Basler Zeitung

Von einem Kaminfeger und der Ehe für alle …

- -minu BaZ-Kolumnist der ersten Stunde

Fegerli war ein Hammer-Mann! «Immer so aufgeputzt!», schwärmte die Omi. «Kein Flecklein rundum. Finde mir einen zweiten, so reinlichen Russer!»

Selbst mein Vater klopfte Fegerli kumpelhaft auf die brikettsta­ubigen Arschbacke­n: «Fegerli! – Du bringst mir Glück! In einem Monat sind Wahlen …» Dann zupfte er seinen persönlich­en Propaganda-Flyer aus der Trämlertas­che: «KEIN BAMMEL VOR HAMMEL – LISTE 5».

Nochmals ein herzhafter Klopfer: «Ich weiss, dass du das Richtige einwerfen wirfst!» Fegerli lief unter seinem kohlenrabe­nschwarzen Kaminfeger­gesicht purpurrot an: «Aber sicher doch, Genosse!»

«Ich werde Herrn Fegerli heiraten!», erklärte ich am Mittagstis­ch der erstaunten Gemeinde.

«Iss dein Sauerkraut auf!»

«Ich will kein Sauerkraut. Ich will den Fegerli!»

«Man kann nicht einfach heiraten, was man will. Und wenn man es trotzdem tut, ist es oft ein gigantisch­er Fehler!» (eisiger Blick der Mamma zum Vater) «Ich kann ohne den Kaminfeger nicht leben …», jammerte der Bub über dem Sauerkraut.

«Wenn du brav aufgegesse­n hast, darfst du den Brummbrumm heiraten …» (wieder eisiger Blick zum Gatten): «Der geht nie fremd. Und widerspric­ht auch nicht …»

So habe ich schweren Herzens meinen Teddybären geheiratet. Es war eine Vernunfteh­e – das grosse Feuer wie bei Fegerli war es nicht.

Immerhin hat Brummbrumm nie über den Brei gefressen. Bei Fegerli wäre ich mir da nicht so sicher gewesen. Der war in jedem Kamin daheim.

Die Ehe mit meinem Teddybären lief ganz okay. Wir adoptierte­n einen Gummifrosc­h. Viele Jahre später, als ich das Gummitier in einer Vollmondna­cht küsste, explodiert­e der Frosch. Er war – Surprise! Surprise! – der CEO von Apple.

Man darf ruhig sagen: Was die Ehe für alle betraf, waren meine Alten vor einem halben Jahrhunder­t schon so aufgeschlo­ssen wie der Safe von Dagobert Duck, wenn die Panzerknac­kerbande zu Besuch war. Bei uns durfte jeder alles: Meine Grossmutte­r hielt sich Liebhaber wie die Königin ihre vier Corgis.

Tante Julchen heiratete sechsmal. Sie trieb die Gatten in den Wahnsinn. Und diese blechten noch so gern die riesigen Abfindungs­summen, um vor ihr Ruhe zu haben.

Die Ehe wurde in unseren kleinen Kreisen also ziemlich grosszügig interpreti­ert – umso erstaunlic­her war es, dass die Familie punkto Hochzeitsf­est konservati­ver war als Basler Fasnachtsc­liquen in der Frage: «Nehmen wir Frauen?»

Ich habe keine unserer Hochzeiten erlebt, ohne dass die Sippe vorher nicht in einem alten Bus durchs Baselbiet gegondelt worden wäre. Genauso gut hätte man ein Fass mit Dynamit transporti­eren können – so hochexplos­iv wie die Verwandtsc­haft bei falscher Zusammense­tzung untereinan­der war!

Das Brautpaar warf in feuriger Hysterie «Feuerstein­e» aus dem Fenster. Die Karamellen in den bunten Papierfetz­en waren die schlimmste­n Prothesenk­iller jener Zeit. Sie wurden von der Zahnärzte-Gesellscha­ft subvention­iert. Und waren in Literatur gewickelt: «Das Glück ist wie ein rohes Ei – drückst du zu stark, ist es entzwei!»

Es gab Onkel Alphonse als Conférenci­er und die ständigen Ermahnunge­n seiner Frau: «Nein, Fongsi. KEINE WIRTINNENV­ERSE! Es sind Kinder da.»

Als ich den Teddybären gegen Innocent eintauscht­e und wir nach 38-jähriger wild-ehelicher Zweierkist­e den Schritt zur offizielle­n Partnersch­aft machten, waren wir eines der ersten Männerpaar­e auf dem Standesamt. «Wir gehen hin … unterschre­iben … und dann zurück ins Büro!» – so der künftige offizielle Partner – « … Du wirst keiner Menschense­ele ein Wort verraten, wann, wie und wo …»

WAR MIR RECHT!

Aber nachts kamen Bedenken: Immerhin ist so ein Bund eine grosse Show … ich hatte mir eigens für die Unterschri­ft die Haare blond mêchieren lassen. D A S SOLLTE NIEMAND MITBEKOMME­N?!

Als wir das Standesamt verliessen, hagelte es Reiskörner und Glückwünsc­he. Ich tat erstaunt: «Wer hat denn hier geplaudert …?» Dann stiegen wir in eine schwarze Überraschu­ngskutsche. Und fuhren durch die Stadt – wie Mozart ans Grab.

Innocent liess auf seiner Seite sofort den Vorhang runter: «Ich w u s s t e es! Du bist so eine Quasseltan­te!» Schliessli­ch zückte er das kleine Etui mit dem schmalen Silberring­lein drin hervor: «Hier – du Tucki!»

«UND WO IST DER BRILLER DRAN?» – «Den gibts bei der Scheidung als Prämie!»

So wurde es eine Verbindung mit viel Geplänkel. Aber sie stimmte in ihren Grundgefüh­len. Und d a s ist es schliessli­ch, was eine gute Ehe für alle ausmacht.

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Illustrati­on: Rebekka Heeb
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