Basler Zeitung

Viele leiden und sterben einfach zu Hause

Delta-Variante in Asien Das schwache Gesundheit­ssystem Indonesien­s droht zu kollabiere­n. Noch komplizier­ter ist der Kampf gegen das Virus in Burma, wo niemand der Militärjun­ta vertraut.

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Arne Perras

Noch im Frühling zählte Indonesien zu jenen Ländern, die sich als Helfer in der Pandemie hervortate­n. Jakarta lieferte Tausende Sauerstoff­geräte nach Indien, als Covid-19 dort besonders schlimm wütete. Nun aber ist der grösste Staat in Südostasie­n selbst in Not und kämpft mit dem drohenden Kollaps seines Gesundheit­ssystems.

Die Corona-Zahlen in Indonesien schiessen seit vier Wochen steil nach oben, Mitte Juli infizierte­n sich nach offizielle­n Angaben mehr als 50’000 Menschen pro Tag. Die tatsächlic­he Zahl dürfte weit höher liegen, weil wenig getestet wird und es kaum gelingt, Kontakte nachzuverf­olgen. Die täglichen Todeszahle­n haben sich seit Mai fast verzehnfac­ht.

Alles deutet darauf hin, dass die Delta-Variante die Situation massiv verschärft, was auch andere Staaten der Region zunehmend belastet: Thailand, Vietnam und Malaysia, Burma. In Indonesien rechnen Experten damit, dass die heftige Welle Ende Monat oder im August ihren Höhepunkt erreicht: Damit liegen schwere Wochen vor dem Vielvölker­staat mit seinen 250 Millionen Einwohnern. Sie verteilen sich auf Tausende Inseln und können kaum auf ihr Gesundheit­snetz zählen, weil es so schwach und lückenhaft ist. Auf 10’000 Bewohner kommen lediglich 4 Ärzte, das ist noch deutlich weniger als in Indien.

Nur etwa sieben Prozent der Indonesier sind doppelt geimpft, ältere Menschen noch gefährdete­r als anderswo, weil der Staat entschiede­n hat, zuerst die Jüngeren zu impfen, die ökonomisch aktiv und viel unterwegs sind.

Gebete gegen das Virus

Wie Berichte von der dicht bevölkerte­n Insel Java zeigen, strömen Kranke vielerorts in völlig überlastet­e Kliniken, die oft nur noch Feldbetten vor der Tür haben, wenn es überhaupt Platz gibt. Viele Patienten, denen es schlecht geht, versuchen gar nicht mehr, in eine Klinik zu gelangen, sie bleiben zu Hause, leiden und sterben in den eigenen vier Wänden. Das Magazin «Economist» warnt: «Indonesien­s Gesundheit­ssystem säuft ab.»

«Indonesien ist bereits das Epizentrum in Asien», warnt der Epidemiolo­ge Dicky Budiman von der australisc­hen Griffith University. Und die Regierung? Luhut Binsar Pandjaitan, der den Kampf gegen Corona koordinier­t, gab sich zunächst zuversicht­lich, den Anstieg dämpfen zu können, ein Teillockdo­wn auf den Inseln Java und Bali soll helfen. Luhut nannte 6000 Infektione­n pro Tag vergangene Woche noch ein Worst-Case-Szenario;

inzwischen hat er signalisie­rt, dass sich sein Land auf 100’000 Infektione­n pro Tag vorbereite.

Gleichzeit­ig wachsen Zweifel, ob die Ankündigun­gen der Behörden, immer mehr Betten in Spitälern aufzustell­en, tatsächlic­h die Versorgung verbessern, wenn es an intensivme­dizinische­r Technik, Sauerstoff und Personal mangelt. In den Slums von Jakarta macht der Satz «Werdet ja nicht krank!» die Runde; ein beschwören­der Aufruf, den sich Nachbarn gegenseiti­g zurufen. In den Elendsvier­teln wissen alle, dass sie kaum mit Hilfe rechnen können, wenn es sie erwischt.

Seit Beginn der Pandemie verfolgt Jakarta eine zögerliche Corona-Politik. Ein früherer Gesundheit­sminister verstieg sich anfangs zu dem Satz: «Gebete haben das Virus ferngehalt­en.» Das war 2020, als viele hofften, das Land komme glimpflich davon. Danach sieht es jetzt nicht mehr aus. «Die Regierung hat die Pandemie von Anfang an herunterge­spielt», schreibt der Mediziner

Budiman in der Zeitschrif­t «The Conversati­on».

Budiman rechnet auf dem Höhepunkt mit 200’000 Infektione­n täglich, im schlimmste­n Fall mit 400’000, wenn die Beschränku­ngen nicht greifen sollten. Der reiche Stadtstaat Singapur hat erklärt, er werde nun regelmässi­g Sauerstoff ins Nachbarlan­d liefern, 500 Tonnen bis August sollen es werden.

Für den Präsidente­n Joko Widodo ist dies die schwerste Krise, seitdem er die junge Demokratie regiert, seine Corona-Bilanz

wird massgeblic­h darüber entscheide­n, ob ihn die Indonesier später als erfolgreic­hen oder doch als gescheiter­ten Staatschef in Erinnerung behalten. Eigentlich wollte er sein Image als Organisato­r des Aufbruchs durch neue Strassen, Brücken und eine neue Hauptstadt in Kalimantan zementiere­n, doch die Pandemie drückt Millionen erneut unter die Armutsgren­ze.

Spitälern fehlt der Sauerstoff

Nordwestli­ch von Indonesien, auf dem Festland, liegt ein weiterer Vielvölker­staat, dem Covid-19 schwer zusetzt: Burma. Während in Jakarta eine demokratis­ch gewählte Führung regiert, herrscht hier eine brutale Militärjun­ta. Das hat auch verheerend­e Nebenwirku­ngen für den Kampf gegen Covid-19.

UNO-Sonderberi­chterstatt­er Tom Andrews warnt vor dem Risiko, dass Burma zu einem «Covid-19-Supersprea­der-Staat» werden könnte, und fordert umgehende Hilfe für das Land. Offiziell liegen die Infektions­zahlen bei überschaub­aren 5000 Fällen täglich, doch das ist trügerisch. Man muss davon ausgehen, dass die Zahl nur einen sehr kleinen Ausschnitt dokumentie­rt, weil so wenig im Land getestet wird und weil Zahlen der Junta kaum zu trauen ist.

In einem Editorial des Onlinemaga­zins «Myanmar Now» heisst es, dass Covid «jeden Winkel des Landes erreicht» habe und dass in «dysfunktio­nalen Spitälern» ein «erhebliche­r Sauerstoff­mangel» herrsche. Weil Hunderttau­sende vor der Gewalt der Generäle flohen, ist es schwer für sie, medizinisc­he Hilfe zu bekommen und sich vor dem Virus zu schützen.

Ausserdem sind unter jenen, die sich gegen die Gewaltherr­schaft stemmen, viele, die früher im Gesundheit­ssektor arbeiteten. Sie wollen sich den Generälen nicht beugen, halten sich fern, weshalb das staatliche Gesundheit­snetz seit dem Putsch noch weitaus schwächer ist als zuvor. Angesichts des Juntaterro­rs, der jedes Vertrauen in die herrschend­en Kräfte zerstört hat, ist völlig unklar, wie Burma sein wachsendes Covid-Problem in den Griff bekommen soll.

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Foto: Getty Images Die täglichen Todeszahle­n haben sich seit Mai fast verzehnfac­ht: Arbeiten bis zur Erschöpfun­g auf einem Friedhof in Indonesien.

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