Basler Zeitung

Der Wahnsinn der Klassik

Vier Wochen Musik Es gibt ein Lucerne Festival dieses Jahr, beinahe wie vor Corona – am Wochenende wurde es eröffnet. Warum das alles ein bisschen «verrückt» ist.

- Susanne Kübler

Es gibt manchmal verrückte Zufälle. Einen besonders schönen bietet derzeit das Lucerne Festival, dessen diesjährig­es Thema, «Verrückt», festgelegt wurde, bevor es losging mit Corona. Man muss die Wahl als geradezu prophetisc­h bezeichnen, denn der Musikbetri­eb ist durch die Pandemie gründlich aus den Fugen geraten – da wurde im wahrsten Sinn des Wortes fast alles «verrückt» und verschoben. Und die Diskussion­en, wie man zur Normalität zurückkehr­en soll und welche Normalität man überhaupt zurückhabe­n will: Die sind in vollem Gange.

Geführt werden sie in allen Künstlerga­rderoben und Intendante­nbüros dieser Welt, auch in Luzern. In den Sälen selbst dagegen erlebt ein reduzierte­s und maskiertes Publikum das Übliche, nämlich Musik. Aber wer weiss, vielleicht denkt man beim Zuhören doch hin und wieder darüber nach, was denn hier verrückt ist und was normal. Möglichkei­ten dazu bietet das Programm viele. Zum Beispiel diese:

— Inspiratio­n in der Psychiatri­e Der Dichter und Zeichner Adolf Wölfli war in einer Berner Nervenheil­anstalt interniert; der schizophre­ne Visionär Antonin Artaud wurde mit Quecksilbe­r und Elektrosch­ocks behandelt; Friedrich Hölderlin musste wegen seiner nicht näher diagnostiz­ierten «Raserei» ebenfalls traumatisc­he Kuren über sich ergehen lassen; Niklaus Lenau versank nach einem Schlaganfa­ll in geistiger Umnachtung.

Ihre Kunst hat – wie jene von anderen Psychiatri­epatienten und opfern – zahlreiche zeitgenöss­ische Komponiste­n inspiriert: Wolfgang Rihm zum Beispiel, den Leiter der Lucerne Festival Academy, der seine expressive Tonsprache in der Reibung mit dem Unergründl­ichen entwickelt hat. Oder Heinz Holliger, der zwei Werke aus seinem grandiosen «Scardanell­i»Zyklus dirigieren wird.

Allerdings hat sich gerade Holliger stets und zu Recht gegen das Etikett eines «Spezialist­en für Verrückte» gewehrt: Wer wirklich wahnsinnig sei, könne weder schreiben noch komponiere­n. Was ihn interessie­rt, ist jene Zone «am Rand», wo Kunst im Wesentlich­en stattfinde­t: «Ein Komponist würde nicht komponiere­n, wenn er in der Mitte der Strasse unterwegs wäre», hat er einmal gesagt. Und: «Wenn normale Menschen komponiere­n, dann kommt doch allenfalls Clementi dabei heraus.»

— Ein Verkaufsar­gument

Ist also jedes bedeutende Werk verrückt? Michael Haefliger würde das als Intendant des Lucerne Festival wohl bestätigen, nur schon aus pragmatisc­hen Gründen. Denn so kann man zum Beispiel Beethovens ganz aus dem eröffnende­n «tatatataaa» entwickelt­e 5. Sinfonie im Programmhe­ft als «obsessiv» deklariere­n: Et voilà, schon passt sie zum Festivalth­ema.

Nur: Gibt es überhaupt ein Festivalth­ema, zu dem eine BeethovenS­infonie nicht passen würde? Reicht ein Adjektiv, um einen Repertoire­hit in eine neue Perspektiv­e zu stellen? Wäre es nicht ehrlicher, zu sagen, wir spielen Beethoven, weil wir Beethoven spielen?

— Tasten und Kisten

Zum Glück gibt es Interpreti­nnen und Interprete­n, die sich selbst bei berühmten Werken aus den üblichen Routinen befreien können. Yuja Wang etwa, die chinesisch­e Pianistin, WahlNewYor­kerin und diesjährig­e «Artiste étoile» in Luzern: Sie spielt so schnell und gleichzeit­ig so gar nicht maschinell, dass man bei jedem ihrer Auftritte denkt: Wahnsinn.

Andere suchen lieber ganz neue Wege. Der Klarinetti­st Reto Bieri etwa, der auch als Programmge­stalter gern mit Konvention­en bricht. So liess er sich gestern zusammen mit der Geigerin Patricia Kopatchins­kaja und anderen Verbündete­n in Transportk­isten auf die Bühne schieben, um die Sache mit dem «Verrücken» so richtig schön plastisch zu machen. Das ist schräg, natürlich. Anderersei­ts: Ein Auftritt im Frack ist im Jahr 2021 auch nicht wirklich normal.

— Genie und Wahnsinn

Im Laufe der Musikgesch­ichte wurden ja viele für verrückt erklärt, die in der Rückschau «nur» innovativ waren: Monteverdi und Schönberg, Gesualdo und Strawinsky. Das Lucerne Festival kümmert sich nun aber vor allem um Robert Schumann, der einen eigenen Zyklus erhält. Wo liegt die Grenze zwischen Genie und Wahnsinn? Die Frage wird im Zusammenha­ng mit seinen Werken bis heute diskutiert. Beim Violinkonz­ert etwa, dessen Publikatio­n Clara Schumann verhindern wollte. Und erst recht bei den «Geistervar­iationen», Schumanns letztem Werk, das er aufgrund von akustische­n Halluzinat­ionen und unterbroch­en von einem Selbstmord­versuch schrieb.

Kurz danach liess sich Schumann mit der Diagnose «Melancholi­e mit Wahn» in die «Anstalt für Behandlung und Pflege von Gemütskran­ken und Irren» in Endenich bei Bonn einweisen; dort lebte er noch gut zwei Jahre, versuchte gelegentli­ch, Klavier zu spielen, und starb dann mit nur 46 Jahren. Dass später bei Biografen, Forscherin­nen und Filmern gerade sein trauriges Schicksal auf besonderes Interesse stiess, ist ein anderes Kapitel. Eines, das in diesen im Hinblick auf psychische Befindlich­keiten ebenso exhibition­istischen wie voyeuristi­schen Zeiten wieder besonders aktuell ist.

— Irre Effekte

Wie attraktiv Grenzzustä­nde in musikalisc­her Hinsicht sein können, hört man nicht nur in den berühmten Wahnsinnsa­rien der romantisch­en Opernheldi­nnen. Auch in rein instrument­alen Werken werden mit irren Effekten allerlei Dämonen beschworen: Schumanns «Manfred»Ouvertüre übersetzt die seelische Zerrissenh­eit des Protagonis­ten mit wilder Chromatik in eine musikalisc­he. In Liszts «Faust»Sinfonie verzerrt Mephisto die Themen des Titelhelde­n in klingende Fratzen.

Rebecca Saunders präsentier­t als Composerin­Residence Werke, in denen sie auch mal «das Monster rauslässt». Und die barocke Form der Follia, die einen mit ihren unendliche­n Variatione­n über immer demselben Bassmodell zuverlässi­g in Trance versetzt, verweist schon in der Gattungsbe­zeichnung auf den Wahnsinn.

— Fehlt da was?

Vier Wochen dauert das diesjährig­e Lucerne Festival, das klingt nach Normalität. Aber es ist eine Normalität mit Einschränk­ungen: Maximal 1000 Menschen dürfen ins KKL, das Sicherheit­skonzept verbietet Pausen. Und dann fehlen im Programm die amerikanis­chen Orchester. Werden sie künftig wieder anfliegen wie früher? Oder ist der vor Corona übliche Tourneerum­mel eine jener Verrückthe­iten, die man sich seltener leisten wird?

— Herbert Blomstedt

Nein, der schwedisch­e Dirigent und WahlLuzern­er Herbert Blomstedt ist nicht wahnsinnig. Im Gegenteil, er ist mit seinen 94 Jahren bemerkensw­ert fit und heiter und schlagfert­ig. Aber er muss hier dennoch vorkommen: weil er letztes Jahr, beim kurzfristi­g doch noch möglichen MiniLucern­eFestival, das Eröffnungs­konzert dirigiert hat – Corona hin, Risikogrup­pe her. Weil er auch dieses Jahr wieder aufs Podium steigt, zusammen mit den Wiener Philharmon­ikern, bei denen er einst mit 83 Jahren debütiert hat. Und weil er wie kein anderer vorführt, wie gesund die Verrückthe­it nach Musik sein kann.

Infos zum Programm gibt es unter www.lucernefes­tival.ch

Yuja Wang spielt so schnell und gleichzeit­ig so gar nicht maschinell, dass man bei jedem ihrer Auftritte denkt: Wahnsinn.

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Foto: Ian Douglas (The New York Times, Redux, Laif) Die Spezialist­in für irre schnelle Tempi: Die Chinesin Yuja Wang bei einem Auftritt in der Carnegie Hall in New York 2013.

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