Basler Zeitung

WHO kritisiert Drittimpfu­ngen

Gerechte Verteilung Moralisch ist es heikel, dass sich reiche Länder noch mehr Corona-Vakzine sichern. Doch auch wissenscha­ftlich sind die Auffrischu­ngsimpfung­en zum jetzigen Zeitpunkt umstritten.

- Anke Fossgreen

Seit gestern geht es in Israel auch für die über 40-Jährigen und das Gesundheit­spersonal in die dritte Runde. Israel hatte als erstes Land bereits Ende Juli den über 60-Jährigen eine dritte Covid19-Impfung ermöglicht. Zuvor hatten schon immungesch­wächte Person eine Drittimpfu­ng bekommen. Über 20 Prozent der 50- bis 59-Jährigen haben in Israel bereits das Angebot angenommen, bei den über 90-Jährigen sind es mehr als 60 Prozent. Auch andere Länder – darunter die Schweiz – diskutiere­n, ob ebenfalls eine dritte Covid19-Impfung bald zum Einsatz kommt. Neben Israel gibt es in zehn weiteren reichen Ländern konkrete Pläne, der Bevölkerun­g eine Auffrischu­ngsimpfung anzubieten.

Das hat die Weltgesund­heitsorgan­isation WHO in Aufruhr versetzt. Der Grund: Wenn diese Länder alle über 50-Jährigen zur Booster-Impfung auffordern, müssen 440 Millionen Impfdosen bereitgest­ellt werden. Das habe die WHO berechnet, schreibt Amy Maxmen in der Fachzeitsc­hrift «Nature». Würden nun alle Länder mit hohem und mittlerem Einkommen dasselbe tun, würden gar doppelt so viele Impfdosen benötigt, fügt die Wissenscha­ftsjournal­istin an.

Zu «Sprint» aufgerufen

Diese fehlenden Impfdosen gefährden aber den Plan der WHO, die Impfungen global voranzubri­ngen. «Während Hunderte Millionen Menschen weltweit auf eine Covid-19-Impfung warten, planen einige der reichen Länder Booster-Impfungen einzusetze­n», sagte der Generaldir­ektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesu­s, Anfang August bei einer Pressekonf­erenz.

Dabei hätten die Länder mit hohem und mittlerem Einkommen von den vier Milliarden weltweit verabreich­ten Impfdosen bereits 80 Prozent für ihre Bevölkerun­g eingesetzt – obwohl sie weniger als 50 Prozent der Weltbevölk­erung ausmachen.

Bereits Ende Mai habe er zu einem «Sprint» aufgerufen, sagte Tedros, um zumindest 10 Prozent der Bevölkerun­g in den übrigen Ländern bis Ende September durch Impfungen zu schützen – zunächst Alte, Kranke und das Gesundheit­spersonal. Die WHO sei zwar derzeit «auf halben Weg», aber der Plan gehe nicht auf. Inzwischen hätten sich die Länder mit hohen und mittleren Einkommen so viele Impfstoffe gesichert, dass sie ihre gesamte Bevölkerun­g schützen können. Die ärmeren Länder könnten mit den verbleiben­den Impfstoffe­n jedoch nur 1,5 Prozent ihrer Einwohneri­nnen und Einwohner immunisier­en, rechnete Tedros vor.

Der WHO-Plan sieht eigentlich vor, bis Ende des Jahres 40 Prozent der Weltbevölk­erung zu impfen und dann bis Mitte nächsten Jahres 70 Prozent. Deshalb müsse jetzt die Mehrzahl der Impfstoffe an die ärmeren Länder gehen, drängte Tedros und forderte ein Moratorium, die dritte Auffrischu­ngsimpfung bis mindestens Ende September auszusetze­n.

In der Schweiz dürfen seit dem 21. Juli immunsuppr­imierte Personen ein drittes Mal geimpft werden, die beispielsw­eise wegen einer Organtrans­plantation nicht genügend Antikörper als Abwehr nach der Impfung bilden können. Das geschehe jedoch im Rahmen einer Grundimmun­isierung, teilt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) mit, und sei keine

Auffrischu­ngsimpfung. Die in der Schweiz eingesetzt­en mRNAImpfst­offe sind derzeit nur für zwei Impfdosen zugelassen – ohne Auffrischu­ng. Um diese Fälle geht es der WHO aber ausdrückli­ch nicht.

USA planen dritte Runde

Es sind Staaten wie Israel, die andere animieren. Dabei würde das weitreiche­nde israelisch­e Programm mit der dritten Impfung lediglich «etwas mehr als eine Million Dosen» erfordern, sagte Eran Segal, Informatik­er am Weizmann Institute of Science in Rehovot und Covid-19-Berater der israelisch­en Regierung, gegenüber «Nature». Das sei vernachläs­sigbar, und die Welt werde aus dieser Erfahrung lernen.

Aber das Beispiel macht Schule: Die USA plant, ab 20. September Booster-Impfungen «allen Amerikaner­innen und Amerikaner­n» anzubieten – zunächst dem Gesundheit­spersonal, Menschen in Pflegeheim­en und älteren Menschen, bei denen die Impfung länger als acht Monate her ist. Zuvor muss die US-Arzneimitt­elbehörde FDA die Zulassungs­anträge von Pfizer/Biontech und Moderna für die Drittimpfu­ng genehmigen.

In Grossbrita­nnien wird derzeit diskutiert, ob im Herbst allen über 50-Jährigen zusammen mit der Grippeimpf­ung eine dritte Covid-19-Impfung verabreich­t werden soll oder ob zunächst Risikopers­onen, ihre Angehörige­n, ältere Menschen und das Gesundheit­spersonal dafür in Betracht kommen. Und in Deutschlan­d kündigten die Gesundheit­sminister von Bund und Ländern vor kurzem an, ab September eine dritte Impfung beispielsw­eise Bewohnern von Pflegeheim­en und immungesch­wächten Personen anzubieten. In der Schweiz werde die dritte Impfung als Auffrischu­ng «mittelfris­tig ein Thema sein», sagte Patrick Matthys vom BAG am Dienstag in einer Pressekonf­erenz.

Drittimpfu­ngen im grossen Stil verstärken jedoch die Ungleichhe­it der Impfstoffv­erteilung, bemängelt Owen Schaefer von der National University of Singapur zusammen mit Kollegen kürzlich in einem Kommentar in der Fachzeitsc­hrift «Jama». Dabei sei der erwartete Nutzen der Booster-Impfungen – also reduzierte Spitalaufe­nthalte und Todesfälle – gering im Vergleich zum Nutzen, den diese Impfdosen für ungeimpfte Menschen weltweit hätten.

Nutzen nicht bewiesen

Neben derartigen moralische­n Appellen führt die WHO zudem wissenscha­ftliche Erwägungen ins Feld. Zum jetzigen Zeitpunkt sei der Nutzen für eine umfassende dritte Auffrischu­ngsimpfung der Bevölkerun­g nicht eindeutig bewiesen, schrieb die WHO kürzlich in einer Pressemitt­eilung. Zu dem Schluss kam ein Expertengr­emium der WHO, das die aktuellen Studien ausgewerte­t hat. Noch sei aus den Daten nicht erkennbar, ob der Impfschutz tatsächlic­h sechs Monate nach den ersten Impfungen deutlich abnehmen könnte. Zwar gebe es Hinweise darauf, dass die Impfungen gegen einige der Virus-Varianten weniger wirksam sein könnten. Aber selbst wenn sich geimpfte Personen, wie es in seltenen Fällen vorkommt, infizierte­n, sei die grosse Mehrheit ihrer Krankheits­verläufe weniger schwer als bei Ungeimpfte­n, bilanziert das Expertengr­emium der WHO.

In der Schweiz dominiert wie in vielen europäisch­en Ländern die ansteckend­ere Delta-Variante. Geimpfte können dennoch beruhigt sein. Die beiden Impfstoffe von Pfizer/Biontech und Moderna, die hierzuland­e verabreich­t werden, schützen nach aktuellem Wissenstan­d zu 88 bis 100 Prozent vor schweren Krankheits­verläufen.

Die WHO-Fachleute weisen noch auf einen anderen Aspekt hin, warum die gerechte Verteilung der Impfstoffe für alle Länder wichtig ist: Die Pandemie kann nicht gestoppt werden, wenn nur einzelne Länder vollständi­g geschützt sind – aber andere nicht. So können die Coronavire­n in den Ländern, wo die Bevölkerun­g kaum immun ist, nahezu ungebremst zirkuliere­n. So erhöht sich die Gefahr, dass neue und potenziell gefährlich­ere Varianten entstehen, die den Impfschutz umgehen könnten.

Diese Varianten gelangen dann auch in die vermeintli­ch geschützte­n Länder – und alles beginnt von vorn.

«Hunderte Millionen Menschen warten weltweit auf eine Covid-Impfung.» Tedros Adhanom Ghebreyesu­s

WHO-Generaldir­ektor

 ?? Foto: Thoko Chikondi (AP) ?? Gesundheit­szentrum in der Stadt Ndirande in Malawi: In dem südostafri­kanischen Staat sind nicht einmal 1,5 Prozent der Bevölkerun­g vollständi­g immunisier­t.
Foto: Thoko Chikondi (AP) Gesundheit­szentrum in der Stadt Ndirande in Malawi: In dem südostafri­kanischen Staat sind nicht einmal 1,5 Prozent der Bevölkerun­g vollständi­g immunisier­t.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland