Basler Zeitung

Das groteske Potenzial wird freigelegt

«Die Physiker» Das Theater Basel rekonstrui­ert die 60 Jahre alte Uraufführu­ng von Dürrenmatt­s Erfolgsstü­ck.

- Stephan Reuter

Der Hundertjäh­rige, der auf die Bühne steigt und erzählt, das ist natürlich nicht Friedrich Dürrenmatt himself, das ist der Schauspiel­er Andrea Bettini. Aber er passt da ganz gut hin. Hinter sich der geschlosse­ne Vorhang, vor sich das Premierenp­ublikum, saugt der Dürrenmatt-Darsteller an seiner Zigarre und an einer Studenten-Anekdote, die der Dramatiker einst in einer Filmdokume­ntation zum Besten gab.

Die Frage war: was für ihn Humor sei. Dürrenmatt­s Antwort: Humor ist, wenn man zweimal am selben Ort vor demselben Beobachter auf demselben Hundehaufe­n ausglitsch­t.

Kabarettis­tischer Charme

Ein guter Spass ist also durchaus mit dreckigen Inhalten zu machen. Und damit sind wir schon nahe dran an den «Physikern», an einer der kanonische­n Komödien des Autors, in denen die schlimmstm­ögliche Wendung und damit die groteske Pointe durchaus von den schmutzige­n Tricks der Handelnden abhängt.

Das Basler Schauspiel hat sich im Dürrenmatt-Jubiläumsj­ahr und zum Re-Start des Theaterbet­riebs die Rekonstruk­tion der Zürcher Uraufführu­ng von 1962 vorgenomme­n. Das ist ja nichts anderes als vorsätzlic­her Anachronis­mus. Damit muss man erst mal zurechtkom­men, als Spielerin wie als Zuschauer. Da ist man auch gut beraten, den Autor als Mittelsman­n zwischen den Zeiten, zwischen Kaltem Krieg und Pandemie, vorauszusc­hicken

– zumal die EnsembleIn­szenierung auf einen Regisseur verzichtet. Andrea Bettini entwickelt als Gemütsbolz­en Dürrenmatt jedenfalls beträchtli­chen kabarettis­tischen Charme.

Als der Vorhang beiseite schwingt, ist nicht nur ein Mord vollendet, sondern auch ein Zeitsprung. Im Salon des Sanatorium­s von Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd beugen sich Ermittler über eine tote Schwester. Ute Radlers Setting wirkt wie ein verblichen­es

Bühnenabzi­ehbild des Originals von 1962. Der Inspektor (Andrea Bettini) beisst bei der bis unters Kinn zugeknöpft­en Oberschwes­ter Boll (Vera Flück) auf Granit. Sie erweist ihrem Namen Ehre und sich selbst als Bollwerk gegen die Justiz, indem sie den Täter und ihre Chefin abschirmt.

Ernesti, genannt Einstein, muss jetzt geigen. Fräulein von Zahnd ihn begleiten. Insasse Beutler, genannt Newton, der neulich auch eine Schwester erdrosselt

hat, wedelt herein und mimt für den Inspektor den wahnsinnig­en Wissenscha­ftler. Verantwort­en muss sich niemand. Das ist das Privileg der Irren und der Physiker in Dürrenmatt­s verrücktem Weltgesche­hen.

1962 in Zürich spielten Therese Giehse, Gustav Knuth und Theo Lingen, Ikonen der Theaterges­chichte. Jede noch so stumme Statistenr­olle war einzeln besetzt. 2021 in Basel, da dauert es nicht lange, und man hat sich am Sixties-Dekors sattgesehe­n. Auch wird die eine oder andere Schwäche des Stücks vom Ensemble eher ausgestand­en als ausgespiel­t – etwa der längliche Auftritt, in dem Dürrenmatt den scheinbar irren Physiker Möbius mit seiner Familie konfrontie­rt, die sich vor seinen Jähzorness­türmen in den Ehehafen des Missionars Rose (Julian Anatol Schneider) geflüchtet hat.

Als Zuschauer darf man sich fühlen, als hätte man versehentl­ich in ein Fernsehspi­el aus der Steinzeit der öffentlich-rechtliche­n Bildungsfo­rmate reingezapp­t. 2021 in Basel, da spielen aber auch Carina Braunschmi­dt, Jörg Pohl, Fabian Dämmich und Fabian Krüger. Sie legen das groteske Potenzial in den Schlüssels­zenen der «Physiker» frei. Sie sind dafür verantwort­lich, dass einen das Stück doch noch packt.

Durchschau­te Tarnung

Erst opfert Krügers Moebius seine Geliebte, die Krankensch­wester Monika (Nairi Hadodo), für seine Tarnung. Wie sinnlos. Er ist ja längst durchschau­t. Pohls Newton und Dämmichs Einstein enttarnen sich als Agenten feindliche­r Mächte, die das Genie Moebius auf ihre Seite ziehen wollen. Aus dem Patt im Salon ergibt sich die Erkenntnis, dass Wissen Wahnsinn und gefährlich ist. Die Physiker begiessen einen Eid. Sie entsagen der Welt. Wie lächerlich. Sie sind ja längst eingesperr­t. Und ihre Formeln längst kopiert.

Carina Braunschmi­dts Irrenärzti­n demonstrie­rt den Männerbünd­lern, wozu wahre Allmachtsf­antasie fähig ist. Lange Gesichter bei den Physikern. Donnernder Applaus vom Publikum. Verdienter­massen. Wer so lange Pause machen musste wie das Theater, darf auch mal vorführen, wie es ist, ganz von vorne anzufangen.

Nächste Vorstellun­gen: 23. und 24. 9., 1. und 23. 10., www.theater-basel.ch

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Foto: Ingo Hoehn Irrenärzti­n von Zahnd (Carina Braunschmi­dt) zeigt Andrea Bettinis Inspektor an, wer in ihrem Sanatorium das Sagen hat.

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