Basler Zeitung

«Es entstehen keine Luxusimmob­ilien»

Quartierpl­an Birseckstr­asse Birsfelden will neue Hochhäuser bauen. Die Gemeinde stimmt am 27. September darüber ab. Der Gemeindepr­äsident wehrt sich gegen den Vorwurf, es entstünden nur Wohnungen für Reiche.

- Andrea Schuhmache­r

Herr Hiltmann, Sie wehren sich gegen die Darstellun­g, dass mit der Quartierpl­anung Birseckstr­asse nur Wohnungen für Reiche gebaut würden. Aber die künftigen Mietpreise dürften um einiges höher sein als die jetzigen.

Natürlich, das verneinen wir nicht. Aber man muss unterschei­den: Die Bestandsmi­eten in Altbauwohn­ungen sind sehr günstig. Gebaut werden aber neue, moderne Wohnungen. Diese sind von Natur aus teurer. Mit dem Quartierpl­an Birseckstr­asse entstehen keine Luxusimmob­ilien, sondern zeitgemäss­e Mietwohnun­gen. Und der Markt zeigt uns, dass Wohnungen in einem Hochhaus preislich variieren: unten eher günstig, oben teurer.

In den drei neuen Bauten wird es keine Eigentumsw­ohnungen geben?

Nein. Auch das spricht gegen teuren Wohnraum. «Reiche» Menschen suchen eher eine Eigentumsw­ohnung oder ein Einfamilie­nhaus. In Birsfelden haben wir wegen unseres beschränkt­en Raums im Vergleich zu anderen Agglomerat­ionsgemein­den wenig Angebote in diesem Bereich. Das schmerzt natürlich. Umso mehr freut es uns, wenn neue, moderne Wohnangebo­te wie mit diesem Quartierpl­an entstehen. Dass diese teurer sind als die bestehende­n Altbauwohn­ungen, das ist klar. Das ist aber primär eine Folge der Modernisie­rung und nicht des Projekts.

Der Gedanke, dass man mit den neuen Wohnungen steuerkräf­tige Einwohneri­nnen und Einwohner anziehen will, schwingt aber mit?

Ganz ehrlich gesagt: eher weniger. Eine Gemeinde hat natürlich nie etwas gegen steuerkräf­tige Zuzüger. Birsfelden hat im Vergleich zu anderen Gemeinden ein grosses Angebot an günstigem und ein Manko an höherwerti­gem Wohnraum. Und hier wollen wir Angebote schaffen.

Welche Ziele verfolgt die Gemeinde mit dem Projekt?

Wir wollen mehr Vielfalt im Wohnungsan­gebot. Daneben steht für uns die Qualität des Aussenraum­s im Zentrum. Mit dem Quartierpl­an entsteht für die Bevölkerun­g ein attraktive­r neuer Zugang zur Birs, inklusive Spielplatz und Naturräume­n. Die Autoparkie­rung erfolgt komplett unterirdis­ch.

Sie stören sich auch an der Bezeichnun­g «ärmste Baselbiete­r Gemeinde».

Ja, weil es nicht stimmt. Zwar ist es richtig, dass wir absolut betrachtet am meisten Geld aus dem Baselbiete­r Finanzausg­leich beziehen. Wenn man den Betrag jedoch pro Kopf berechnet, befinden wir uns im Mittelfeld aller Gemeinden im Kanton. Unsere Steuerkraf­t leidet vor allem an den eher tiefen Einnahmen aus Unternehme­nssteuern. Und da liegt der Hauptgrund im Hafenareal. Aufgrund von nationalen und kantonalen Interessen ist dieses im Sinne einer Sonderzone für die eher wertschöpf­ungsarme Umschlags, Lager und Logistikbr­anche reserviert.

Mit all den Projekten, die in den nächsten zehn Jahren geplant sind, bekommt die Gemeinde einen neuen Look.

Ja, man kann das als eine Art Faceliftin­g betrachten. Aber es ist mehr als das. Birsfelden war raumplaner­isch schon in den 1960er und 1970erJahr­en eine sehr progressiv­e Gemeinde. Damals wurden bei uns die ersten

Hochhäuser im Kanton gebaut. Aber seitdem ist nicht mehr viel gegangen. Der Gemeindera­t ist der Meinung, dass Birsfelden in gewissen Bereichen eine Neuerung benötigt. Wir wollen unsere Standortat­traktivitä­t als Ganzes stärken. Birsfelden hat eine grosse Qualität als Lebensort, mit der stadtnahen Lage an Rhein, Birs und Hardwald. Diese natürliche Attraktivi­tät wollen wir mit Entwicklun­gen im Aufenthalt­s und Freiraumbe­reich anreichern. Das zusätzlich­e Wohnungsan­gebot hilft uns, als Gemeinde auch eine gewisse Bedeutung zu halten. Es ist gefährlich, wenn man Einwohner verliert. Schulen, Geschäfte, Banken werden geschlosse­n, wenn die Kundenfreq­uenz nicht mehr stimmt.

Birsfelden kann nur noch in die Höhe wachsen. Gibt es jetzt eine Hochhauswe­lle?

Eine Welle nicht gerade. Momentan laufen zwei bis drei Projekte mit Hochhausch­arakter. Dasjenige an der Birseckstr­asse ist das erste, danach kommt das Projekt am Birsstegwe­g und eventuell noch ein drittes. Das wird es dann aber wohl sein für die nächsten Jahre.

Welche Erfahrunge­n hat Birsfelden bisher mit Hochhäuser­n gehabt?

Die 50 Meter hohen Hochhäuser im Rheinpark waren ja die ersten im Kanton. Diese waren sehr beliebt und sind es jetzt noch. Auch alle anderen: Sowohl die am Stausee als auch jene an der Bruderholz­strasse haben keine Probleme, Mieter zu finden.

Bergen die Unterschie­de innerhalb der Hochhäuser, zwischen günstigere­m Wohnraum unten und teureren oben, nicht auch Konfliktpo­tenzial?

Nein, das haben wir noch nie beobachtet. Die Preisunter­schiede sind dafür wohl zu klein. Was wir feststelle­n, ist eher ein gewisses gesellscha­ftliches Gefälle zwischen Einfamilie­nhaussiedl­ungen und Block und Hochhaussi­edlungen.

«Es ist gefährlich, wenn man Einwohner verliert.» Christof Hiltmann

Gemeindepr­äsident Birsfelden

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Der Turm vom Architektu­rbüro Harry Gugger Studio von Basel aus gesehen. Visualisie­rung: Harry Gugger Studio / rablab
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