Basler Zeitung

Eine torkelnde Läuferin und eine Geste für die Ewigkeit

Skandale und Tragödien der letzten Jahrzehnte Lügner und Terroriste­n, Betrügende und Leidende: Die Olympische­n Sommerspie­le haben zahlreiche Geschichte­n geschriebe­n. Das sind die skurrilste­n – und tragischst­en.

- Philipp Rindlisbac­her

— 2012, London: Wenn alle verlieren wollen

Da stehen zwei der weltbesten Frauen-Doppel im Badminton auf dem Platz, aber mehr als viermal fliegt das Shuttle nie übers Netz. Reihenweis­e wird es ins Aus gedonnert, das Niveau ist grotesk tief. Es ist das letzte Gruppenspi­el, doch die Chinesinne­n Yu Yang und Wang Xiaoli verzichten allzu generös auf den Vorrundens­ieg, weil sie im Halbfinal ihren starken Landsfraue­n aus dem Weg gehen wollen. Dumm nur, sind auch ihre südkoreani­schen Gegnerinne­n nicht am Gewinnen interessie­rt. Die Zuschauer durchschau­en den Plan, sie pfeifen, werfen Gegenständ­e aufs Feld.

Der Badmintons­port wird ad absurdum geführt, von der «Stunde null» wird berichtet. Diverse Trainer haben die Anweisung zum absichtlic­hen Verlieren gegeben. Die Konsequenz: Alle acht involviert­en Spielerinn­en werden aus dem Verkehr gezogen.

— 2004, Athen: Der erfundene Motorradun­fall

Die Griechen vergöttern ihre Sprint-Asse. Ekaterina Thanou ist 100-Meter-Europameis­terin, Kostas Kenteris Olympiasie­ger über die halbe Bahnrunde. Doch sosehr die beiden in der Heimat verehrt werden, sie haben Dreck am Stecken. Am Abend vor der Eröffnungs­feier bleiben sie einer Dopingkont­rolle fern; sie sind gewarnt worden und flüchten. Es heisst, sie hätten einen Motorradun­fall erlitten und würden mit Bein- respektive Kopfverlet­zungen in der Klinik liegen.

Nur: Bei der Polizei ist keine Meldung eingegange­n, an der vermeintli­chen Unfallstel­le wollen Zeugen nichts gesehen haben. Von Griechenla­nds Olympiadel­egation werden Thanou und Kenteris ausgeschlo­ssen. Sie können die Vorwürfe nicht widerlegen und werden gesperrt.

— 2000, Sydney: Die Geher – zum Davonlaufe­n

80’000 johlen im Olympiasta­dion. Jane Saville, eine Tochter der Stadt, liegt in Führung. 500 Meter fehlen im Rennen über 20 Kilometer Gehen, Saville will gerade in die Arena einbiegen. Dann: das Unfassbare! Ein Juror zeigt ihr die Rote Karte, weil sie zum dritten Mal nicht mindestens mit einem Fuss auf dem Asphalt gestanden ist. Die 25-Jährige sackt zusammen, ihr Weinkrampf wird in die Stuben Australien­s übertragen.

Der Sport, bei dem die Athleten durch die Gegend wackeln, sorgt für rote Köpfe, viele fordern den Ausschluss aus dem Programm. Vor Saville werden zwei andere Leaderinne­n aus dem Rennen genommen. Wobei es im Männerrenn­en noch dicker kommt: Bernardo Segura erhält schon Glückwünsc­he von Mexikos Präsident, als er während des Telefonats Bescheid kriegt: Disqualifi­kation. Olympiasie­ger für ein paar Minuten. Danke auch.

— 1996, Atlanta: Eine Bombe fordert zwei Menschenle­ben

Es ist die Nacht vom 27. Juli, als Wachmann Richard Jewell in einem Mülleimer einen grünen Rucksack entdeckt. Darin befindet sich 18 Kilo schwerer Sprengstof­f – Jewell kann gerade noch die Evakuierun­g des Tatorts einleiten. Dieser befindet sich mitten in der Olympia-Partymeile. Zehn Minuten nach der Warnung geht die Bombe hoch, zwei Menschen sterben, 111 werden teilweise schwer verletzt. Nur vier Stunden später wird entschiede­n: Die Spiele gehen weiter.

Jewell wird als Held gefeiert, jedoch schon bald vom FBI als Hauptverdä­chtiger betitelt. Er ist unschuldig. Beim Täter handelt es sich um Eric Rudolph, einen Aktivisten der christlich-extremisti­schen Terrororga­nisation Army of God. Er versteckt sich jahrelang in Höhlen, wird erst 2003 verhaftet und lebenslang verwahrt.

— 1988, Seoul: Das dreckigste Rennen der Geschichte

Was für ein Duell: Carl Lewis gegen Ben Johnson, hier der elegante, unnahbare Superstar aus den USA, da der bullige, aber unbeholfen wirkende Supersprin­ter aus Kanada. Ein Duell aber wird es nicht – Johnson ist zu überlegen und legt die 100 Meter in 9,79 Sekunden zurück, es ist ein irrwitzige­r Fabel-Weltrekord.

Nur drei Tage später folgt eine globale Explosion des Entsetzens. Johnson wird vom Schnellste­n zum Geächteten, weil sein Dopingtest positiv ausgefalle­n ist. Später gibt er Manipulati­onen zu, allerdings versichert er, lange vor den Spielen damit aufgehört zu haben. Eine Person aus dem Lewis-Clan habe ihm die verbotenen Mittel in die Bierdosen gefüllt, die ihn unmittelba­r nach dem Rennen zur Urinabgabe befähigten.

Dass Lewis Gold erbt, ist ein Hohn – sein Dopingverg­ehen wurde kurz vor den Spielen vertuscht. Auch der Rest hat im Zwielicht operiert, sechs der acht Finalisten sind geständige oder überführte Doper. Der Titel «dreckigste­s Rennen der Geschichte» passt ganz gut.

Johnson gibt 1991 ein mehr schlechtes als rechtes Comeback. Zwei Jahre später lässt er sich abermals erwischen und wird lebenslang gesperrt.

— 1984, Los Angeles: Höllenqual­en ab Kilometer 40 Man möchte nicht mehr hinsehen, kann aber nicht anders. Im Marathon hat Gabriela AndersenSc­hiess die Kontrolle über sich selbst verloren. Sie torkelt, wirkt wie eine schief gehaltene Marionette. Die in die USA ausgewande­rte Schweizeri­n hat den letzten Verpflegun­gsposten verpasst, ab Kilometer 40 leidet sie Höllenqual­en. 35 Grad, 90 Prozent Luftfeucht­igkeit – Andersen-Schiess ist dehydriert, auf der Tartanbahn faucht sie herbeieile­nde Helfer an, sie will es irgendwie ins Ziel schaffen. Für die letzten 400 Meter braucht sie sieben Minuten. Die Zuschauer drehen fast durch, die Athletin kämpft nach Rang 37 um ihr Leben. Sie wird auf die Intensivst­ation verlegt, 41,2 Grad Körpertemp­eratur werden gemessen.

Die Bilder gehen um die Welt. Und viele echauffier­en sich, weil niemand frühzeitig eingegriff­en hat. Aus der Schweiz heisst es: Sogar ein Hund oder ein Ross wäre garantiert aus dem Rennen genommen worden.

— 1972, München: Als Olympia die Unschuld verlor

Heitere Spiele in einem toleranten, weltoffene­n Land sollen es werden, 36 Jahre nach dem Propaganda­anlass der Nationalso­zialisten in Berlin. Eine Woche läuft es wunderbar, bis Terroriste­n alles zerstören. «Schwarzer September» nennt sich das palästinen­sische Kommando, das sich am Morgen des 5. September Zutritt zum olympische­n Dorf verschafft und ins Quartier der israelisch­en Equipe eindringt. Der Coach der Ringer wird erschossen, der Rest der Anwesenden als Geiseln genommen.

Die Palästinen­ser fordern die Freilassun­g von 200 in Israel gefangenen Arabern. Im Desaster endet die polizeilic­he Befreiungs­aktion: Nach einem Feuergefec­ht verlieren alle elf Geiseln, ein Beamter und fünf der acht Terroriste­n ihr Leben. Olympia hat definitiv seine Unschuld verloren. Nach einem halben Tag Unterbruch werden die Wettkämpfe fortgesetz­t, die Kritik am Entscheid ist heftig. IOK-Präsident Brundage spricht den berühmten Satz: «The games must go on.»

— 1964, Tokio: Schwestern oder Brüder?

Daheim in der UdSSR sind sie beliebt. Die Konkurrenz aber hält wenig von ihnen: Tamara und Irina Press werden angefeinde­t. Der Grund ist ihr Geschlecht. Oder vielmehr die Zweifel darüber. Sind die Schwestern nicht eher Brüder? Oder Hermaphrod­iten? An den Sommerspie­len in Japan räumen sie ab, die zwei Zentner schwere Tamara gewinnt im Kugelstoss­en und im Diskuswurf, Irina triumphier­t im Fünfkampf.

Gefeiert werden die beiden als Heldinnen des Sozialismu­s. Aus dem Westen aber hagelt es Provokatio­nen: Woher kommt die Baritonsti­mme? Weshalb haben sie stets einen Rasierappa­rat bei sich? Warum duschen sie allein?

Nun, 1966 wird vor der EM in Budapest Knall auf Fall der Geschlecht­ertest eingeführt. Tamara und Irina Press verzichten spontan auf die Reise nach Ungarn, die Oma sei krank, heisst es. Sie ist offenbar krank geblieben: Die Press-Schwestern sind nie mehr an einem Meeting aufgetauch­t.

— 1956, Melbourne:

Krieg im Wasser

Was im Wasserball-Halbfinal zwischen Ungarn und der UdSSR geschieht, wird später gar verfilmt. Zwei Wochen zuvor schlugen sowjetisch­e Truppen beim Einmarsch in Budapest die Demokratie­bewegung nieder. Viele Sportler wissen während der Spiele nicht, wie es ihren Angehörige­n geht. Das Duell ist geprägt von Beschimpfu­ngen, bald artet es aus. Tritte, Hiebe, Ohrfeigen – Experten schreiben von der unfairsten Partie in der Geschichte.

Ungarn führt 4:0, als ein Russe zum Faustschla­g ansetzt. Erwin Zádor wird unter dem Auge getroffen, der Magyare steigt blutend aus dem Wasser. Die

Zuschauer prügeln aufeinande­r ein und verschaffe­n sich Zutritt zum Beckenrand. Es bricht das Chaos aus. Aus Angst vor der totalen Eskalation wird das Spiel abgebroche­n, Ungarn zum Sieger erklärt. Die Weltpresse schlachtet das Geschehen aus. Für die Ungarn ist der Sieg ein Symbol für den Widerstand gegen die Sowjetunio­n. Zahlreiche Spieler aber kehren nach dem Olympiasie­g nicht mehr in die Heimat zurück.

— 1936, Berlin: Schwarz umarmt Weiss

Jesse Owens ist der Star der Spiele. Ob über 100 Meter, 200 Meter, mit der Sprintstaf­fel: Tritt er an, siegt er. Der Afroamerik­aner widerlegt die abstruse These der Nazis von der Überlegenh­eit der arischen Rasse. Gold Nummer 4 soll im Weitsprung folgen, aber nach zwei Fehlversuc­hen droht bereits in der Qualifikat­ion das Aus. Doch da ist Konkurrent Luz Long, der beweist, dass nicht alle Deutschen beharrlich dem braunen Gedankengu­t folgen. Er legt Owens die Hand auf den Rücken, redet ihm gut zu. Dieser schafft es in den Final und springt Weltrekord (8,06 Meter). Long wird Zweiter – Arm in Arm laufen sie danach durchs Stadion. Ob dieser Verbrüderu­ng zeigt sich Adolf Hitler in der Loge schockiert. Ein historisch­es Dokument beweist, was Long danach von höchster Stelle befohlen wird: «Umarme nie mehr einen Neger!»

Owens und Long blieben dennoch in Kontakt. Ihre jahrelange Brieffreun­dschaft endete 1943 jäh, als der Deutsche im Krieg auf Sizilien fiel.

 ?? Foto: Getty Images ?? Marathonlä­uferin Gabriela Andersen-Schiess auf den letzten Metern bei den Sommerspie­len 1984 in Los Angeles.
Foto: Getty Images Marathonlä­uferin Gabriela Andersen-Schiess auf den letzten Metern bei den Sommerspie­len 1984 in Los Angeles.

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