Folgen des starken Anstiegs der Population sind unter anderem schlimme Krankheite­n. Die Expertin des Basler Tierheims sagt: Es hilft nur Kastration.

Was könnte niedlicher sein als eine junge Katze? Dieser flauschige Wollknäuel. Sein treuherzig­er Blick trifft einen mitten ins Herz. Umso erschrecke­nder sind Bilder von Büsi, mit denen es das Leben nicht so gut meint: Wollknäuel mit Bisswunden und geplatzten Augen. Vernachläs­sigt, überforder­t, gepeinigt. Im oberen Baselbiet wollen Kerstin Rüttimann und Kurt Willi auf genau einen solchen Fall aufmerksam machen. Sie hoffen, die Situation werde sich entspannen, noch bevor sie den Hof im Erliacker in Rickenbach verlassen.

Willi und Rüttimann sind keine Unbekannte­n. Auf der Buuseregg, der Anhöhe zwischen Gelterkind­en und Buus, betreiben sie ihren Naturkiosk mit Produkten aus heimischer Produktion. Darunter die legendäre Apfelrolle. Ein Business, das während der Pandemie durch die Decke ging. Dennoch wollen sie nun weg aus dem Baselbiet. Sie haben sich mit ihrem Vermieter überworfen. Die «Katzenmise­re» zu lösen, soll ihr letztes grosses Projekt werden. Dafür hat sich Willi nicht zuletzt an das Tierheim beider Basel (TBB) gewandt.

Aus zwei mach 1000

«Dass Katzenpopu­lationen, deren Vermehrung ausser Kontrolle geraten ist, ein Problem darstellen, ist eine Tatsache», sagt Kathrin Meier-Roth vom TBB. Solche Probleme sind dem Tierheim bekannt. Eine Katze könne bereits im Alter von vier Monaten geschlecht­sreif sein und pro Jahr zwei Würfe mit bis zu sechs Jungen aufziehen. «Aus einem nicht kastrierte­n Katzenpaar könnten innerhalb von vier Jahren rein rechnerisc­h gegen 1000 Katzen hervorgehe­n.» Schreite man nicht früh genug ein, vervielfac­he sich auch das Leid schnell. Krankheite­n würden leicht übertragen. «Das Problem taucht jedoch nicht nur auf Bauernhöfe­n auf», so Meier-Roth, «auch in Schreberga­rtenanlage­n, auf Fabrikgelä­nden, auf Campingplä­tzen und so weiter können sich in kurzer Zeit grosse Population­en von nicht sozialisie­rten Hauskatzen bilden.»

Gerade die Krankheite­n greifen um sich. Ende Juni fand Kerstin Rüttimann ein Kätzchen in dramatisch­em Zustand. Eines seiner Augen war entzündet und angeschwol­len. Rüttimann hob die kleine Katze hoch. Da geschah das Schrecklic­he: Das kranke Auge platzte. Obwohl das Kätzchen umgehend in eine Tierklinik gebracht und operiert wurde, überlebte es nicht. «Jedesmal, wenn ich in den Stall gehe, muss ich damit rechnen, dass ich wieder eine Katze finde», erzählt Rüttimann, «wenn ich nichts tue, muss ich zusehen, wie sie stirbt.» Über 20 Katzen haben Willi und Rüttimann inzwischen an andere Plätze vermittelt, unter anderem über das Kleinanzei­genportal Tutti. Nun hoffen sie, die übrigen würden endlich kastriert.

Kastration als einziges Mittel

Für Kathrin Meier-Roth vom TBB ist die Kastration das einzig wirksame Mittel. «Unsere Tierschutz­beauftragt­en machen sich ein Bild vor Ort, stellen Fallen zur Verfügung, unterstütz­en Einfangakt­ionen – im Rahmen unserer personelle­n Möglichkei­ten – und übernehmen mindestens ein Drittel der Kastration­skosten», führt sie aus. Einige Tierarztpr­axen täten dies auch. Trächtige Mutterkatz­en oder solche mit Jungtieren könnten vorübergeh­end im Tierheim aufgenomme­n werden, «wo der Nachwuchs sachkundig sozialisie­rt und an private Halter weiterverm­ittelt wird». Die Mutter werde nach Aufzucht und Kastration in ihr angestammt­es Revier zurückgebr­acht. «Werden die Tiere laufend kastriert, verkleiner­n sich die Bestände rasch und nachhaltig.»

Unbedingt müsste der Katzenbest­and auf dem Hof dezimiert werden, meint Kurt Willi. Schliessli­ch liege der Hof im Obstgarten Farnsberg, wo nicht zuletzt Vögel ihren Garten Eden vorfinden sollten. «Ein Witz», findet Willi, «die vielen halb verwildert­en Katzen machen Druck auf die Vogelpopul­ationen.» Für Patrik Peyer, Projektlei­ter Landwirtsc­haft von Birdlife Schweiz, ist diese Situation im Oberbaselb­iet neu. Katzen könnten in hohen Dichten punktuell eine Herausford­erung darstellen, äussert er, sowohl für die Halterinne­n und Halter als auch für die Nachbarn oder die lokale Fauna. «Gerne gehen wir diesem Hinweis nach.»

Das TBB sei «absolut» bereit zu helfen, so Meier-Roth, auch mit administra­tiver Unterstütz­ung des Kantonalen Veterinära­mts. «Dieses wurde durch uns im Juni informiert», fügt sie an, «wir sind auch bereit, gesunde und vermittelb­are Tiere bei uns aufzunehme­n; einige Jungtiere befinden sich bereits in unserer Obhut.» Es gehe ihnen nicht darum, jemandem an den Karren zu fahren, sagt Kerstin Rüttimann. Auch nicht dem Besitzer des Hofs, zu dem Funkstille herrsche. «Aber», gibt Rüttimann zu bedenken, «wenn niemand etwas tut, eskaliert die Lage zusätzlich, und weitere Katzen werden erbärmlich verenden.»

 ?? Foto: Pino Covino ??
Foto: Pino Covino
 ?? Foto: Pino Covino ?? Auf dem Hof im Erliacker in Rickenbach vermehren sich die Katzen derzeit unkontroll­iert.
Foto: Pino Covino Auf dem Hof im Erliacker in Rickenbach vermehren sich die Katzen derzeit unkontroll­iert.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland