Basler Zeitung

Eingebaute­r Filter

Neue Erfindung Mit einer WC-Brille mit eingebaute­m Filter will der Zürcher Tüftler Raymond Lüdi für gute Luft auf dem stillen Örtchen sorgen – und gleichzeit­ig Coronavire­n bekämpfen.

- Angelika Gruber

Covid-19 macht ihn erfinderis­ch: Raymond Lüdi hat eine WC-Brille entwickelt, die nicht nur Gerüche bekämpft, sondern auch Coronavire­n.

Die Idee zu seiner Erfindung kam dem Zürcher Tüftler Raymond Lüdi auf der Toilette. Vor etlichen Jahren sass er da in seiner Altbauwohn­ung und hatte nach einem grossen Geschäft einige Mühe damit, das schwer zugänglich­e WC-Fenster zu öffnen. Das war nur mit einem langen Eisenstab möglich und glich einer Geschickli­chkeitsübu­ng.

Also dachte sich Lüdi, da müsse es doch auch eine andere, bessere Möglichkei­t geben, den Gestank aus dem WC zu bringen.

Er fing an, zu überlegen. Was ihm vorschwebt­e, war ein Gerät, das die unangenehm­en Gerüche direkt dort absaugt, wo sie entstehen – in der WC-Schüssel. Gemeinsam mit einem Designer und einem Konstrukte­ur entwickelt­e er eine WC-Brille, die das kann.

Bei dieser sind an der Unterseite kleine Ventilator­en eingebaut, die die Luft absaugen. Die wird anschliess­end durch einen Aktivkohle­filter an der Rückseite der WC-Brille geleitet. Der fängt die nicht erwünschte­n Düfte auf, und die Luft kommt anschliess­end – gestankfre­i – wieder raus.

Den ersten Prototyp für seine Erfindung hatte Lüdi vor rund zehn Jahren fertig und meldete ein Patent an. Seither verkauft er über seine Firma Belair die WCBrillen mit integriert­er Lüftung – zu 270 bis 290 Franken pro Stück – je nachdem, ob sie mit Akku laufen oder über ein Netzteil.

Zu den Abnehmern zählen Privatpers­onen, aber vor allem Firmen, die die Lüftung für ihre WCs, die sich Kunden und Mitarbeite­r teilen, installier­en.

Er hat das Erfinden im Blut

Das Erfinder-Gen liegt dem studierten Juristen im Blut. «Auch mein Vater und mein Grossvater waren Erfinder», sagt er. Der Grossvater entwickelt­e ein chemisches Verfahren, um aus Hornmehl Knöpfe herzustell­en. Der Vater meldete drei Patente für elektronis­che Heizungsst­euerungen an.

Lüdi selbst arbeitete nach seinem Studium zunächst als Journalist. Dann ermöglicht­e es ihm eine Erbschaft, sich ganz auf seine Erfindung zu konzentrie­ren. «Ich wollte selber etwas machen, nicht nur beobachten», sagt er.

Zusammenge­baut werden die WC-Brillen in Amriswil im Thurgau von zwei Monteuren. Die Spritzguss­teile für die Brillen und die elektronis­chen Bauteile für die Ventilator­en importiert Lüdi aus China. Insgesamt arbeiten fünf Leute für seine Firma.

Während der Corona-Krise zogen die Verkäufe der WC-Brillen an. Berichte machten die Runde, wonach Coronavire­n teilweise auch auf dem WC nachweisba­r seien. Lüdi hatte auch für dieses Problem eine Lösung: Er baute zusätzlich zu dem bestehende­n Aktivkohle­filter einen FFP2-Filter in die Modelle ein. Der soll die Luft nicht nur von unangenehm­en Gerüchen reinigen, sondern auch Corona-frei machen.

Mittlerwei­le ist der CoronaHype zwar vorbei. Die Verkaufsza­hlen steigen jedoch weiter, wie Lüdi sagt. Im vergangene­n Jahr hat er rund tausend Stück verkauft, im laufenden Jahr sollen es zwei- bis dreimal so viel werden.

Denn seit einigen Monaten gibt es seine WC-Brillen in den Jumbo-Baumärkten und online auch bei Media-Markt in Deutschlan­d. Käufer sind dort Privatkund­en, die unter anderem bei einem Einzug in eine neue Mietwohnun­g auch eine neue WC-Brille anschaffen wollen.

Bei Neubauten als Erstaussta­tter zum Zug zu kommen, ist für Lüdi jedoch schwierig. Denn in der Schweiz sei es Vorschrift, dass für jedes WC auch eine Lüftung nach aussen eingebaut werde.

Aus Lüdis Sicht ist seine Erfindung jedoch deutlich umweltfreu­ndlicher. Es spart Energie,

wenn die Luft im WC bleibt und direkt dort gereinigt wird, so sein Argument. Im Winter müsse die Frischluft sonst wieder aufgeheizt werden.

Damit seine Erfindung von den Schweizer Behörden künftig als vollwertig­e Lüftung anerkannt wird, ist Lüdi im Gespräch mit dem Schweizeri­schen Ingenieuru­nd Architekte­nverband, der die Baunormen bestimmt. Das Interesse der Haustechni­kbranche an seiner WC-Brille sei gering, sagt Lüdi. Denn viele Sanitärfir­men verkauften nicht nur die WCSchüssel­n, sondern bauten auch gleich noch die Aussenlüft­ung mit ein, erklärt er. Mit seiner WC-Brille mit integriert­er Lüftung würde ihnen dieses Geschäft durch die Lappen gehen.

«Ich wollte selber etwas machen, nicht nur beobachten.» Raymond Lüdi

Erfinder

Firmengrün­dungen boomen

Andere Schweizer Firmen haben in der Corona-Krise ebenfalls neue Produkte entwickelt oder sich mit einer Idee selbststän­dig gemacht. So hat die Krise zu einem Boom bei Firmengrün­dungen geführt, der sich im laufenden Jahr fortsetzte.

In den ersten sieben Monaten kam es nach Angaben des Beratungsu­nternehmen­s Dun & Bradstreet zu 30’817 Neugründun­gen – das sind 16 Prozent mehr als im Vorjahresz­eitraum.

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Fotos: Sabina Bobst Raymond Lüdis WC-Brille hat einen eingebaute­n Filter, der schlechte Düfte bekämpft.
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