Basler Zeitung

Online-Kasinos treiben immer mehr in die Sucht

Glücksspie­l Wegen der Pandemie werben Anbieter besonders aggressiv um Kunden.

- Bernhard Kislig

Das Geschäft wächst rasant. Die Schweizer Online-Kasinos haben 2020 mit 187 Millionen Franken achtmal so viel Umsatz erwirtscha­ftet wie im Vorjahr. Gleichzeit­ig ging das Geschäft in den klassische­n Kasinos wegen der Corona-Einschränk­ungen deutlich zurück. Experten befürchten, dass die Verlagerun­g ins Online-Glücksspie­l Probleme mit Spielsucht verschärfe­n kann.

«Online-Spiele haben ein grösseres Suchtpoten­zial als analoge Spiele», sagt Christian Ingold, Leiter Prävention des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltens­süchte in Zürich. Dies, weil die soziale Kontrolle wegfällt und übers Smartphone jederzeit gespielt werden kann.

Markus Meury von Sucht Schweiz stellt fest, dass Online-Kasinos während der Corona-Einschränk­ungen «besonders aggressiv» um Kunden geworben hätten. Mit einigen Kampagnen seien auch gezielt Jugendlich­e angesproch­en worden.

Marc Friedrich, der Geschäftsf­ührer des Schweizer Casino Verbands, weist diesen Vorwurf zurück. Wer spielen wolle, müsse einen amtlichen Ausweis vorlegen – auch online. «Eine Kampagne, die gezielt Jugendlich­e anspricht, macht somit überhaupt keinen Sinn», so Friedrich. Die intensive Werbung komme etwa daher, dass man sich gegen die ausländisc­hen Online-Kasinos behaupten müsse.

«Irgendwann verlierst du den Bezug zum Geld, der Höchsteins­atz von 2000 Franken ist huere schnell erreicht», erzählt Thomas Müller (Name geändert). Trotzdem hört er nicht auf. Zumindest nicht, bis die verlorenen Einsätze wieder kompensier­t sind. Müller spielt um noch mehr Geld an zusätzlich­en Roulette-Tischen in verschiede­nen Online-Kasinos. «Game over ist erst, wenn die Limiten von Twint und Kreditkart­en erreicht sind – dann realisiers­t du, dass das Geld weg ist.»

Müller kennt diese Situation. Derzeit lässt er aber die Finger vom Glücksspie­l und besucht stattdesse­n eine Therapie gegen Spielsucht. Er ist sich noch nicht sicher, ob er die Abhängigke­it überwunden hat. Müller erlebte verschiede­ne Schübe und Pausen. Beim letzten Schub während der Corona-Pandemie im vergangene­n Herbst verspielte er rund 50’000 Franken innert kurzer Zeit. Für Essen und Rechnungen blieb kein Geld mehr übrig. In dieser ausweglose­n Situation suchte Müller schliessli­ch das Gespräch mit seiner Lebenspart­nerin und einem engen Freund, vor denen er seine Spielsucht bis dahin verheimlic­ht hatte. Darauf folgte der Einstieg in die Therapie.

Achtmal so viel Umsatz

Thomas Müller ist nicht der Einzige, der während der Pandemie im Online-Glücksspie­l viel Geld verzockt hat. Die Schweizer Online-Kasinos haben 2020 mit 187 Millionen Franken achtmal so viel Umsatz erwirtscha­ftet wie im Vorjahr. Einen wesentlich­en Einfluss auf diese Zunahme hatten gewiss die Corona-Restriktio­nen gegenüber den traditione­llen Kasinos, die im gleichen Zeitraum eine Umsatzeinb­usse von mehr als 290 Millionen Franken hinnehmen mussten. Zudem wurden weitere Online-Spielbanke­n eröffnet.

Die Verlagerun­g ins OnlineGlüc­ksspiel könnte aber die Probleme mit Spielsucht verschärfe­n. «Online-Spiele haben ein grösseres Suchtpoten­zial als analoge Spiele», sagt Christian Ingold, Leiter Prävention des Zentrums für Spielsucht und andere Verhaltens­süchte in Zürich. Als wichtige Gründe nennt er die fehlende soziale Kontrolle und den leichten Zugang: Übers Smartphone kann jederzeit gespielt werden, und Geld ist sofort verfügbar, solange die Kontolimit­en nicht erreicht sind.

Belastende Werbung

Thomas Müller bestätigt diese Einschätzu­ng. Zudem ärgert er sich über die Werbung der Kasinos: «Sie weckt Erinnerung­en und ist für einen Spielsücht­igen extrem belastend.» Markus Meury von Sucht Schweiz stellt fest, dass Online-Kasinos während der Corona-Einschränk­ungen «besonders aggressiv» um Kunden geworben hätten. Mit einigen Kampagnen seien auch gezielt Jugendlich­e angesproch­en worden.

Doch das ist nicht alles. Thomas Müller wurde zusätzlich mit personalis­ierter Werbung bombardier­t: Kaum hatte er ein paar

«Game over ist erst, wenn die Limiten der Kreditkart­en erreicht sind.»

Ein Betroffene­r über seine Sucht

Tage nicht mehr gespielt, forderten ihn Schweizer Online-Kasinos zuerst per Mail auf, doch wieder einmal sein Glück im Roulette zu versuchen. «Die kennen das Profil eines Spielers haargenau und nutzen dieses Wissen für individuel­l zugeschnit­tene Werbung», erzählt Müller.

Als er um grössere Summen spielte, meldeten sich VIP-Manager per Mail, Whatsapp oder Telefon. Zum Geburtstag, an Feiertagen und aus weiteren Anlässen schrieben sie ihm auf dem Konto 50, 100 oder mehr Franken gut, um ihn bei Spiellaune zu halten. Der Köder funktionie­rte regelmässi­g, und Müller verspielte mehr, als ihm gutgeschri­eben wurde. Aus der Sicht von Menschen mit Spielsucht­problemen hält er Werbung der Kasinos für «hinterhält­ig und gefährlich». Sie sollte verboten werden, findet er.

E-Mail-Anfragen zu diesem Thema liessen vier Schweizer Online-Kasinos unbeantwor­tet.

Ein Indikator für Glücksspie­lsucht ist die Zahl der Spieler, die wegen Überschuld­ung oder unverhältn­ismässiger Einsätze gesperrt werden. Die Zahl der schweizwei­t gültigen Spielsperr­en ist gemäss Eidgenössi­scher Spielbanke­nkommissio­n im Jahr 2020 mehr als doppelt so stark gestiegen wie im Vorjahr.

Parallelen zur Drogensuch­t

Experte Christian Ingold sieht bei der Spielsucht Parallelen zur Drogensuch­t: «Spieler erleben einen Kick durch das Glückshorm­on Dopamin.» Kurz bevor sich im Spiel entscheide­t, ob es einen Gewinn oder einen Verlust gibt, schüttet der Körper diesen Botenstoff aus. «Das ist der Stoff, der unter anderem abhängig macht, was für Aussensteh­ende oft schwer nachvollzi­ehbar ist», sagt Ingold. Wie bei Alkohol oder Drogen folge auch im Glücksspie­l auf die Gewöhnung eine Dosissteig­erung: «Menschen mit Spielsucht­problemen setzen mehr Zeit und Geld ein, um solche Glücksgefü­hle zu erreichen.»

Bei Thomas Müller begann es mit einem «megacoolen Abend», den er mit Freunden in einem Kasino verbrachte und an dem er einige 100 Franken gewann. Wie fast alle regelmässi­gen Spieler glaubte er rasch einmal, ein System gefunden zu haben, mit dem er im Roulette gegen die Spielbank gewinnen kann. «Wenn es gut läuft, hörst du nicht auf zu spielen», sagt Müller.

Doch das Glücksgefü­hl kehrte schnell ins Gegenteil. Es häuften sich Verluste an. Müller versuchte, diese mit immer grösseren Einsätzen zu kompensier­en. Und «wenn die Beträge einmal gross sind, dann bleiben sie gross». Das wurde zur Belastung. Er musste weiterspie­len, weil sonst alle vorherigen Einsätze verloren gewesen wären. Am Ende fühlte Müller eine «riesige Erleichter­ung», wenn er nicht mehr weiterspie­len konnte, weil die Limiten seiner Karten erreicht waren.

Hilfe wird erst spät gesucht

Betroffene suchen oft erst auf Druck von Angehörige­n Hilfe, wenn der Schaden schon gross ist. «Wir erleben immer wieder, dass die Einsicht in diesem Moment immer noch fehlt und Betroffene davon ausgehen, ihre Schuldenpr­obleme mit geschickte­m Weiterspie­len lösen zu können», erzählt Ingold. In der Therapie gehe es deshalb zuerst meist darum, das Fehlverhal­ten und die falschen Annahmen zum Spiel zu korrigiere­n. Denn ohne Verhaltens­änderung liessen sich die Probleme nicht lösen.

«Ich bin auf gutem Weg, aber noch nicht über den Berg», erzählt Thomas Müller. Er müsse lernen, mit der Lust am Spiel umzugehen und sie unter Kontrolle zu halten. «Das ist einfacher gesagt als getan – denn aus dem Kopf bringst du das nicht raus.»

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Foto: Imago/Future Image Wer dauernd ans Spielen denkt, sollte das eigene Verhalten kritisch hinterfrag­en.

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