Sa­ni­tä­ter leis­ten bis zu 10 Ein­sät­ze

In der Hoch­sai­son set­zen die Jung­frau­bah­nen ei­nen Ret­tungs­sa­ni­tä­ter ein. Zum Ein­satz kommt er bis zu zehn­mal am Tag – in ers­ter Li­nie bei Fäl­len von leich­ter Hö­hen­krank­heit.

Berner Oberlander - - Vorderseite -

In der Hoch­sai­son leis­tet ein Sa­ni­tä­ter fix Dienst auf dem Jungfraujoch. Er hat täg­lich bis zu 10 Ein­sät­ze.

Im­mer mehr Leu­te. In im­mer kür­ze­rer Zeit. Nach die­sem Leit­satz be­wirt­schaf­ten die Jung­frau­bah­nen ih­re Top­des­ti­na­ti­on: Be­such­ten noch 2008 je­des Jahr 700 000 Gäs­te das Jungfraujoch, sind es heu­te, zehn Jah­re spä­ter, im glei­chen Zei­t­raum schon über ei­ne Mil­li­on. Um die Si­tua­ti­on in den Stoss­zei­ten im Griff be­hal­ten zu kön­nen, hat das Un­ter­neh­men das Ma­xi­mum bei 5000 Gäs­ten pro Tag ge­de­ckelt.

Ih­re hoch­flie­gen­den Plä­ne aus der Zeit vor zehn Jah­ren ha­ben die Jung­frau­bah­nen zwar längst be­gra­ben. Mit ih­rer Idee, ei­ne neue Ex­press­bahn in den Fel­sen zu schla­gen, sorg­ten sie weit­her­um für Auf­se­hen. Die Rei­se vom Tal­grund auf 800 Me­tern über Meer hin­auf aufs Joch in knapp 3500 Me­tern Hö­he hät­te sich von knapp ei­ner St­un­de und 45 Mi­nu­ten auf et­wa 20 Mi­nu­ten ver­kürzt – al­lein, letzt­lich schei­ter­ten die Plä­ne an den Kos­ten von bis zu ei­ner Mil­li­ar­de Fran­ken. Statt­des­sen ent­schied das Un­ter­neh­men, für viel we­ni­ger Geld die be­ste­hen­den An­la­gen aus­zu­bau­en und neue Zü­ge zu kau­fen. Da­mit wur­de die Fahrt um im­mer­hin rund 15 Mi­nu­ten auf ei­ne St­un­de und 30 Mi­nu­ten ver­kürzt.

Da­mit al­ler­dings wird ein The­ma wie­der ak­tu­ell, über das schon im Zu­sam­men­hang mit dem Lift­pro­jekt von 2008 hef­tig dis­ku­tiert wur­de: Ob die im­mer zahl­rei­che­ren Tou­ris­ten die im­mer schnel­le­re Fahrt über so vie­le Hö­hen­me­ter über­haupt ver­kraf­ten?

600 Fäl­le im Jahr

Be­feu­ert wird die neu­er­li­che De­bat­te da­von, dass seit zwei Jah­ren ein Ret­tungs­sa­ni­tä­ter der ört­li- chen Spi­tal­grup­pe FMI auf dem Jungfraujoch Dienst schiebt. Er tut dies je­weils in der Hoch­sai­son von Mai bis Sep­tem­ber und da­mit wäh­rend rund 150 Ta­gen, wie Vi­ze­di­rek­tor Fritz Nyffe­negger auf An­fra­ge be­stä­tigt. Ein Pool von rund 20 Mit­ar­bei­tern wechs­le sich in die­ser Auf­ga­be ab, führt er aus, und: Die Ein­ge­teil­ten reis­ten je­den Mor­gen an und kehr­ten am Abend heim.

Nyffe­negger re­det da­von, dass sei­ne Leu­te pro Ar­beits­tag zwei­bis zehn­mal ein­grei­fen müs­sen. Wäh­rend der 150-tä­gi­gen Di­enst­pe­ri­ode kom­men so je­weils rund 600 Ein­sät­ze zu­sam­men. Be­han­delt werden ne­ben Klein­ver­let­zun­gen wie Qu­et­schun­gen, Prel­lun­gen oder Schür­fun­gen vor al­lem die Sym­pto­me ei­ner leich­ten Hö­hen­krank­heit. Rund die Hälf­te der Pa­ti­en­tin­nen und Pa­ti­en­ten kla­gen über Schwin­del, Kopf- weh, leich­te Übel­keit. Al­ler­dings, und das hebt Nyffe­negger mit Be­dacht her­vor: Mit der kür­ze­ren Rei­se aufs Jungfraujoch hät­ten all die­se Fäl­le gar nichts zu tun.

Urs Scher­rer stimmt ihm zu. Der Kar­dio­lo­ge am Ber­ner In­sel­spi­tal be­schäf­tigt sich seit Jah­ren mit der Hö­hen­krank­heit, und er hält fest: Ob die Fahrt ei­ne Vier­tel­stun­de län­ger oder we­ni­ger lang daue­re, ha­be kei­nen Ein­fluss auf die Sym­pto­me. Das Tem­po sei nicht das Pro­blem. «Wer sich rich­tig ak­kli­ma­ti­sie­ren möch­te, müss­te ab 2500 Me­tern über Meer oh­ne­hin al­le 1000 bis 1500 Hö­hen­me­ter zwei bis drei Ta­ge Pau­se ma­chen.»

Den Be­trof­fe­nen rät der Spe­zia­list, sich lang­sam zu be­we­gen und be­wusst zu at­men. Bei hef­ti­gen Sym­pto­men kön­ne Sau­er­stoff ab Fla­sche durch­aus hel­fen; «am ein­fachs­ten und ef­fi­zi­en­tes- ten ist es aber, mög­lichst rasch ins Tal zu fah­ren». Dann fügt er noch an: «Un­se­re For­schung zeigt, dass auf 4500 Me­tern über Meer die Hälf­te der Men­schen die Hö­hen­krank­heit spürt.» Bei den 3500 Me­ter des Jung­frau­jochs kön­ne man da­von aus­ge­hen, dass hier 25 bis 30 Pro­zent be­trof­fen sei­en.

Ei­ne Di­enst­leis­tung

Vor die­sem Hin­ter­grund, be­tont FMI-Vi­ze Nyffeler, ha­be der Bei­zug der Ret­tungs­sa­ni­tä­ter gar nichts mit der Vor­wärts­stra­te­gie der Jung­frau­bah­nen zu tun. Viel lie­ber re­det er von ei­ner Di­enst­leis­tung – ähn­lich wie Chris­toph Schläp­pi, der als Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied der Jung­frau­bah­nen von ei­ner «Er­hö­hung der Ser­vice­qua­li­tät» spricht. Schläp­pi be­tont wei­ter, sein Un­ter­neh­men le­ge seit je Wert auf ei­ne gu­te me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung. Da­zu ge­hö­re, dass das ei­ge­ne Per­so­nal in Not­hil­fe aus­ge­bil­det sei.

Das Pro­blem mit der Hö­hen­krank­heit sieht Schläp­pi oh­ne­hin kaum. Der Auf­ent­halt auf dem Jungfraujoch sei zu kurz, als dass die Sym­pto­me zu ernst­haf­ten Pro­ble­men füh­ren könn­ten. Die Zahl der me­di­zi­ni­schen Ein­sät­ze ver­hal­te sich des­halb «im­mer pro­por­tio­nal zur Zahl der an­we­sen­den Men­schen».

Schläp­pi weist dar­auf hin, dass die Jung­frau­bah­nen die hö­he­ren Zah­len vor al­lem über ei­ne bes­se­re Aus­las­tung in den schwä­che­ren Zei­ten zu er­rei­chen ver­su­chen. Die­sem Ziel ord­net sich ge­mäss sei­nen Aus­sa­gen letzt­lich auch die V-Bahn un­ter: Die di­rek­te Gon­del­bahn, die der­zeit von Grindelwald-Grund bis zum Ei­ger­glet­scher ge­baut wird, ver­kürzt die Fahr­zeit aufs Jungfraujoch noch­mals. Ste­phan Kün­zi

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