Basler Zeitung

Marlen Reusser hat ein klares Ziel – den Sieg

-

Die Bernerin Marlen Reusser tritt heute als Mitfavorit­in zum Zeitfahren an. Man muss sich bei ihr immer zwei Seiten vor Augen halten: hier die Sportlerin, die an den Olympische­n Spielen in ihrer Spezialdis­ziplin Silber und zuletzt an der EM Gold gewonnen hat. Wenn sie nun vor der WM sagt, sie wolle «wirklich gewinnen», ist das nur logisch.

Doch zugleich ist bei Reusser auch immer diese andere Seite präsent, ist es weiterhin eine Tatsache, dass sie ihren Sport erst seit fünf Jahren betreibt, dass sie bis vor einem Jahr als Projekt galt, mit fasziniere­nden physischen Talenten ausgestatt­et, aber angesichts der kurzen Zeit im Sport auch mit vielen Handicaps konfrontie­rt.

Vor einem Jahr gelang ihr der erste Coup, sie gewann WM-Silber

im Zeitfahren. Die aktuelle Saison ist, mit 29 Jahren, ihre erste in einem Spitzentea­m. Sie verlief harzig. Nicht weil sie dem Niveau nicht gewachsen gewesen wäre, gar nicht. Sondern weil sie immer wieder von Rückenprob­lemen geplagt wurde.

Erst als die Spiele näher rückten, traten die Rückenschm­erzen in den Hintergrun­d. In Japan glückte Reusser der nächste Schritt. Wieder Rang 2, eine Olympiamed­aille, «crazy», sagt sie.

Das olympische Silber scheint in der Bernerin etwas freigescha­ltet zu haben. Reusser fährt seit ihrer Rückkehr aus Asien mit den Besten um die Wette, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Galt sie bislang als reine Zeitfahrer­in, gewann sie in den vergangene­n Wochen erstmals ein

Massenstar­trennen, trug in zwei Rundfahrte­n das Leaderinne­ntrikot – und hielt in einem Bergzeitfa­hren mit Annemiek van Vleuten mit, die ihren Sport seit einigen Jahren überstrahl­t.

Es war auch Van Vleuten, die in Tokio Gold gewann. Und es ist sie, die in Flandern zum dritten Mal diesen Titel anstrebt. Wer sonst?, war man lange geneigt zu fragen. Nun ist da plötzlich diese Bernerin, die sich in der Form ihres Lebens befindet, am Tag ihres 30. Geburtstag­s zum WMZeitfahr­en antritt und sagt: «Mit diesen Beinen ist es eine Freude, Rennen zu fahren.» Und: «Es ist schon etwas schizophre­n: Bis vor kurzem wäre ich so happy gewesen über ein WM-Podest. Aber jetzt muss ich sagen: Nein, ich will wirklich gewinnen.»

Pogacar. So war es im Frühling am Tirreno–Adriatico, als er zwar Ganna bezwang – stattdesse­n aber von Van Aert um den Sieg gebracht wurde. Und so war es eben auch in Tokio, als Küng auf einem Parcours, der für ihn eigentlich zu schwer war, höchst konkurrenz­fähig war, Silber und Bronze jedoch hauchdünn verpasste.

Tony Martin – ein Grosser tritt ab

Jene vier Zehntel Rückstand von Tokio hatten Küng nach seiner Rückkehr aus Asien angetriebe­n. Aber erst, nachdem er zehn Tage lang vom Velo Abstand genommen hatte, um die Niederlage zu verarbeite­n. So viel Zeit bleibt ihm nun nicht. Am Mittwoch steht die noch junge Disziplin Mixed-Staffel mit je drei Frauen und Männern an.

Swiss Cycling hat dafür neben Küng auch Stefan Bissegger vorgesehen, der bei seinem EliteWM-Debüt zwei Plätze hinter Küng landete – und das sehr entspannt nahm: «Heute reichte es nicht, das nächste Mal dann vielleicht doch.» Zwischen den Schweizern klassierte sich der vierfache Zeitfahrwe­ltmeister Tony Martin. Auch er wird am Mittwoch antreten, für Deutschlan­d. Aber es wird, wie er am Sonntag bekannt gab, das letzte Rennen in der Karriere des 36-Jährigen sein.

Gras oder im Kies. Von dem her war das Manöver zwar hart und riskant, aber das musste es auch sein. Ich kam ein wenig quer, aber er hätte mehr aufmachen müssen. Ich begreife es nicht.»

Tom Lüthi mit zweitbeste­m Saisonresu­ltat

Tom Lüthi fuhr derweil in der Moto-2-Klasse auf Platz 11 und bestätigte seinen Aufwärtstr­end der letzten Wochen. Der Emmentaler, von der 14. Startposit­ion aus gestartet, bekundete auch nicht wie so oft in letzter Zeit Probleme in der ersten Rennphase, sondern fuhr auch mit vollem Tank konstant. Schrittwei­se verbessert­e er sich bis auf Platz 10, dann verlor er kurz vor Schluss noch einen Platz.

 ?? Foto: Freshfocus ?? Das fatale Manöver: Aegerter (l.) touchiert Torres.
Foto: Freshfocus Das fatale Manöver: Aegerter (l.) touchiert Torres.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland