Schwie­ri­ge Stre­cke mit Ge­schich­te

Berner Oberlander - - Vorderseite - An­dré Däh­ler

Vier Post­au­tos ste­hen am Bahn­hof Reichenbach be­reit zur Ab­fahrt nach Ki­en­tal-Grie­salp. Die Auf­nah­me stammt vom Som­mer 1946. 1933 über­nah­men Bus­se die Li­nie. Zu­vor trans­por­tier­ten Post­kut­schen die Rei­sen­den. Die stei­le Stre­cke mit den en­gen Kur­ven stell­te im­mer wie­der gros­se An­for­de­run­gen an die Be­trei­ber, welche ei­gens für die Bus­li­nie ge­bau­te Spe­zi­al­fahr­zeu­ge ein­setz­ten. So war das Post­au­to mit dem Über­na­men «Bull­dög­gi», das 1936 den Be­trieb auf­nahm, zu die­ser Zeit ei­ne Welt­neu­heit. Erst ab 2004 ver­kehr­ten in Se­rie ge­bau­te Post­au­tos. Dies, nach­dem die Strasse ent­spre­chend aus­ge­baut wor­den war. sgg

Die An­rei­se zur Grie­salp ist spek­ta­ku­lär: In Reichenbach, di­rekt an der Lötsch­berg-Nord-Süd-Ach­se fährt das Post­au­to hin­ein ins Ki­en­tal. Nach dem Dörf­chen Ki­en­tal, wo einst ein Le­nin Re­vo­lu­ti­ons­theo­ri­en ent­wi­ckel­te, geht es vor­bei am Tschin­gel­see und dann auf der steils­ten Post­au­to­stre­cke in en­gen Keh­ren hoch zur Grie­salp.

Zum En­de des 19. Jahr­hun­derts er­leb­te der Frem­den­ver­kehr im Ber­ner Ober­land ei­nen gros­sen Auf­schwung. Die Bau­ern­dör­fer wan­del­ten sich durch den ak­ti­ven Ho­tel­bau zu Frem­den­ver­kehrs­or­ten. Al­ler­dings be­klag­te sich Au­tor Karl Stett­ler 1887 im Buch über das Fru­tig­land über «die feh­len­de Ho­tel­in­fra­struk­tur im Khien­thal. Es gibt aus­ser Al­pen­kost und Nacht­la­ger nur we­ni­ge Hüt­ten mit an­nehm­ba­ren Bet­ten.»

Ver­kehrs­ver­ein und Ho­tels

Im Jah­re 1898 ent­stand dann auf der Grie­salp aus ei­ner um­ge­bau­ten Senn­hüt­te die ers­te Frem­den­pen­si­on, und im Dorf Ki­en­tal wur­de der Ki­en­tal­er­hof er­öff­net. 1904 ent­stand auf der Grie­salp

das Ho­tel Blüem­li­salp, und im glei­chen Jahr wur­de der Ver­kehrs­ver­ein Reichenbach-Ki­en­tal ge­grün­det. Mit dem Bau der Ho­tels Al­pen­ruh (1905), Cha­let Hoh­tür­li (1909), Na­tur­freun­de­haus (1911), Bä­ren Ki­en­tal (1912) und Pen­si­on Gol­der­li (1926) wuchs das Ki­en­tal zum be­lieb­ten Ku­r­ort mit in­ter­na­tio­na­ler Aus­strah­lung. Mit­ten in der Kriegs­zeit nahm 1916 ein ge­wis­ser Wla­di­mir Il­jitsch Ul­ja­now (Le­nin) an der Ge­heim­kon­fe­renz der So­zia­lis­ti­schen In­ter­na­tio­na­len im Ho­tel Bä­ren in Ki­en­tal teil.

Post­kut­schen­zeit

Im Som­mer 1899 wur­de ei­ne Fahr­ver­bin­dung der Post zwi­schen Reichenbach und dem Ki­en­tal ein­ge­rich­tet. Es ver­kehr­ten in je­der Rich­tung zwei Kur­se. Die Fahr­zeit dau­er­te 75 Mi­nu­ten. Un­ter­neh­mer war Sa­mu­el Witt­wer, Kut­scher und Ne­go­ti­ant in Reichenbach. Ab 1901 fuhr die Ei­sen­bahn von Spiez nach Frutigen. Der di­rek­te An­schluss brach­te in den kom­men­den Jah­ren den schritt­wei­sen Aus­bau des Post­kut­schen­be­trie­bes.

We­gen des zu­neh­men­den Rei­se­ver­kehrs muss­te 1926 das Be­fah­ren der Alp­st­ras­se von Ki­en­tal bis Gor­nern amt­lich ver­bo­ten werden. 1927 ver­kehr­te zwei­mal täg­lich ei­ne Pfer­de­post ab Reichenbach via Schar­nach­tal nach Ki­en­tal.

Die Fahrt dau­er­te fünf Vier­tel­stun­den und kos­te­te in der Sai­son vom 15. Ju­ni bis 15. Sep­tem­ber 2.10 Fran­ken, in der üb­ri­gen Zeit 1.20. Im Som­mer fuhr ei­ne 6- bis 7-plät­zi­ge, im Win­ter ei­ne 2- bis 3-plät­zi­ge Kut­sche.

Das ers­te Post­au­to

In­fol­ge des stets zu­neh­men­den Ver­kehrs und der Fort­schrit­te im Au­to­mo­bil­bau schrieb die Kreis­post­di­rek­ti­on in Bern 1929 den Kurs Reichenbach–Ki­en­tal für ei­nen Post­au­to­hal­ter aus. Schon am 1. Mai 1930 wur­de die Li­nie Reichenbach–Ki­en­tal er­öff­net.

Der Post­au­to­hal­ter­auf­trag ist dem «Aus­wär­ti­gen» Adel­bod­ner Karl Gei­ger über­tra­gen wor­den, weil er of­fen­bar als ein­zi­ger Be­wer­ber rea­lis­ti­sche Vor­stel­lun­gen von ei­nem wirt­schaft­li­chen Be­trieb hat­te. Die Li­nie wur­de wäh­rend des Som­mers mit ei­nem 14-plät­zi­gen Om­ni­bus und wäh­rend der üb­ri­gen Zeit als Pfer­de­post be­trie­ben. Ab dem 15. Ju­ni 1933 ver­kehr­te ein Om­ni­bus vom Typ Ber­na-Ad­ler, aus­ge­rüs­tet mit ei­nem Stoff­ver­deck, bis auf die Grie­salp.

Welt­neu­heit

Die stei­le Stre­cke mit den en­gen Kur­ven stell­te im­mer wie­der gros­se An­for­de­run­gen an die Be­trei­ber. Ab 1936 kam ein bei Sau­rer Ar­bon ge­fer­tig­ter Al­pen­wa­gen mit 16 Plät­zen zum Ein­satz. Das Spe­zi­al­fahr­zeug er­laub­te mit dem auf die Berg­stre­cke ab­ge­stimm­ten 5-Gang-Ge­trie­be ei­ne Höchst­ge­schwin­dig­keit von 45 St­un­den­ki­lo­me­tern. Das Post­au­to er­hielt bald den Über­na­men «Bull­dög­gi», es war der ers­te Front­len­ker der Welt!

In den fol­gen­den Jah­ren wur­den wei­te­re Ge­ne­ra­tio­nen von ei­gens für die Stre­cke ge­bau­ten Spe­zi­al­fahr­zeu­gen ein­ge­setzt, bis schliess­lich ab 2004 die ers­ten in Se­rie ge­bau­ten und auch an­ders­wo ein­ge­setz­ten Post­au­tos des Typs Mer­ce­des Va­rio 815 D mit ei­nem Spe­zi­al­auf­bau für 23 Sit­zund 19 Steh­plät­ze in Be­trieb ge­nom­men wur­den. Al­ler­dings muss­ten da­zu auf der mit 28 Stei­gungs­pro­zen­ten steils­ten Post­au­to­stre­cke der Welt vor­gän­gig die Wen­de­plat­ten aus­ge­baut und gan­ze en­ge Stel­len mit­tels Fels­spren­gun­gen aus­ge­wei­tet werden.

Die stei­le Stre­cke mit den en­gen Kur­ven stell­te im­mer wie­der gros­se An­for­de­run­gen an die Be­trei­ber. Das Post­au­to er­hielt bald den Über­na­men «Bull­dög­gi», es war der ers­te Front­len­ker der Welt!

Fo­to: PD

Fo­tos: PD

Der Sau­rer-Front­len­ker­bus ver­kehr­te ab 1936 im Ki­en­tal und war ei­ne Welt­neu­heit. Das Bild wur­de 1950 auf der Grie­salp auf­ge­nom­men.

Fo­tos: PD

Das ers­te Post­au­to auf der Stre­cke war ein Ber­na-Ad­ler Typ L1.

Das heu­ti­ge Post­au­to auf Tal­fahrt beim Wild­was­ser­weg am He­xen­kes­sel.

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