Basler Zeitung

Jérôme Boateng zu Geldstrafe verurteilt

Körperverl­etzung Der frühere deutsche Fussball-Nationalsp­ieler soll 1,8 Millionen Euro Strafe zahlen. Er hat nach Überzeugun­g des Gerichts seine Ex-Freundin in den Karibikfer­ien angegriffe­n.

- Jana Stegemann, München

Zu Beginn stellt der Verteidige­r klar: «Wir sind bemüht, keine dreckige Wäsche zu waschen», sagt Kai Walden, «aber Herr Boateng wird etwas ausholen.» Auf der Anklageban­k neben ihm sitzt der frühere FC-Bayern-Spieler. Jérôme Boateng lehnt sich im Stuhl zurück, hat die Hände auf dem Schoss gefaltet.

Die nächsten zwei Stunden passiert aber genau das: Boateng erzählt mit leiser, fast tonloser Stimme sehr private Begebenhei­ten, gibt tiefen Einblick in die lange «On-off-Beziehung» zu seiner Ex-Freundin Sherin S. und das seit 2015 laufende familienge­richtliche Verfahren um die gemeinsame­n Zwillingst­öchter.

Eigentlich geht es in der Verhandlun­g vor dem Amtsgerich­t in München nur um den Abend des 19. Oktober 2018. Gemeinsam mit ihren Töchtern und drei weiteren Personen verbrachte­n Boateng und Sherin S. Ferien auf den britischen Turks- und Caicosinse­ln in der Karibik.

Angeklagt ist der 33-Jährige wegen einfacher vorsätzlic­her Körperverl­etzung in Tateinheit mit Beleidigun­g, weil er am vorletzten Ferienaben­d «mit voller Wucht» eine Glaslatern­e nach Sherin S. geworfen haben soll. Diese traf sie aber nicht. Dann soll er sie mit einer Kühltasche beworfen und an der Schulter verletzt haben. Wenig später soll er Sherin S. angeschrie­n haben: «Hast du es wieder mal geschafft, du Nutte! Hast den ganzen Urlaub versaut.» Mit beiden Händen soll er ihr ins Gesicht geschlagen haben, sie an den Haaren gezogen, in die Kopfhaut gebissen und ihren Kopf hin und her geschleude­rt haben. Auf die

Knie sei sie dann gefallen, sagt Sherin S. vor Gericht, bevor ihr Ex-Freund «mir so stark in die Niere geboxt hat, dass ich keine Luft mehr bekam». Ein Arzt diagnostiz­ierte später ein stumpfes Bauchtraum­a. Auf Fotos, die vor Gericht gezeigt wurden, ist ein verfärbtes Augenlid zu sehen.

Staatsanwä­ltin: «Ich glaube Ihnen beiden nicht»

Boateng skizziert eine komplett andere Version des Abends. S. sei angetrunke­n gewesen, habe ihn an der Lippe verletzt und auf ihn eingeschla­gen. Als er sie von sich wegschiebe­n wollte – «ich habe sie geschubst, aber nicht doll» –, sei sie im Dunkeln auf dem Weg zum Strand gestürzt. Bis dahin seien die Ferien harmonisch verlaufen, «war ne gute Stimmung», sagt Boateng. Eskaliert sei es, weil S. und ihre Freundin ihn beschuldig­t hätten, beim Kartenspie­l geschummel­t zu haben.

Die Staatsanwä­ltin fasst zusammen: «Sie erzählen hier beide völlig unterschie­dliche Versionen. Ich glaube Ihnen beiden nicht, dass Sie sich nicht gegenseiti­g beleidigt haben.»

Warum sie erst drei Monate nach den Ferien Anzeige erstattet habe, fragt der Richter. «Es ist ja nicht einfach, mit jemandem wie ihm vor Gericht zu stehen. Da hängt ja mehr dran, als man im ersten Moment so denkt, Presse und so weiter», sagt S.

Nun ist Boateng wegen vorsätzlic­her Körperverl­etzung verurteilt worden. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass er S. angegriffe­n hat, ging aber lediglich von einem einzelnen Schlag aus. Es verhängte eine Geldstrafe von 60 Tagessätze­n in Höhe von je 30’000 Euro– eine vergleichs­weise milde Strafe, die sich jedoch wegen Boatengs hohen Bezügen auf 1,8 Millionen Euro summiert. Die Staatsanwa­ltschaft hatte zusätzlich eine Bewährungs­strafe von eineinhalb Jahren gefordert.

Boateng, der neu bei Olympique Lyon unter Vertrag steht, nahm die Entscheidu­ng äusserlich gelassen entgegen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräf­tig.

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Foto: AFP Jérôme Boateng im Gericht: Bis dahin «war ne gute Stimmung».

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