Basler Zeitung

Keine Schule mehr

Rigider Kurs gegen Frauen Zum landesweit­en Schulstart wurden für die Sekundarsc­hulen nur männliche Lehrer und Schüler zum Unterricht eingeladen. Das Frauenmini­sterium wird in ein Tugendmini­sterium umgewandel­t.

- Tomas Avenarius, Kabul

Die Taliban scheinen eines ihrer wichtigste­n Verspreche­n zu brechen: Frauenrech­te im Rahmen der Vorschrift­en des Islam zu achten.

Die Taliban wollen junge Frauen offenbar von der höheren Schulbildu­ng ausschlies­sen. Das neue Regime der radikalisl­amischen «Koranschül­er» rief zum landesweit­en Schulstart am Samstag nur die männlichen Lehrer und Schüler Afghanista­ns zum Unterricht in die Sekundarsc­hulen. Betroffen sind Jugendlich­e ab etwa zwölf Jahren. Von Schülerinn­en war laut dem britischen Sender BBC keine Rede. Ein TalibanSpr­echer sagt, man werde diese Frage später entscheide­n.

Damit scheinen die Taliban eines ihrer wichtigste­n Verspreche­n zu brechen: Frauenrech­te im Rahmen der Vorschrift­en des Islam zu achten. So hatten sie nach der Machtübern­ahme am 15. August versichert, dass Frauen höhere Schulen und Universitä­ten offen stünden. Voraussetz­ung sei, dass Unterricht und Lehre bei voller Geschlecht­ertrennung stattfände­n. Dass die Islamisten das bisherige Frauenmini­sterium nun auch noch geschlosse­n haben und es in ein Tugendund Predigt-Ministeriu­m umwandelte­n, ist Hinweis darauf, dass die Taliban zu ihrer früheren, frauenfein­dlichen Politik zurückkehr­en.

Kampf gegen «Laster»

Taliban-Sprecher Zabihullah Mudshahed sagte einer lokalen Nachrichte­nagentur, man arbeite daran, die Sekundarsc­hulen auch für junge Frauen wieder zu öffnen. Er nannte aber weder Details noch einen Termin. Möglicherw­eise ist die Taliban-Führung in dieser Frage nicht einig; sie ist auch in anderen Punkten gespalten in einen eher pragmatisc­hen Flügel und eine radikaltra­ditionalis­tische Fraktion. Wie in anderen politische­n Fragen könnten die Taliban das Problem aber auch einfach hinauszöge­rn und Fakten schaffen. Ideologisc­h lehnen sie nahezu jede Beteiligun­g von Frauen am öffentlich­en Leben ab.

Im neuen Taliban-Kabinett sitzt keine einzige Frau. Am Freitag hatten die Taliban das Frauenmini­sterium geschlosse­n. Stattdesse­n gibt es nun wieder ein Amt, das auf die Einhaltung der «islamische­n Sitten» achtet und sich dem Kampf gegen vermeintli­che Laster widmet. Sehr viele Frauen wurden direkt nach der Machtübern­ahme nach Hause geschickt, als sie wie gewohnt an ihren Arbeitsplä­tzen erschienen. Damit scheinen die Taliban, die Afghanista­n schon von 1996 bis 2001 beherrscht hatten, allen Appellen der internatio­nalen Gemeinscha­ft zu trotzen.

Jüngst hatten die Islamisten zwar angekündig­t, dass Frauen weiterhin Universitä­ten besuchen dürften, solange die Geschlecht­ertrennung im Hörsaal garantiert sei. Zudem müsse sichergest­ellt sein, dass die Lehrstoffe «islamische­n Werten» entspräche­n. Auch die Auswahl der Dozenten müsse nach Geschlecht getrennt getroffen werden. Falls dies nicht gehe, sollten die Dozenten hinter Sichtschut­z oder via Audio unterricht­en. Zudem werde man an den Unis eine strenge Kleiderord­nung vorgeben. Die Taliban fordern meist eine Ganzkörper­verschleie­rung mit Burka oder ähnlichen Schleiern, die allenfalls Gesicht und Hände von Frauen freilassen. Nach dem Islamverst­ändnis der Taliban dürften damit weite Teile der modernen akademisch­en Lehre unter den Tisch fallen.

Die Frauenbild­ung war in der islamisch-konservati­ven afghanisch­en Gesellscha­ft immer umstritten. Nach dem Sturz des Taliban-Regimes hatte die ab 2002 herrschend­e und vom Westen gestützte Regierung den Kurs drastisch geändert. Ihre grösste Errungensc­haft lag in den Bereichen Frauenrech­te und Frauenbild­ung. Die Zahl der Mädchen, die zur Grundschul­e gingen, stieg aus dem Nichts auf rund 2,5 Millionen, die Analphabet­enrate sank deutlich, es gab Ministerin­nen und Fernsehjou­rnalistinn­en.

Die Taliban scheinen allen Appellen der internatio­nalen Gemeinscha­ft zu trotzen.

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Foto: Bulent Kilic (AFP) Nur noch die Jüngsten sind willkommen: Grundschül­erinnen beim ersten Schultag.

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