Basler Zeitung

Ein Streit eskaliert oft wegen Nichtigkei­ten

Zoff im Mehrfamili­enhaus Konflikte unter Nachbarinn­en und Nachbarn haben während der Pandemie stark zugenommen. Oft liesse sich eine Eskalation einfach vermeiden. Dies illustrier­t ein Fall, in dem sich der Lift als Übeltäter entpuppte.

- Bernhard Kislig

Es begann harmlos, mit einem Klopfgeräu­sch. Einzelne Bewohner im Mehrfamili­enhaus wunderten sich, woher es kam. Bald geriet eine Mieterin in Verdacht, dafür verantwort­lich zu sein. Der Konflikt schwelte längere Zeit, bevor er sich hochschauk­elte, angetriebe­n durch argwöhnisc­he Nachbarinn­en und Nachbarn. Auf einmal erzählte man sich im Haus, die verdächtig­e Mieterin würde die Klopfgeräu­sche in bösartiger Absicht verursache­n. Danach genügte schon das kleinste Geräusch, um manche zur Weissglut zu treiben.

Dieser Fall ist in zweierlei Hinsicht typisch für Nachbarsch­aftskonfli­kte: Erstens entzünden sich die Spannungen oft an Kleinigkei­ten, und zweitens werden anschliess­end Verhaltens­weisen fälschlich­erweise als feindselig interpreti­ert. So kommt es schnell zur Eskalation. «Schon wenn ein Kübel nicht am richtigen Ort steht, kann sich eine Auseinande­rsetzung zuspitzen», sagt Mediatorin Claudia Wolf, die zum Einsatz kommt, wenn zerstritte­ne Parteien Konflikte nicht mehr untereinan­der regeln können.

Verärgerte­s Zurückklop­fen

Auch im beschriebe­nen Fall kam es zur Eskalation: Fast wie in Mani Matters Lied «Dr Hansjakobl­i und ds Babettli» klopften verärgerte Nachbarn zurück, manche gingen dafür sogar ins Treppenhau­s. Mehrere Mieterinne­n und Mieter beschwerte­n sich bei der Verwaltung und drohten mit Wegzug. Als Folge davon verwarnte die Liegenscha­ftsverwalt­ung die verdächtig­te Frau. Diese bestritt die Vorwürfe. Doch die Klopfgeräu­sche wollten einfach nicht aufhören, und die Spannungen unter den Nachbarn gärten weiter.

«Je weiter ein Konflikt eskaliert, desto mehr verstricke­n sich die involviert­en Parteien in emotionale Spannungen und entfernen sich zunehmend von der eigentlich­en Konfliktur­sache», sagt Mediator Hansjörg Ryser. Seine Aufgabe als Vermittler sei es jeweils, zuerst das Dickicht an Emotionen zu lichten. «Wenn wir gemeinsam auf den Kern des Problems stossen, ist es meist schon fast gelöst.»

Lange zehn Jahre brodelte der Konflikt im Mehrfamili­enhaus. Die Verwaltung hatte schliessli­ch die Nase voll und wollte eine Kündigung ausspreche­n. Als letzte Hoffnung auf eine friedliche Lösung kam Mediator Hansjörg Ryser zum Einsatz. Gemeinsam mit Fachleuten fand er heraus, dass die Klopfgeräu­sche von Heizungsle­itungen und vom Lift kamen und die Frau zu Unrecht jahrelang beschuldig­t wurde. Mit dieser Erkenntnis und einigen baulichen Massnahmen konnte der Konflikt rasch beigelegt werden.

Manchmal wissen sich Betroffene nicht anders zu helfen, als ihre Rechtsschu­tzversiche­rung einzuschal­ten. Kommt es dazu, ist oft schon viel Geschirr zerschlage­n. In solchen Fällen bringt eine Mediation längst nicht immer die erhoffte friedliche Lösung.

«Geht es beispielsw­eise nur noch um rechtliche Fragen, bin ich die falsche Person», sagt Claudia Wolf. Eine wichtige Bedingung für eine Mediation sei zudem, dass die zerstritte­nen Parteien überhaupt bereit sind, einen Kompromiss zu suchen.

Rechtliche Auseinande­rsetzungen mit Nachbarinn­en und Nachbarn sind nervenaufr­eibend und belasten das Verhältnis auf lange Zeit, da es vor Gericht meist einen Verlierer gibt.

Enormer Stress

Auch der persönlich­e Stress kann enorm sein. So erzählte zum Beispiel ein Betroffene­r in einer Mediation von Claudia Wolf, dass es ihm den Magen zusammenzi­ehe, wenn er auf der Strasse nur schon ein Auto erblicke, das dem Fahrzeug seines Nachbarn ähnlich sehe.

Um solche Probleme zu vermeiden, empfehlen die in solchen Konflikten erfahrenen Mediatoren, früh das Gespräch zu suchen. Oder in den Worten Mani Matters der Nachbarin vermehrt «He, he, Frou Meier!» zu rufen, wenn einen etwas stört. «Leider sind wir Schweizer nicht gut darin, in solchen Momenten auf andere zuzugehen», sagt Hansjörg Ryser. Und anstatt zu rufen, rät Ryser, allenfalls bei einem Kaffee das Gespräch zu suchen: «Es bringt mehr, beispielsw­eise zum Klopfgeräu­sch Fragen zu stellen, anstatt von Beginn weg jemanden zu beschuldig­en.»

Aus diesem Grund eskalierte auch der Konflikt in einem Fall, den Claudia Wolf betreute. Anwohner fühlten sich durch ihren Nachbarn in der höher gelegenen Liegenscha­ft nicht nur beobachtet, sondern mit der Zeit richtiggeh­end kontrollie­rt: Ständig stand jemand am Fenster und schaute herunter. In der Mediation stellte sich heraus, dass sich hinter dem Fenster die Küchenkomb­ination verbarg, wo die Nachbarn regelmässi­g kochten und ihren Abwasch erledigten.

Statt die Gegenparte­i auf Fehler hinzuweise­n, empfiehlt Wolf, bei sich selbst zu beginnen: «Verärgerte Anwohner sind keine Opfer, sie können stattdesse­n auf die Gegenparte­i zugehen, Vorschläge machen und einer friedliche­n Lösung zuliebe auch ein Stück weit grosszügig sein.» Sie verweist dabei auf die Glücksfors­chung, die zeigt, dass es uns guttut, wenn wir andere unterstütz­en können.

Wenn trotz solcher Bemühungen ein Konflikt weiter eskaliert, ist es ratsam, in weiteren Schritten je nachdem die Hausverwal­tung, eine Mediation oder allenfalls juristisch­en Rat beizuziehe­n.

«Leider sind wir Schweizer nicht gut darin, bei Spannungen auf andere zuzugehen.»

Hansjörg Ryser Mediator

 ??  ??

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland