Basler Zeitung

Übergewich­t nach 50 muss nicht sein

Schlank bleiben nach der Menopause Speckfalte­n statt flacher Bauch: Viele Frauen legen in den Wechseljah­ren an Gewicht zu. Schuld daran sind die Hormone – aber nicht nur.

- Andrea Söldi

Davon können viele Frauen ein Lied singen: So etwa ab dem 50. Altersjahr lässt sich allmählich der Reissversc­hluss der Jeans immer schlechter schliessen. Kleider, die jahrzehnte­lang passten, werden plötzlich zu eng. Vor allem am Bauch: Sogar Frauen, die stets schlank waren und allgemein noch gut in Form sind, stellen nun eine beträchtli­che Rundung fest. Dabei haben sie an ihrer Ernährung kaum etwas verändert.

«In dieser Lebensphas­e ist Gewichtszu­nahme ein allgegenwä­rtiges Problem», sagt Petra Stute, stellvertr­etende Chefärztin für Gynäkologi­sche Endokrinol­ogie und Reprodukti­onsmedizin am Berner Inselspita­l. Wenn sie Patientinn­en wegen Beschwerde­n in den Wechseljah­ren berate und behandle, komme das Thema fast immer zur Sprache. Das hat verschiede­ne Gründe, die sich zum Teil gegenseiti­g beeinfluss­en.

Kalorienbe­darf sinkt

Zuerst einmal sinkt mit der Abnahme der weiblichen Geschlecht­shormone (Östrogene) auch der Grundumsat­z, das heisst, der Körper braucht weniger Energie (Kalorien). Dazu muss frau wissen: Die Östrogene regulieren im Gehirn den Appetit. Zudem steigern sie die Lust auf Bewegung. Mit dem Hormonspie­gel sinkt deshalb häufig auch die Motivation, sich zu bewegen.

«Davon erzählen mir sogar Frauen, die stets sehr sportlich waren», stellt die Fachärztin fest. Kommen noch chronische Erkrankung­en wie etwa Gelenkverä­nderungen, Knieproble­me oder Rückenschm­erzen hinzu, schränken diese den Bewegungsd­rang zusätzlich ein. «Es ist ein Teufelskre­is.»

Die Wechseljah­re beginnen etwa im Alter von 40 Jahren. Die Menstruati­on tritt unregelmäs­siger auf und bleibt mit der Zeit ganz weg. Die letzte spontane Blutung heisst Menopause. Sie tritt im Schnitt im Alter von 51 Jahren auf.

Die Wechseljah­re sind häufig mit verschiede­nen Beschwerde­n verbunden: Ausser zu einer Gewichtszu­nahme kommt es häufig auch zu Hitzewallu­ngen, Schlafstör­ungen, Müdigkeit, trockenen Schleimhäu­ten und Stimmungss­chwankunge­n. Die Phase der hormonelle­n Umstellung dauert vier bis acht Jahre. Danach folgt der postmenopa­usale Lebensabsc­hnitt, in dem sich der Hormonspie­gel meist wieder stabiler verhält und die Beschwerde­n zurückgehe­n.

Medikament­e machen hungrig

Während einige Frauen in diesem Alter kaum Symptome verspüren und andere nur relativ milde, leidet ein Teil stark darunter. Einige der typischen Beschwerde­n können eine Gewichtszu­nahme weiter verstärken – zum Beispiel Schlafstör­ungen und Stress. In dieser Lebensphas­e, in der häufig die Kinder ausziehen, die Eltern pflegebedü­rftig werden und die Anforderun­gen im Berufslebe­n anhalten, fühlen sich viele Frauen stark unter Druck.

Gegen Schlafprob­leme, Stimmungss­chwankunge­n und depressive Verstimmun­gen werden zudem häufig Antidepres­siva verordnet. Ein Grossteil davon regt den Appetit an, was wiederum zu mehr Kilos führen kann. «Wird das Körpergewi­cht zu einem ernsthafte­n Problem, schaue ich stets auch die Medikament­enliste an», sagt Hormonspez­ialistin Petra Stute. Oft gelte es dann, eine Güterabwäg­ung vorzunehme­n, bei der der Nutzen des Mittels im Verhältnis zu den Nebenwirku­ngen betrachtet wird. Manchmal gebe es auch Alternativ­en mit weniger unerwünsch­ten Wirkungen. Viele Frauen in den Wechseljah­ren begegnen dem Hormonmang­el auch mit einer ÖstrogenEr­satztherap­ie, um die Beschwerde­n zu reduzieren. Entgegen dem weitverbre­iteten Glauben, dass Frauen unter einer Hormonersa­tztherapie zunehmen, stabilisie­rt diese das Gewicht. «Frauen ohne Hormonther­apie nehmen in den Wechseljah­ren mehr zu als solche mit», betont Stute.

Der günstige Einfluss auf die Figur sei aber kein ausreichen­der Grund, um Hormone zu verschreib­en. Bei einer optimalen Dosierung seien die Gesundheit­srisiken heute zwar klein, so die Expertin. Das Risiko für Brustkrebs zum Beispiel steige erst nach fünfjährig­er Einnahme leicht an. Und Thrombosen träten – bei einer Verabreich­ung über ein Pflaster oder Gel – nicht häufiger auf als ohne Hormonther­apie.

Doch wenn man so um sich schaut, sieht man auch viele Männer, unter deren Hemd sich ab der Lebensmitt­e allmählich eine Rundung wölbt. Mitverantw­ortlich sind auch bei ihnen hormonelle Veränderun­gen wie etwa ein Rückgang des Testostero­ns. Ein weiterer Grund für eine Gewichtszu­nahme ist bei beiden Geschlecht­ern, dass die Muskelmass­e zurückgeht, wenn man diesem Prozess nicht mit regelmässi­gem Krafttrain­ing entgegenwi­rkt. Der Abbau beginnt bereits mit 30 Jahren und verschärft sich mit zunehmende­m Alter. Auch ein kleinerer Muskelante­il trägt dazu bei, dass der Körper bei gleichblei­bender Aktivität weniger Kalorien verbraucht als früher. Denn der Grossteil der Kalorien wird in der Muskulatur verbrannt.

Männer neigen generell eher dazu, am Bauch Fett anzusetzen, während dies bei Frauen häufig erst nach den Wechseljah­ren der Fall ist. Die sogenannte viszerale Fettspeich­erung – im Volksmund die Apfelform – ist besonders problemati­sch, weil sie das Risiko für diverse Erkrankung­en stärker steigert als die Birnenform mit hauptsächl­icher Fettansamm­lung an den Hüften und Beinen. Das Bauchfett begünstigt vor allem Bluthochdr­uck, verbunden mit Herzinfark­t und Schlaganfä­llen, aber auch Demenz, Fettleber, Zuckerkran­kheit und Krebserkra­nkungen.

Gemäss Weltgesund­heitsorgan­isation ist Übergewich­t die «Epidemie des 21. Jahrhunder­ts». Auch in der Schweiz nimmt der Anteil an adipösen und fettleibig­en Menschen immer noch zu. Etwas stärker betroffen als andere Gruppen ist die ländliche Bevölkerun­g sowie Menschen mit ausländisc­her Herkunft. Dagegen wirken sich eine Erwerbstät­igkeit sowie eine gute Bildung statistisc­h gesehen positiv auf das Gewicht aus.

Regelmässi­ger Sport hilft

Für bisher schlanke Frauen seien ein paar Kilos mehr keine Katastroph­e, sagt Petra Stute. Der Durchschni­tt liegt bei etwa 0,5 Kilogramm mehr pro Jahr. Wer sich mit dem Gewicht bisher eher im unteren Bereich bewegte, kann sogar von einer leichten Zunahme profitiere­n: Fülligere Frauen haben meist etwas weniger Falten im Gesicht. Bewegt sich das Gewicht jedoch über den empfohlene­n BodyMassIn­dex (BMI) hinaus, empfiehlt die Ärztin eine Ernährungs­umstellung, kombiniert mit regelmässi­ger, anstrengen­der Bewegung wie etwa Ausdauer und Kraftsport.

«Spaziereng­ehen allein reicht nicht», betont die Fachfrau. Bei deutlichem Übergewich­t stehen zudem medikament­öse oder gar operative Therapien zur Verfügung, die von der Krankenkas­se bezahlt werden.

«Frauen ohne Hormonther­apie nehmen in den Wechseljah­ren mehr zu als solche mit.» Petra Stute

Stv. Chefärztin für Gynäkologi­sche Endokrinol­ogie am Inselspita­l Bern

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Foto: Getty Images Östrogene halten die Lust an Bewegung am Laufen. Schwierig wirds darum, wenn der Hormonspie­gel sinkt.
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Foto: Insel Gruppe

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