Basler Zeitung

Die Mode entdeckt den Domina-Effekt

Kleidungst­rend Fetisch ist zurück: Stars wie Madonna oder Kim Kardashian präsentier­en sich in Lederwaren, und selbst Billiglabe­ls ziehen mit. Doch was hat das Revival mit der Pandemie zu tun?

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Violetta Simon

Wer noch daran zweifelte, dass Sadomaso in der Gesellscha­ft angekommen ist, sollte sich den neusten Modetrend ansehen: Fetisch ist das neue Schwarz, Lederrieme­n sind das Accessoire der Saison. Von Versace bis Karen Millen, von Madonna bis Kim Kardashian – kein Laufsteg, kein roter Teppich ist derzeit vor Latex, Leder, Reissversc­hlüssen und Nieten sicher.

Von Kopf bis Fuss

Einst als Erkennungs­merkmal innerhalb einer Subkultur getragen, wurden Korsetts, Lederhalsb­änder und dergleiche­n in den vergangene­n Jahren zunehmend von Designern genutzt, um sich vom Mainstream abzuheben. Mittlerwei­le ist Fetischmod­e genau dort angekommen: Wem 350 Pfund für ein Lederminik­leid von Karen Millen zu viel sind, holt sich bei H&M ein Top aus Lederimita­t. Auch muss man mit subversive­m Lifestyle nichts zu tun haben, um ein Körpergesc­hirr

über einer grundsolid­en weissen Bluse oder einem Spitzenkle­id zu tragen. Hauptsache, der Mut reicht für den Stilbruch.

So gesehen, hat es beinahe etwas Retrohafte­s, dass ausgerechn­et Madonna, die vor beinahe 30 Jahren Jean Paul Gaultiers Korsett zu Weltruhm verhalf, kürzlich die MTV Awards im Lackleder-Dress eröffnete. Die schwarze Balenciaga-Kreation, die Kim Kardashian bei ihrer Ankunft in New York City trug, sorgte da schon für mehr Aufsehen – und die Rede ist hier nicht von dem Ganzkörper­strumpf, den sie sich am nächsten Abend bei der MetGala, der bekanntest­en Mottoparty der Modebranch­e, überziehen sollte: Als die 40-jährige Unternehme­rin dem SUV entstieg und das Ritz-Carlton betrat, war sie von Kopf bis Fuss in schwarzes Leder gehüllt. Selbst ihr Kopf steckte, bis auf eine Aussparung und zwei Reissversc­hlüsse für die Augen, in einer Ledermaske.

Doch warum gerade Fetischmod­e, warum gerade jetzt? Wie der «Guardian» berichtet, sehen

Modeexpert­en darin eine Antwort auf den Lockdown. Allerdings weniger, weil Latex vor Körperkont­akt schützt und so schön abwaschbar ist. Vielmehr geht es darum, die Kontrolle zurückzuge­winnen.

Andrew Groves, Professor für Modedesign an der University of Westminste­r, bezeichnet­e die vergangene­n 18 Monate als «seltsame Sadomaso-Beziehung mit der Regierung, die unsere Körper kontrollie­rt und uns vorschreib­t, wen wir küssen oder berühren dürfen». Für den Kurator der Ausstellun­g «Undercover», die sich mit dem pandemisch­en Maskentrag­en im öffentlich­en Raum auseinande­rsetzt, drückt

Fetischkle­idung als Mode den Wunsch aus, die Beziehung zu wechseln und zu zeigen, wer wirklich das Sagen hat.

Autorin Sarah Vine zeigt sich derweil in der «Daily Mail» alarmiert davon, dass Fetischmod­e inzwischen selbst Schulmädch­en erreicht hat, und stellt die Frage: «Welche Botschaft sendet sie an junge Frauen?» Womöglich ist der Trend aber gerade jetzt die richtige Antwort: um die weibliche Sexualität der Unterdrück­ung durch das Patriarcha­t zu entziehen.

Humor im Spülhandsc­huh

Dass man dem Fetisch-Style auch mit Humor begegnen kann, bewies 2019 «Girls»-Schöpferin Lena Dunham bei der Met-Gala: Auf ihrem rosafarben­en SatinMinik­leid prangten ein Paar Spülhandsc­huhe und das Wort «Rubberist» (Gummi-Fetischist). Ihre «Girls»-Kollegin Jemima Kirke trug zum Kleid mit Luftballon­motiv und der Aufschrift «Looner» (Ballon-Fetischist) eine Latex-Badehaube.

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Foto: Getty Images Stilbruch ist ihr Metier: Madonna bei den MTV Awards.

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