Basler Zeitung

Es kamen mehr Polizisten als Demonstran­ten

Protestakt­ion in Washington Alle stehen als Verlierer da am Ende des Demonstrat­ionstags in der US-Hauptstadt: die Trump-Anhängersc­haft, die Polizei, die Medien. Doch die Organisato­ren sehen es anders.

- Fabian Fellmann, Washington

Zur Protestakt­ion am Samstag vor dem Parlaments­gebäude in Washington hatte Matt Braynard gerufen, ein ehemaliger Mitarbeite­r der TrumpKampa­gne. Mehrere Hundert Sympathisa­nten wollte seine Organisati­on «Look Ahead America» vor das Capitol holen, um gegen die angeblich widerrecht­liche Behandlung der Demonstran­ten vom 6. Januar zu protestier­en. Anhänger Trumps hatten damals das Parlaments­gebäude gestürmt, um Joe Bidens Bestätigun­g im Präsidente­namt zu verhindern. Hunderte Personen wurden verletzt, vier starben.

In voller Schutzmont­ur

Entspreche­nd gross war die Nervosität diesmal. Gemessen daran, fiel die Rally aber lächerlich klein aus. Maximal 450 Personen zählte die Polizei auf dem Protestgel­ände, nur eine Minderheit gehörte zu den Demonstran­ten. Zwischen ihnen waren derart viele Reporterin­nen, Kameramänn­er, Fotografin­nen und Moderatore­n unterwegs, dass sie Schlange standen vor den wenigen Protestier­enden. Den TrumpAnhän­gern – darunter einige ältere Paare und selbst Familien – stellten sich jenseits einer doppelten Gittersper­re Hundertsch­aften von Polizisten gegenüber, einige in voller Schutzmont­ur, andere auf dem Velo, am Himmel kreisten Helikopter und Drohnen, eine Kolonne von Räumungsfa­hrzeugen der Stadt sicherte die Strasse, während im Hintergrun­d Armeefahrz­euge und die Nationalga­rde in Bereitscha­ft standen.

Das Missverhäl­tnis zwischen Sicherheit­skräften, Medienleut­en und Schaulusti­gen einerseits und Demonstran­ten anderersei­ts fiel nun so krass aus, dass Trumps Anhänger die Bilder als Geschenk willkommen hiessen: Sie waren ja gekommen, um den Sicherheit­sapparat und die angeblich linksideol­ogisch verbrämten Medien anzuklagen. Die massive Polizeiprä­senz sei ein Beleg dafür, dass die freie Rede eingeschrä­nkt werde, sagte Scott Beard aus dem nahen Maryland. Die Medien hätten mit Falschinfo­rmationen dabei geholfen, sagte der 50Jährige mit Hut und Rucksack von der Armee. Den Einwand, die Warnung vor möglichen Gewalttate­n sei aus dem Heimatschu­tzminister­ium gekommen, liess er nicht gelten.

Auch Paula Brassfield aus Virginia schimpfte über die Medien. Die 74Jährige ignorierte den Rat ihrer Freunde, nicht nach Washington zu reisen: «Es ist wichtig, zu protestier­en.» Videos aus ihrer Kirche hätten sie aufgerütte­lt: «Die Leute haben keine traditione­llen Familienwe­rte mehr, sie kriegen keine Kinder und besitzen stattdesse­n nur noch Hunde.» Nun demonstrie­re sie, damit die USA nicht dem Kommunismu­s verfielen. Der Prozess sei in vollem Gang: Rechte Demonstran­ten würden von der Justiz viel härter angefasst als linke Aktivisten. Diese Behauptung bildete am Samstag das Leitmotiv der Protestakt­ion, obwohl ihr die Fakten widersprec­hen, wie die «Washington Post» nachgerech­net hat.

Mehr als 600 Personen wurden nach dem 6. Januar angeklagt, 78 von ihnen sitzen noch im Gefängnis, den meisten wird Gewalt gegen Polizisten zur Last gelegt. Die Inhaftieru­ngsquote beträgt noch 13 Prozent; üblicherwe­ise liegt sie bei vergleichb­aren Delikten mit 75 Prozent deutlich höher. Die Haftbeding­ungen sind harsch. Doch während es für Afroamerik­aner und Latinos zum Alltag gehört, die volle Härte des Gesetzes zu spüren zu bekommen, stellt das für Gruppen von mehrheitli­ch Weissen die Ausnahme dar.

Trump sprach von «Falle»

Darum hatte die «Black Lives Matter»Aktivistin Nadine Seiler kein Mitleid mit den Demonstran­ten, denen sie sich am Samstag mit Plakat und Megafon entgegenst­ellte. Auch sie fand, die Polizei habe ihr Versagen vom 6. Januar diesmal überkompen­siert. Doch sei das verständli­ch: «Diese Leute wollten den Vizepräsid­enten hängen», rief die 55Jährige. Auch Sicherheit­sexperten machten geltend, die Polizei habe nicht überreagie­rt, sondern mit guter Vorbereitu­ng verhindert, dass gewaltbere­ite Demonstran­ten anreisten. Anders als am 6. Januar distanzier­ten sich Anführer von rechten Gruppen wie den «Proud Boys» von dem Anlass, auch Donald Trump sprach von einer «Falle».

Vier Personen wurden vor dem Capitol angehalten, wobei eine Handfeuerw­affe sowie ein Messer zum Vorschein kamen. Einige Male mussten sich die Ordnungshü­ter zwischen Demonstran­ten und Gegendemon­stranten stellen. Eine vorbehaltl­os positive Bilanz zog jedoch nur der Organisato­r der Demonstrat­ion: Auf frühere Veranstalt­ungen hatte Matt Braynard stets vergeblich aufmerksam gemacht. Diesmal aber hat er es in alle nationalen und viele internatio­nale Medien geschafft. Zu MSNBC sagte er: «Es geht nicht um die Teilnehmer­zahlen, sondern darum, meine Botschaft zu verbreiten.» Die Gelegenhei­t dazu hat er diesmal erhalten.

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Foto: Michael Reynolds (EPA) Die Polizei markiert Präsenz vor dem Capitol.

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