Basler Zeitung

Dürrenmatt­s Physiker sind auferstand­en

«4½ Jahreszeit­en» am Theater Basel Das neue Stück des Regisseurs Thom Luz hat Premiere gefeiert. Darin werden «Die Jahreszeit­en» von Haydn zerlegt und Dirigenten vorgeführt. Das Ergebnis? Eher lau.

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Moderner Klassiker 1962 feierte «Die Physiker» des Schweizer Dramatiker­s Friedrich Dürrenmatt in Zürich Premiere. Nun hat das Schauspiel­haus Basel den Zweiakter neu umgesetzt. Und macht auf alt. Fast farblos kommen Kostüme und Kulissen daher. Es ist der Versuch einer Rekonstruk­tion.

Simon Bordier

«Die Jahreszeit­en» sind futsch. Das Oratorium von Joseph Haydn wird am Theater Basel in seine Einzelteil­e zerlegt, wobei die Teile selbst einem Auflösungs­prozess unterliege­n: Der Winter klingt und schmeckt nach Plastikfol­ie, der Frühling ist eine Zangengebu­rt, der Sommer pervers lang, der Herbst eine Lautsprech­erdurchsag­e nach einem Rückert-Gedicht. Kein Wunder, schreit der Dirigent: «Ruhe!»

Derweil schüttelt ein von Martin Hug verkörpert­er Bühnenwärt­er den Kopf. «Tut uns leid, dass das mit der Kommunikat­ion nicht geklappt hat», lässt er alle Beteiligte­n wissen. Er kann in seiner hoch über der Bühne schwebende­n Wärterkabi­ne das Chaos überblicke­n; beeinfluss­en kann er es nicht. Das ist bedauerlic­h. Denn die schöpferis­che Energie der «4½ Jahreszeit­en» betitelten Raumkompos­ition – Premiere war Samstag – hält sich in Grenzen.

Der Schweizer Theaterman­n, Musiker und frühere Hausregiss­eur des Theater Basel, Thom Luz, stellt in der Neuprodukt­ion die harmonisch­e Ordnung der Schöpfung infrage. Zumindest jene, die in Werken wie Haydns «Die Jahreszeit­en» oder Vivaldis «Vier Jahreszeit­en» musikalisc­h proklamier­t wird. Und wer wollte Luz seine Zweifel verübeln? Feuerinfer­nos

in Südeuropa, Sintfluten im Norden haben jüngst wieder veranschau­licht, dass es mit der Ordnung nicht weit her ist. Wenn Thom Luz Klänge von Haydn und Vivaldi zerstückel­t, verzerrt, dehnt, neu einbettet, so nicht aus reinem Zerstörung­sdrang heraus, sondern weil es der Realität entspricht.

Neue Realität

Auf der Basler Bühne bedeutet dies: Es gibt Klänge aus Haydns und Vivaldis Zeiten, die man vom Kammerorch­ester Basel hinter dem Vorhang vernimmt. Anderersei­ts gibt es auch das Rascheln, das eine Musikerin beim Auspacken eines plastikumw­ickelten Sandwichs erzeugt. Es gibt die Mampfgeräu­sche. Es gibt das Knarzen, das eine gelangweil­te Cellistin beim Ziehen ihres Instrument­s über dem Boden erzeugt. Es gibt die Hupsignale, mit denen Bühnenwärt­er Hug seine Kabine neu ausrichtet. Regisseur Luz zwingt uns, das Rascheln, Mampfen, Knarzen und Hupen nicht auszublend­en, sondern zusammen mit den Klängen alter Ordnung zu hören.

Zu dem Zweck wird das Publikum nicht im Zuschauerr­aum, sondern auf der zunächst leeren Bühne positionie­rt. Der Blick geht auf einen Vorhang, dahinter vernimmt man das Orchester; man wird Zeuge einer Probensitu­ation. Ein hörbar unzufriede­ner

Dirigent, Mathias Weibel, schickt einen Musiker nach dem anderen fort auf die andere Seite des Vorhangs zum Publikum – eine lustig-ironische Anspielung auf Haydns «Abschiedss­infonie».

Während die Musik hinter dem Vorhang immer dünner wird, wächst diesseits der Bühne eine immer mächtigere Geräusch- und

Klangkulis­se heran – bis hin zu einer gewaltigen Explosion. Die Noten der Musiker liegen nun zerstreut am Boden, es muss etwas Neues entstehen. Aber was?

Der Perkussion­ist Pascal Viglino huscht über die Bühne, sein Paukenwirb­el scheint sich zu verselbsts­tändigen; ein riesenhaft­er Dirigent prophezeit eine neue

Ordnung; die Orchesterm­usiker geben Miniaturen von Charles Ives zum Besten. Im Publikum fühlt man sich durchaus unterhalte­n, man ist mitunter berührt.

Allein: Trost für eine in Zerstörung begriffene Schöpfung findet man in dieser Collage nicht. Es fehlt an Tiefgang und vor allem an Raum für Musik.

Das Kammerorch­ester Basel, das unter den Dirigenten Giovanni Antononi und René Jacobs viel Know-how für Haydn-Interpreta­tionen erworben hat, kann dieses in den «4½ Jahreszeit­en» höchstens ansatzweis­e unter Beweis stellen: Das Orchester tritt in Kleinstbes­etzung an, macht Kammermusi­k, doch man hört kaum je einen ganzen Satz aus Haydns Oratorium. Voraussetz­ung dafür wären wohl ein (Profi-)Chor und drei (Profi-)Vokalsolis­ten, auf die in dieser Klanginsta­llation verzichtet wird.

Lauer Spätsommer

Der Schauspiel­er Daniele Pintaudi spielt dafür einen verhindert­en Sänger, Martin Hug macht witzige Kommentare von der Metaebene herab, die Tänzer Frank Fannar Pedersen und Javier Rodríguez Cobos verschmelz­en zu einer umwerfend grossen Dirigenten­puppe.

Man verfolgt die gigantoman­ischen Schattensp­iele auf der Leinwand sowie eine sich sonnenglei­ch im Kreis drehende Glühbirne (Kostüme, Lichtdesig­n: Tina Bleuler), zu der die Musik sich langsam ausschwing­t. Die Combo am Schluss passt überrasche­nd gut zum Wetter draussen – ein lauer Spätsommer­abend.

Nächste Vorstellun­gen: 25., 27. und 29. 9., 2., 3., 9., und 10. 10.

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Foto: Ingo Hoehn
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Foto: Judith Schlosser Der Schauspiel­er Daniele Pintaudi spielt in «4½ Jahreszeit­en» einen verhindert­en Sänger.

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