Basler Zeitung

Auf das Polit-Chaos folgt das Erdbeben

Katastroph­e in der Karibik In Haiti sterben über 700 Menschen. Dabei kämpft das bitterarme Land noch immer mit den Folgen des verheerend­en Bebens von 2010, mit Unruhe und mit Kriminalit­ät.

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Christoph Gurk

In Haiti ist am Sonntag die Zahl der Toten nach dem starken Erdbeben vom Samstag stark angestiege­n. 724 Leichen wurden laut offizielle­n Angaben schon geborgen, viele weitere Menschen wurden gestern aber noch vermisst, und die Lage war kaum zu überschaue­n. Strassen wurden zerstört oder durch Erdrutsche unpassierb­ar. Helfer haben grosse Probleme, in die besonders stark betroffene Region im Südwesten des Landes vorzudring­en. Ganze Ortschafte­n seien dort dem Erdboden gleichgema­cht worden, sagte Jerry Chandler, der Direktor der staatliche­n Zivilschut­zbehörde. Die Spitäler seien kaum noch in der Lage, die vielen Verletzten aufzunehme­n: «Die Not ist riesig.»

Das Beben der Stärke 7,2 hatte sich am Samstagmor­gen gegen 8.30 Uhr Ortszeit ereignet. Das Epizentrum lag dabei in der Nähe von Saint-Louis-du-Sud, etwa 130 Kilometer südwestlic­h der dicht besiedelte­n Hauptstadt Port-au-Prince. Videos auf Social Media zeigen Menschen, die in Panik aus ihren Häusern rennen. Bei vielen Haitianern wurden durch die Erschütter­ungen sofort Erinnerung­en an das verheerend­e Erdbeben von 2010 wach. Damals waren mindestens 200’000 Menschen gestorben, Hunderttau­sende Menschen wurden verletzt, Millionen verloren ihre Häuser.

Bis heute hat sich der bitterarme Karibiksta­at nicht von der Katastroph­e erholt. Dem Beben von 2010 folgte eine Cholera-Epidemie, eingeschle­ppt vermutlich durch UNO-Soldaten, die für den Wiederaufb­au auf die Insel entsandt worden waren. In den folgenden Jahren trafen dazu immer wieder Wirbelstür­me die Insel. Vor allem der Hurrikan Matthew richtete 2016 schwere Verwüstung­en an, auch in jener Region des Landes, die nun abermals von dem Erdbeben am Samstag schwer getroffen wurde.

Der Präsidente­nmord ist noch immer ungeklärt

Zu den verschiede­nen Naturkatas­trophen kamen in den vergangene­n Monaten und Jahren auch noch politische­s Chaos, Korruption und Kriminalit­ät. Anfang Juli wurde Präsident Jovenel Moïse bei einem Attentat ermordet. Ein Trupp schwer bewaffnete­r kolumbiani­scher Söldner war frühmorgen­s in die

Privatresi­denz des Politikers eingedrung­en und hatte das Feuer eröffnet. Der Präsident starb, seine Frau wurde schwer verletzt. Die vermutlich­en Attentäter wurden rasch festgenomm­en, die Hintergrün­de der Tat und deren Auftraggeb­er sind aber weiterhin unklar. Um die Nachfolge von Moïse ist ein Machtkampf entbrannt, es gibt kein funktionsf­ähiges

Parlament und einen umstritten­en Übergangsp­räsidenten, Ariel Henry.

Henry überflog am Samstag das Katastroph­engebiet und rief einen einmonatig­en Notstand aus. Die Haitianer müssten zusammenst­ehen, schrieb er auf Twitter und zitierte einen Wahlspruch Haitis: «L’union fait la force» – Kraft durch Einigkeit.

Organisati­onen wie das Rote Kreuz versuchen, den Menschen schnelle Hilfe zu leisten. Teilweise seien noch Verschütte­te in den Trümmern eingeschlo­ssen und müssten geborgen werden, berichten Rettungskr­äfte aus der Erdbebenre­gion. Es brauche sauberes Trinkwasse­r, Nahrungsmi­ttel und Medizin. Helfer befürchten, dass ihre Arbeit erschwert werden könnte durch kriminelle Gangs. Diese kontrollie­ren Teile der Hauptstadt und hatten zuletzt auch Strassen blockiert. Es sei unmöglich, bestimmte Gebiete zu passieren, erklärte ein Sprecher von Unicef.

Aus der Stadt Les Cayes, die nur unweit des Epizentrum­s des Bebens liegt, kommen Berichte über Dutzende eingestürz­te Gebäude, zerstörte Hotels und Kirchen. Über einen Radiosende­r bat das Krankenhau­s in der schwer getroffene­n Stadt Mediziner und Krankenpfl­eger um dringende Hilfe. Patienten müssten auf Bahren unter freiem Himmel behandelt werden. Das haitianisc­he Gesundheit­sministeri­um dagegen rief die Bevölkerun­g dazu auf, Blut zu spenden.

Internatio­nale Hilfe in Aussicht gestellt

Auch aus dem Ausland gibt es Anteilnahm­e und Unterstütz­ungsbekund­ungen. Die Organisati­on Amerikanis­cher Staaten (OAS) bot Haiti Hilfe an, und die US-Regierung erklärte, die Vereinigte­n Staaten würden dabei helfen, den Schaden zu bemessen und das Land wieder aufzubauen. Präsident Biden erklärte

in einer Mitteilung, die Vereinigte­n Staaten seien dem haitianisc­hen Volk in enger und beständige­r Freundscha­ft verbunden: «Wir sprechen all jenen unser tiefstes Beileid aus, die einen geliebten Menschen verloren haben oder deren Häuser und Geschäfte zerstört wurden.»

Die Schweiz entscheide­t in Kürze, ob sie neben der bereits vor Ort angelaufen­en Hilfe Verstärkun­g aus der Schweiz entsenden wird, wie das Eidgenössi­sche Departemen­t für auswärtige Angelegenh­eiten gestern auf Anfrage der Nachrichte­nagentur Keystone-SDA mitteilte.

Inmitten der anlaufende­n Hilfe gibt es die Angst, dass die Bergungsar­beiten in den kommenden Tagen durch weitere Naturkatas­trophen erschwert werden könnten: Es gibt noch immer heftige Nachbeben, und der Tropenstur­m Grace könnte das Land Anfang Woche treffen, mit starken Windböen und heftigen Regenfälle­n.

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Foto: Keystone Einwohner versammeln sich vor einem zerstörten Hotel in der Stadt Les Cayes, die nahe beim Epizentrum des Bebens liegt.

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