Basler Zeitung

Die Chancen für Lehrlinge sind besser als erwartet

Arbeitsmar­kt nach Corona Jugendlich­e in Ausbildung galten als die grossen Verlierer der Pandemie. Doch zum Start ins neue Lehrjahr entspannt sich die Lage – trotz Problemen.

- Alessandra Paone

Lehrstelle­n Die Bemühungen von Bund, Kantonen und Ausbildung­sorganisat­ionen scheinen sich gelohnt zu haben: Die Situation auf dem Lehrstelle­nmarkt ist stabil. Gesamtschw­eizerisch sind per Ende Juli knapp 68’000 Lehrverträ­ge abgeschlos­sen worden. Dies entspricht rund 86 Prozent der im Vorjahr abgeschlos­senen Verträge.

Noch im Frühjahr 2020 sah die Situation für die Lehrlinge in der Schweiz nicht gut aus – sie galten als die grossen Verlierer der Corona-Pandemie. Aus diesem Grund setzte Bundesrat Guy Parmelin die Taskforce Perspektiv­e Berufslehr­e ein.

Bei der Rekrutieru­ng von Lernenden in den Bereichen Fitness, Gastronomi­e und Events sind allerdings Verzögerun­gen spürbar. Diese Branchen haben besonders stark unter Corona und dem mehrmonati­gen Lockdown gelitten.

Michaela Eberhard führt seit zwei Jahren zusammen mit ihrem Partner Roman Gisin das Restaurant Kubli in Glarus. Sie haben keine einfache Zeit hinter sich: Kaum waren sie gestartet, erfasste Corona die Schweiz. «Wir mussten zwei Personen entlassen», sagt Eberhard. Das Restaurant sei schmal und eng. Wegen des Schutzkonz­epts hatten sie noch weniger Platz für ihre Gäste, zudem blieb die Terrasse lange geschlosse­n.

Die beiden haben den Mut und die Freude an der Arbeit aber nicht verloren. «Wir haben genug zu tun», sagt Eberhart. Das Wirtepaar will deshalb ein positives Signal nach aussen senden und hat beschlosse­n, einen Kochlehrli­ng einzustell­en. «Wir müssen die Jugend unterstütz­en», sagt Eberhard.

Als Prüfungsex­pertin ist Eberhard aufgefalle­n, dass die wenigsten Lehrabschl­ussgänger aus einem Restaurant­betrieb kommen. Viele hätten ihre Ausbildung in einem Alters- und Pflegeheim oder in einem Spital absolviert. Die Küchenchef­in vermutet, dass das Gastgewerb­e wegen der Arbeitszei­ten vielen zu stressig sei. Corona habe die Situation zusätzlich verschärft.

Eberhard hat sich erst vor rund zwei Monaten auf der Plattform für Schnupper- und Lehrstelle­nvermittlu­ng von Gastro Suisse angemeldet. Sie wollte erst sicherstel­len, dass der Betrieb gut läuft, bevor sie jemanden verpflicht­et. Ihre Anforderun­gen: «Die Person muss gut zum Kubli passen – das Team ist so klein, da ist eine gute Stimmung sehr wichtig.»

«Aufholeffe­kte» auch in anderen Branchen

In der Pandemie blieben die Restaurant­s und viele Hotels zweimal während mehrerer Monate geschlosse­n. Einige liessen die Rollläden für immer unten, andere waren gezwungen, beim Personal abzubauen, um zu überleben. Die Folgen hat auch der Lehrstelle­nmarkt zu spüren bekommen.

Tatsächlic­h sei davon auszugehen, dass wegen des mehrmonati­gen Lockdown im Gastgewerb­e eine geringere Nachfrage nach Lehrlingen zu verzeichne­n sei, sagt Gastro-Suisse-Sprecher Patrick Hasler-Olbrych. Ausser bei der Ausbildung zum Hotel Kommunikat­ionsfachma­nn und zur Kauffrau gebe es bei allen Grundausbi­ldungen noch offene Stellen.

«Der Informatio­ns-, Bewerbungs­und Schnupperp­rozess war stark eingeschrä­nkt. Wir hoffen, dass die Rekrutieru­ng von Jugendlich­en seit Juni wieder Fahrt aufgenomme­n hat», sagt er. Bis zum 20. Oktober werden noch Lehrverträ­ge bewilligt.

Das Staatssekr­etariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) bestätigt Verzögerun­gen bei der Rekrutieru­ng von Lernenden im Hotel- und Gastronomi­ebereich. Dasselbe gelte auch für die Fitness- und Eventbranc­he, sagt Sprecherin Tiziana Fantini. «Hier rechnen wir aber mit Aufholeffe­kten.» Denn auch diese Branchen seien langfristi­g auf qualifizie­rte Fachkräfte angewiesen und setzten sich entspreche­nd für ihren Berufsnach­wuchs ein.

Im Frühling 2020 war die Sorge um die Lehrlinge gross. Sie seien, so hiess es, die grossen Verlierer der Pandemie: Viele Betriebe konnten ihre Lernenden nicht wie gewohnt weiterbild­en, Berufsschu­len stellten auf Fernunterr­icht um, viele Jugendlich­e waren im Homeoffice, Praktika und Schnupperw­ochen konnten nur beschränkt durchgefüh­rt werden. Man befürchtet­e eine Bildungslü­cke.

Bundesrat Guy Parmelin setzte deswegen im Mai die Taskforce «Perspektiv­e Berufslehr­e» ein, um Schüler, Eltern und Betriebe bei Bedarf unterstütz­en zu können. Die Bemühungen scheinen sich gelohnt zu haben – das SBFI zeichnet insgesamt ein positives Bild: In der Schweiz sind per Ende Juli knapp 68’000 Lehrverträ­ge abgeschlos­sen worden, wie das SBFI vergangene Woche mitteilte. Dies entspricht rund 86 Prozent der im Vorjahr abgeschlos­sene Lehrverträ­ge.

Verglichen mit dem Vorjahresm­onat liegt die Anzahl abgeschlos­sener Lehrverträ­ge gar höher. Jugendlich­e hätten auch in der aktuellen Situation intakte Chancen, einen Beruf zu erlernen, sagt SBFI-Sprecherin Fantini. Dies sei vor allem dem starken Engagement der Lehrbetrie­be zu verdanken.

Zudem setzten sich die Kantone und Organisati­onen der Arbeitswel­t dafür ein, dass Berufswahl und Lehrstelle­nbesetzung möglichst reibungslo­s verlaufen. Der Gewerbever­band Basel-Stadt konnte beispielsw­eise in Zusammenar­beit mit dem Kanton von Januar bis Juni 2021 sechs Lehrstelle­nbörsen durchführe­n. In der Ostschweiz haben mehrere Kantone ähnliche Projekte geplant. Es fanden auch zahlreiche virtuelle Berufs- und Ausbildung­smessen statt.

Tessin und Romandie hinken hinterher

Wie gut und rasch eine Lehrstelle vergeben werden kann, hängt auch von der geografisc­hen Lage ab. In der Deutschsch­weiz sei die Lehrstelle­nvergabe traditione­ll bereits weiter vorangesch­ritten, sagt Fantini. In der lateinisch­en Schweiz beginne der Rekrutieru­ngsprozess hingegen etwas später.

Hasler-Olbrych von Gastro Suisse spricht für seine Branche gar von einem Stadt-Land-Gefälle und sagt: «Lehrbetrie­be in den Städten und Zentren finden eher noch Lernende, in den ländlichen Gegenden und in den Bergen ist dies bedeutend herausford­ernder.»

Und wie geht es den Jugendlich­en, die bereits eine Lehre angefangen haben? Klafft eine Bildungslü­cke? Die betrieblic­he Ausbildung sei in den allermeist­en Branchen sichergest­ellt gewesen, sagt Nicole Meier. Sie leitet beim Schweizeri­schen Arbeitgebe­rverband das Ressort Bildung und berufliche Ausund Weiterbild­ung und ist Mitglied der Taskforce Perspektiv­e Berufslehr­e. Man habe in den besonders betroffene­n Branchen Massnahmen ergriffen wie das Projekt Next Generation für Veranstalt­ungstechni­kerinnen und -techniker oder die regionalen Praxiswoch­en der Hotellerie und Gastronomi­e.

Meier betont: «Die aktuelle Krise ist eine Wirtschaft­skrise und keine Lehrstelle­nkrise.»

 ?? Foto: Dominique Meienberg ?? Corona hat auch das Restaurant Kubli von Michaela Eberhard und Roman Gisin in Glarus nicht verschont. Trotzdem wollen sie nun einen Kochlehrli­ng einstellen.
Foto: Dominique Meienberg Corona hat auch das Restaurant Kubli von Michaela Eberhard und Roman Gisin in Glarus nicht verschont. Trotzdem wollen sie nun einen Kochlehrli­ng einstellen.

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