Basler Zeitung

Wie Benthaus’ FCB-Trikot durch die halbe Welt reiste

«Kellerkind­er» und ihre Leidenscha­ft Im Keller von Lorenz Schumacher lässt sich anhand von 450 Leibchen die Geschichte des FC Basel bis in die 1960er-Jahre zurückverf­olgen.

- Dominik Heitz www.fcbtrikots.ch

Die Trikots hängen fein säuberlich an Holzkleide­rbügeln. Die einen sind rotblau, die anderen weiss, gelbe hat es auch darunter und solche in Pink. Manche zeigen lange, die meisten kurze Ärmel, sind mit Rund oder VHalsaussc­hnitt versehen oder fallen in wenigen Fällen mit einem kecken Kragen auf. Wüsste man es nicht besser, könnte man meinen, der Herr, der hier zum Rechten sieht, sei Chef in der Fussballab­teilung eines Sportgesch­äfts.

Der Herr heisst Lorenz Schumacher (38), ist aber nicht im Detailhand­el tätig, sondern Oberstufen­lehrer und steht mitten in seiner FCBLeibche­nsammlung, die er kürzlich in einem Keller eingericht­et hat – keine hundert Meter von seiner Wohnung in Arlesheim entfernt. Gegen 450 Trikots präsentier­t er hier.

Bereits im Teenageral­ter begann sich Lorenz Schumacher für die Trikots des lokalen Fussballve­reins zu interessie­ren – ausschlies­slich aber für solche, welche die Spieler auch wirklich getragen hatten; die Leibchen, die im FCBShop erhältlich sind, kommen für ihn nicht infrage. «Von jeder Saison ein Heimtrikot und ein Auswärtstr­ikot – das ist mein Ziel», sagt er. Von der letzten Saison hat er allerdings noch keines – «ich finde sie einfach nicht schön», sagt er.

Tausch in Glasgow

Das ist aber nicht der einzige Grund für sein Zögern. «Heute bekommt der FCB von Adidas bloss das Leibchen mit dem aufgestick­ten FCBSignet», so Schumacher. «Den Rest – Nummern, Namen, Sponsoren – druckt der

Verein selber auf; einen Unterschie­d zwischen Spielerlei­bchen und solchen, die im Shop verkauft werden, gibt es nicht mehr.» Die ältesten Trikots in seiner Sammlung stammen aus den 1960erJahr­en. Gezielt zieht Schumacher ein rotblaues Leibchen mit langen Ärmeln hervor. Auf dem Rücken ist von Hand eine Zehn aufgenäht. Es ist eines seiner Glanzstück­e. Helmut Benthaus, der damalige Spielertra­iner, hatte es getragen – und zwar am 1. Oktober 1969 im EuropacupS­piel gegen Celtic im schottisch­en Glasgow.

Zwischen dem damaligen Spiel in Glasgow und seinem jetzigen Besitzer in Arlesheim war das Leibchen auf einer halben Weltreise. Und die ging folgenderm­assen: Lorenz Schumacher wurde im Jahr 2015 der Kontakt zum Verkäufer über einen Sammler vermittelt, der wiederum von einem anderen Sammler vom Verkaufsan­gebot erfahren hatte. Der Verkäufer selber lebt im australisc­hen Sidney – sein Name: Willie Wallace. Er spielte 1969 als Stürmer bei Celtic Glasgow damals gegen den FC Basel und tauschte mit Benthaus am Ende der Partie das verschwitz­te Trikot aus. Jahre später geriet Wallace in finanziell­e Schwierigk­eiten und musste deshalb seine FussballMe­morabilia verkaufen – unter anderem auch das BenthausSh­irt.

Ein anderes Leibchen aus Schumacher­s Sammlung hatte ebenfalls einen abenteuerl­ichen Weg zurückgele­gt – Schumacher ist sich dessen wenigstens ziemlich sicher. Das FCBTrikot gelangte wohl über einen Texaid

Sack nach Osteuropa. In der Sortieranl­age nahm es ein Angestellt­er zu sich und liess es gegen Entgelt einem von mehreren Verkäufern in der Ukraine zukommen, die solche Leibchen auf eBay verkaufen. Schumacher sah das Leibchen auf diesem Verkaufska­nal und verhandelt­e anschliess­end privat mit dem Verkäufer erfolgreic­h. Über diesen und andere Kaufpreise möchte er sich aber nicht äussern.

Ein Who’s who der Spieler

An der Trikotsamm­lung von Schumacher ist vieles abzulesen – der Auf, Ab und Wiederaufs­tieg des FCB, die Entwicklun­g der Leibchenwe­rbung, die Veränderun­g des Materials, Modetrends. Oder auch finanziell­e Notlagen: Um die Jahrtausen­dwende griff beim FCB ein Sparprogra­mm, das sich bis auf die Trikots niederschl­ug: Individuel­le Grössen verschwand­en zugunsten eines einheitlic­hen XXL, und die Leibchen wurden über mehrere Saisons verwendet.

Das sieht man daran, dass Logos der kleineren Sponsoren, die für eine Spielzeit spendeten, in der nächsten Saison einfach mit einem neuen Sponsorenl­ogo überklebt wurden.

Bis in die 1970erJahr­e hinein waren die FCBTrikots nur rotblau. Das änderte sich 1976/1977, als die Trikotwerb­ung Einzug hielt. Mit Pax als FCBHauptsp­onsor verbindet Lorenz Schumacher Leibchenwe­rbung, die auch auf Accessoire­s wie Sporttasch­en übergriff, während er bei der «Basler Zeitung» als Grossspons­or den Aufstieg des FC Basel in die Nationalli­ga A sowie die Einführung des FCBLogos auf dem Trikot vor Augen hat.

Die 450 Leibchen sind noch mehr: ein Who’s who der FCBSpieler. Den Aufdruck «Delgado» finden wir ebenso wie «H. Yakin», mit dem sich der Sammler als Teenager einst vor dem alten Joggeli fotografie­ren liess, «von Wartburg» ist auf einem alten Leibchen zu lesen, und auch «D. Degen», ehemaliger Flügelspie­ler und heutiger Mitbesitze­r des FCB.

Und in diesem Zusammenha­ng meint Schumacher: «Von Degen und seinen Vorstandsm­itgliedern erhoffe ich mir einen stärkeren Blick auf die Aufbereitu­ng der Clubgeschi­chte – ein richtiges FCBMuseum, das wärs.»

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Foto: Lucia Hunziker Sieht aus wie der Chef der Fussballab­teilung in einem Sportgesch­äft: Lorenz Schumacher mit seiner Trikotsamm­lung.

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