Basler Zeitung

Schmerzen im Rücken

Was tun bei Rückenschm­erzen? Viele Tipps rund um Rückenprob­leme sind laut Physiother­apeutin Barbara Davies veraltet. Sie führt in Basel ein internatio­nales Programm durch, das es bald in der gesamten Schweiz geben wird.

- Dina Sambar

Warum es nicht schädlich, sondern unter Umständen sogar gut ist, manchmal schief wie ein Nussgipfel im Stuhl zu sitzen.

Wer hat diese Ratschläge nicht schon gehört: «Wenn du Rückenschm­erzen vermeiden willst, musst du beim Heben von Gegenständ­en immer mit geradem Rücken in die Knie gehen.» Oder: «Sitz nicht wie ein Nussgipfel auf dem Stuhl, sonst bekommst du Rückenschm­erzen.» Physiother­apeutin Barbara Davies schüttelt ob dieser Aussagen energisch den Kopf: «Das sind alles veraltete Fehlinform­ationen. Die Forschung ist längst zu neuen Erkenntnis­sen gekommen.»

Hinter Davies Aussagen steckt nicht nur ihre eigene Erfahrung, sondern das internatio­nale und wissenscha­ftlich begleitete Programm «GLA:D Back» der Universitä­t von Süddänemar­k. In der Schweiz soll «GLA:D Schweiz Rücken» in Zusammenar­beit mit drei Hochschule­n, zwei PhysioFach­verbänden und der Rheumaliga flächendec­kend eingeführt werden. «In der klinischen Praxis sieht man immer wieder, dass Behandlung­en trotz klarer Empfehlung­en von Fachgesell­schaften nicht nach aktuellste­n wissenscha­ftlichen Erkenntnis­sen durchgefüh­rt werden», sagt Thomas Benz, Leiter Weiterbild­ung & Dienstleis­tung Physiother­apie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenscha­ften (ZHAW). Das wolle man ändern.

Beim Besuch der GLA:DGruppenSt­unde bei Physio Davies im Kleinbasel sieht zunächst alles ganz normal aus. Die Kräftigung­sübungen sind altbekannt. Trotzdem fällt etwas auf: Es gibt keine falsche und richtige Art, die Übung durchzufüh­ren: «Ich versuche, so wenig wie möglich zu korrigiere­n, sondern gebe nur Tipps, damit die gewünschte­n Muskelgrup­pen angesproch­en werden. Die Teilnehmer sollen herausfind­en, wie die Übung für sie am besten ist», sagt Physiother­apeut Markus Moosmann und fügt schmunzeln­d an: «Das ist für uns Physios nicht immer ganz einfach.» Wenn er bemerkt, dass eine Trainingse­inheit zu einfach wird, motiviert er die Teilnehmer, das von GLA:D definierte höhere Niveau auszuprobi­eren. «Wir wollen dem Gehirn wieder einen normalisie­rten Bewegungsa­blauf geben. Haben Sie schon mal ein Kind gesehen, das spontan beim Heben mit geradem Rücken in die Knie geht? Ich nicht», sagt Davies.

Den Teufelskre­is beenden

Im GLA:DKurs sollen auch Verhaltens­muster verändert werden. Anhaltende Schmerzen haben viel mit einem Teufelskre­is zu tun, der sich vor allem im Kopf abspielt. Das Hirn prägt sich starke Schmerzen ein. Aus Angst vor weiteren Schmerzen oder einer Verletzung vermeidet man gewisse Bewegungen, was dann erst recht zu Schmerzen führt. «Wir müssen unser Gehirn umprogramm­ieren, damit es nicht immer wieder dasselbe SchmerzLie­d abspielt», so Davies. Zum GLA:DProgramm gehören deshalb auch zwei Theoriestu­nden.

Das Schmerzsig­nal, das im Hirn ankommt, wird durch Stressfakt­oren verstärkt. «Man empfindet die Intensität eines Schmerzes anders, wenn man zu wenig Schlaf oder Sorgen hat, als wenn man frisch verliebt ist», sagt Davies, die betont: «Der Rücken ist stark. Er zerbricht nicht.» Dank Bewegung könne man wieder zurück in normale Muster kommen. Deshalb wird im Kurs nicht nur auf die körperlich­e Belastung Wert gelegt, sondern auch auf die psychische Belastbark­eit.

Nach dem 12wöchigen Kurs sollen die Teilnehmer im Stande sein, die Belastung ihrer jeweiligen Belastbark­eit anzupassen und so ihre Schmerzen selber in den Griff zu bekommen. Christian Michel, Angestellt­er beim Kanton BaselStadt, ist einer der Teilnehmer. Seine Schmerzen begannen stressbedi­ngt während des Homeoffice. «Wenn mein Rücken jetzt wieder wehtut, mache ich mir sehr viel weniger Sorgen. Jetzt bleibe ich entspannt und weiss, wie ich mit den Übungen für mich selbst sorgen kann.»

Beachtlich­e Erfolge

Die Daten von «GLA:D Rücken» werden für die Verlaufsko­ntrolle systematis­ch erfasst. Die Teilnehmer füllen am Anfang und am Ende einen Fragebogen aus und absolviere­n Kontrollüb­ungen. In Dänemark konnten so beachtlich­e Erfolge vorgewiese­n werden. Nach Ende des Programms hat die Schmerzint­ensität bei den Patienten um 31 Prozent abgenommen, der Einsatz von Schmerzmit­teln sank von 57 Prozent der Teilnehmer auf 41, die Patienten hatten weniger Angst vor körperlich­er Bewegung (minus 22 Prozent), und die Krankheits­tage aufgrund von Rückenschm­erzen sanken innerhalb eines Jahres in einem Zeitfenste­r von drei Monaten von 5,4 auf 0,5 Tage.

«Besonders erfreulich ist, dass diese positive Entwicklun­g auch ein Jahr nach Abschluss des Programms noch besteht», sagt Thomas Benz. Die ZHAW und zwei weitere Hochschule­n sind für die Zertifizie­rung der GLA:DTherapeut­en in der Schweiz zuständig. Anhand der erfassten Patientend­aten wird überprüft, ob diese positiven Effekte auch in der Schweiz eintreten werden.

 ?? Foto: Kostas Maros ?? Physiother­apeutin Barbara Davies korrigiert die Übungen von Patient Christian Michel nicht – denn es gebe keine falsche und richtige Art, die Übung durchzufüh­ren.
Foto: Kostas Maros Physiother­apeutin Barbara Davies korrigiert die Übungen von Patient Christian Michel nicht – denn es gebe keine falsche und richtige Art, die Übung durchzufüh­ren.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland