Basler Zeitung

In höhere Sphären erhoben – und auf dem Marktplatz gelandet

Erste Basler Chornacht Über 500 Sängerinne­n und Sänger traten am Freitagabe­nd in fünf Basler Kirchen auf.

- Vivana Zanetti

Am Freitagabe­nd fand die erste Chornacht in Basel statt. Über 500 Sängerinne­n und Sänger von insgesamt 15 Vokalensem­bles traten in fünf Kirchen auf. Als krönender Abschluss sollten sich die Chöre und das Publikum um 23.15 Uhr zu einem gemeinsame­n Singen auf dem Marktplatz versammeln. An diesem Punkt nahm der ansonsten sehr gut organisier­te Event eine überrasche­nde Wendung.

Jegliche Struktur ging flöten. Ein einheitlic­hes, aufeinande­r abgestimmt­es Erklingen der Stimmen kam nicht zustande. Anstelle eines Verschmelz­ens der 15 Chöre zu einem grossen, verwässert­e die Chornacht auf dem Marktplatz.

Störende Geräuschku­lisse

Die einzelnen hörbaren Gesangsele­mente verflüchti­gten sich in der Nachtluft, umgeben von einer störenden Geräuschku­lisse: die vorbeifahr­enden Drämmli, die anderen Ausgänger und das Getratsche der Teilnehmen­den durchkreuz­ten den Plan des krönenden Abschlusse­s. Hob man zuvor in den Kirchen zu den harmonisch­en Mehrklänge­n in höhere Sphären ab, liess einen die Zusammenku­nft vor dem Rathaus

sanft auf den Pflasterst­einen landen. Trotzdem verliess man den Ort nicht enttäuscht. Im Gegenteil: Als Teilnehmer­in dieses Anlasses wurde einem etwas

Wundervoll­es bewusst: Nicht lange ist es her, als eine Menschenan­sammlung wie diese mitten in der Stadt undenkbar war. Geschweige denn das gemeinsame Singen. Und nun geht das wieder. Wie befreiend! Wie schön!

«Gewaltiger Härtefall»

Rückblick: Am 28. Januar 2021 verschickt­e David Rossel als Präsident des Chorleiter Verbands Nordwestsc­hweiz einen offenen Brief an die Basler Regierung und die Kantonsärz­te. Gemeinsam mit anderen Chorverbän­den der Region forderte er die Gleichstel­lung mit anderen Vereinsakt­ivitäten in Kultur, Bildung und Freizeit während Pandemieze­iten. Mit diesem Anliegen bezog er sich auf eine Bundesvero­rdnung, die das Singen in einem Gesangsver­ein seit Ende Oktober 2020 explizit untersagte.

Damals war noch keine Lockerung dieses Verbots in Sicht. «Der Chor-Lockdown ist verglichen mit allen anderen Branchen der längste und macht Chöre und

Vokalensem­bles schweizwei­t zu einem einzigen gewaltigen Härtefall», hiess es im Brief.

Am 17. September 2021 trat David Rossel als Chorleiter mit «Les Voix» und «Männerstim­men Basel» an der Chornacht auf. Fast fühlte es sich an, als wäre ein Wunder geschehen. Und (fast) alles klappte: reibungslo­se Zertifikat­skontrolle an den Eingängen, zahlreiche Besucherin­nen und Besucher der Konzerte in der Leonhards-, Martins-, Paulus-, Petersund Predigerki­rche und ein munteres Beisammens­ein auf dem Marktplatz, selbst wenn das Finale nicht gelang.

Die Chornacht 2021 war damit nicht nur der Startschus­s einer bereichern­den Basler Kulturvera­nstaltung, die ein beachtlich­es Schweizer Kulturerbe würdigt – unsere Chorszene mit einer 250-jährigen Tradition ist in ihrer Form die älteste weltweit. Die Chornacht stellt auch ein Symbol dar für die Fortschrit­te in der Pandemiela­ge seit Jahresbegi­nn.

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Foto: Lucia Hunziker Singen auf dem Marktplatz – leider nicht gemeinsam.

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