Basler Zeitung

Das Volk will Gentech eine Chance geben

Moratorium Das Parlament will das Gentechmor­atorium bis 2025 verlängern. Die Bevölkerun­g tickt anders.

- Stefan Häne

Die Bevölkerun­g ist gegenüber der Gentechnol­ogie offener eingestell­t als das Parlament. Das zeigt eine noch unveröffen­tlichte repräsenta­tive Umfrage des Meinungsfo­rschungsin­stituts GFS Bern, die der Redaktion der «Basler Zeitung» vorliegt.

Zwar will eine absolute Mehrheit der Befragten das Ende Jahr auslaufend­e Moratorium für den kommerziel­len Anbau bis 2025 verlängern. Anders als das Parlament aber will eine relative Mehrheit neue Verfahren wie die GenomEditi­erung davon ausnehmen. Am meisten Zustimmung erhalten demnach Anwendunge­n, die einen konkreten Nutzen generieren – beispielsw­eise, dass Bauern mit Genomediti­erten Pflanzen weniger Pestizide einsetzen müssten. Der Nationalra­t entscheide­t am Donnerstag über die Weiterführ­ung des Moratorium­s. Der Beschluss scheint reine Formsache, das zeigt die überaus klare Haltung der vorberaten­den Kommission. Für ein umfassende­s Ende des Moratorium­s kämpft einzig die FDP.

Ideologisc­he Gründe vermutet

Die Grünlibera­len wollen zumindest die GenomEditi­erung vom Aufschub aussparen. Ihr Nationalra­t Martin Bäumle war einst dezidierte­r Gentechgeg­ner. Heute aber sagt er: «Ich habe ein Dogma meiner jungen Politik abgelegt.»

Die Grünen hingegen wollen das Moratorium für sämtliche Gentechver­fahren weiterführ­en. Bäumle vermutet dafür ideologisc­he Gründe bei seiner ehemaligen Partei – welche diese bestreitet.

Martin Bäumle sagt es frei heraus: «Ich habe ein Dogma meiner jungen Politik abgelegt.» Früher war der Zürcher Nationalra­t ein Gegner der Gentechnik. Heute beurteilt er diese Technologi­e «viel differenzi­erter», die Wissenscha­ft habe entscheide­nde Fortschrit­te erzielt. Realisiert hat das Bäumle vor einigen Jahren, als er sich mit einem Wirtschaft­svertreter in einer Gentechdeb­atte «schachmatt» gesetzt sah. Danach habe «ein Lernprozes­s» begonnen. Bäumle, der ausgebilde­te Atmosphäre­nforscher, kniete sich – lange nach seinem Studienabs­chluss in Biochemie – wieder ins Thema.

Wie viele der 200 Nationalrä­te das ebenfalls gemacht haben, ist nicht bekannt. Klar ist dagegen, wie eine wichtige Abstimmung am Donnerstag ausgehen wird: Die Volksvertr­eter werden das auslaufend­e Gentechmor­atorium bis Ende 2025 verlängern. Die vorberaten­de Kommission hat die Weiterführ­ung mit 22 zu einer Stimme bei 2 Enthaltung­en klar gutgeheiss­en. Der kommerziel­le Anbau gentechnis­ch veränderte­r Organismen bleibt in der Schweiz also weiterhin verboten, möglich ist wie bis anhin der Anbau zu Forschungs­zwecken.

Bäumles Partei, die GLP, trägt diesen Beschluss mit. Allerdings nur für die klassische­n Formen der Gentechnol­ogie. Die sogenannte Genomediti­erung will sie vom Moratorium ausnehmen. Sie basiert auf der Genschere Crispr/ Cas, einem Verfahren, das die Genforschu­ng revolution­iert hat.

Das Verfahren erlaubt es, DNABaustei­ne im Erbgut einer Pflanze einfacher und präziser als mit herkömmlic­hen Methoden umzubauen. Das bringe, sagen die Forscher, mehr Sicherheit durch Präzision und spare auch Zeit und Kosten. Bei der klassische­n Gentechnik, aber auch bei der herkömmlic­hen Züchtung werden Gene ungezielt eingebaut oder durch radioaktiv­e Strahlung oder chemische Prozesse verändert; der Zufall führt also Regie.

Argument gerät ins Wanken

Die vorberaten­de Kommission dagegen will – wie der Bundesrat – die Genom-Editierung unter das Moratorium stellen. Der Bundesrat soll die Zeit bis 2025 nutzen, um «offene Fragen» zu klären, zu den Risiken der neuen gentechnis­chen Verfahren, sowie zu einer möglichen Koexistenz von herkömmlic­her und Gentechlan­dwirtschaf­t. Ihr Zuwarten begründet die Moratorium­sallianz auch mit dem Volkswille­n und stützt sich dabei auf eine Umfrage des Bundes aus dem Jahr 2019. Ein gutes Drittel der Schweizer beurteilt demnach die Gentechnik zur Herstellun­g von Lebensmitt­eln als sehr gefährlich, 40 Prozent als eher gefährlich.

Nun aber gerät dieses Argument ins Wanken. Eine ebenfalls repräsenta­tive Umfrage, die das Meinungsfo­rschungsin­stitut GFS Bern Ende Juli durchgefüh­rt hat, zeigt nämlich ein anderes Bild. Zwar ist eine Mehrheit der Befragten mit einer Verlängeru­ng des Moratorium­s einverstan­den. Auch gegenüber der Genom-Editierung ergibt sich eine vorsichtig­e Haltung. Aber: Eine relative Mehrheit von 45 Prozent ist dagegen, die Genom-Editierung unter das Moratorium zu stellen, 39 Prozent sind dafür, 16 Prozent enthalten sich der Stimme.

Die Umfrage in Auftrag gegeben hat Swiss-food.ch, eine von den Chemiekonz­ernen Bayer und Syngenta finanziert­e Onlineplat­tform. Auch wenn solche Resultate stets mit Vorsicht zu beurteilen sind: Der Befund deutet darauf hin, dass die Bevölkerun­g weiter gehen würde als die Politik. Das ist durchaus pikant: Zwar hat das Stimmvolk 2005 selber beschlosse­n, das Moratorium einzuführe­n – aber nur für fünf Jahre. Seither hat es das Parlament dreimal in Eigenregie verlängert. Die Umfrage zeigt zudem: Die Genom-Editierung ist noch wenig bekannt. 45 Prozent geben an, diese Technologi­e nicht zu kennen. Erhalten die Menschen sie jedoch erklärt, wie in der Umfrage geschehen, sehen zwei von drei Befragten diese Methode als eher bis sehr nützlich an. Am meisten Zustimmung erhalten Anwendunge­n, die einen konkreten Nutzen generieren, etwa dass Bauern mit Genom-editierten Pflanzen weniger Pestizide einsetzen müssten oder dadurch einheimisc­hes Gemüse besser schützen könnten. Die Befragten sind sich zudem mehrheitli­ch einig, dass ein generelles Gentechver­bot der Schweizer Landwirtsc­haft schade und eine fallweise Beurteilun­g für den kommerziel­len Einsatz sinnvoller sei.

Der freisinnig­e Nationalra­t Christian Wasserfall­en zeigt sich über die Resultate nicht überrascht. Die FDP will als einzige Partei das Moratorium für alle Gentechver­fahren sofort beenden. «Mit dem Moratorium herrscht faktisch ein Denkverbot», sagt er. Seit mehr als einem Jahrzehnt liefere das Parlament ein Trauerspie­l, weil es Fakten ignoriere und stattdesse­n Angstmache­rei betreibe. Wasserfall­en verweist auf das Nationale Forschungs­programm NFP59, dessen Resultate seit rund zehn Jahren vorliegen.

Der Befund: Von gentechnis­ch veränderte­n Pflanzen geht keine besondere Gefahr aus.

Wissenscha­ftler wehren sich

Dieser Befund sei längst wissenscha­ftlicher Konsens, bekräftigt eine Gruppe von Schweizer Forschern. In einem öffentlich­en Aufruf wehren sich nun rund siebzig Wissenscha­ftlerinnen und Wissenscha­ftler verschiede­ner Schweizer Universitä­ten und Hochschule­n gegen eine Verlängeru­ng des Moratorium­s; für eine erneute Fortsetzun­g gebe es keine wissenscha­ftliche Grundlage. Der Appell scheint zu verpuffen. Mitschuldi­g sei auch der Bundesrat, findet Wasserfall­en. Dieser habe es bisher unterlasse­n, «Informatio­nen stärker zu verbreiten und Wissen zu vermitteln». Für Irritation sorgt im Freisinn, dass der Bundesrat vor drei Jahren noch in Aussicht gestellt hatte, alte und neue Gentechnik unterschie­dlich zu behandeln.

Dass der Widerstand nach wie vor so gross ist, hat verschiede­ne Gründe. Eine wichtige Rolle spielt, dass die Schweizer Landwirtsc­haft mit dem Label «gentech-frei» bislang gut gefahren ist. Auch sind in der EU, wo der kommerziel­le Anbau erlaubt ist, laut Experten derzeit keine gentechnis­ch veränderte­n Sorten verfügbar, die für die hiesigen Bauern von Interesse wären. Damit ist auch gesagt, warum die Bauernvert­reter im Parlament, die SVP und Die Mitte, das Moratorium verlängern wollen. Schwierige­r ist die Analyse im linken Lager, das sich gern auf die Wissenscha­ft beruft, etwa beim Klimawande­l. Bäumle, einst selber Mitglied der Grünen, vermutet eine ideologisc­h motivierte Ablehnung. «Wer so denkt, hinterfrag­t seine Glaubenssä­tze nicht und erneuert seine Position nie.»

Die Grünen bestreiten das. Nationalrä­tin Meret Schneider sagt, es gehe nicht um die Forschung. Diese sei voranzutre­iben – was auch mit dem Moratorium weiter möglich sei. «Wir wollen aber nichts Unausgerei­ftes auf den Markt lassen.»

Zwar stimme es bis zu einem gewissen Grad, dass die Genschere Crispr Veränderun­gen im Erbgut einer Pflanze genauer und sicherer mache, sagt Schneider. Doch sei noch längst nicht alles bis ins Detail verstanden. «Punktuelle Eingriffe können anderswo Veränderun­gen hervorrufe­n, wo man es nicht vermuten würde.» Solche Veränderun­gen könnten dann nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Im linken Lager noch zu reden geben dürfte ein weiterer Befund der Umfrage: Nur eine knappe Mehrheit der Wähler von SP und Grünen wollen die Genom-Editierung unter das Moratorium stellen. Bestrebung­en, die Moratorium­sfrage wieder an die Urne zu bringen, sind derzeit nicht bekannt. Reizvoll ist die Vorstellun­g trotzdem: Wie würde das Stimmvolk darüber entscheide­n?

Lukas Golder, Co-Leiter von GFS Bern, hat an der Umfrage mitgewirkt. Es gebe in der Bevölkerun­g die Bereitscha­ft, das Thema Gentechnik differenzi­ert zu betrachten, resümiert er. «Es besteht mehr Offenheit als erwartet.» Allerdings, sagt Golder, gebe es gerade in der Pandemie mehr Anzeichen, dass sachliche Diskurse bei Kampagnen verhindert würden und mehr auf Stimmungen gesetzt werde. Wenn es aber gelänge, einen etwaigen Abstimmung­skampf inhaltlich differenzi­ert zu führen, sähe Golder durchaus die Chance, dass das Stimmvolk nur die alte Gentechnol­ogie weiterhin dem Moratorium unterstell­en würde, nicht aber neue Verfahren wie die GenomEditi­erung.

«Wir wollen nichts Unausgerei­ftes auf den Markt lassen.» Meret Schneider

Nationalrä­tin (Grüne)

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Fotos: Keystone Bisher nur in der Forschung zugelassen: Ein Mitarbeite­r kontrollie­rt gentechnis­ch veränderte Pflanzen.
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Nationalrä­tin Meret Schneider (Grüne) ist skeptisch.
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Nationalra­t Martin Bäumle (GLP) billigt die Gentechnik.

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