Das Al­pen­schwein kehrt zu­rück

Ae­schi In den letz­ten 30 Jah­ren sah man in der Schweiz kein schwar­zes Al­pen­schwein mehr. Seit kur­zem lebt nun ein Paar bei der Fa­mi­lie Dietrich – und soll sich hier ver­meh­ren.

Berner Oberlander - - Region - Su­san­ne Graf Adri­an Dietrich

Wer­ner hat sich au­gen­blick­lich in Frau Stru­pa­tel­li ver­liebt. Und sie hat ihn nicht ab­ge­wie­sen. Kaum dass sie nach der Qua­ran­tä­ne in den Trans­por­ter ver­la­den wur­den, ha­be er sie be­stie­gen, er­zählt Adri­an Dietrich. Die Re­de ist von je­nem Eber und je­ner Moo­re, die neu­er­dings in ei­nem Ge­he­ge in Ae­schi le­ben. Der Roman­ze ging ei­ne lan­ge Ge­schich­te vor­aus. An­ge­fan­gen hat sie mit dem heu­te 10-jäh­ri­gen Han­nes Dietrich. Er

«Sie sind kür­zer, leich­ter und ha­ben län­ge­re Bei­ne als die hie­si­gen Mast­schwei­ne.»

Land­wirt

wünsch­te sich Schwei­ne. Doch für sei­nen Va­ter, der auch als Leh­rer und Be­ra­ter am In­f­o­ra­ma Ber­ner Ober­land ar­bei­tet, ka­men nor­ma­le Edel­schwei­ne nicht in­fra­ge. Denn die Tie­re soll­ten mit­hel­fen, die Alp­wei­den ab­zu­gra­sen. Sie muss­ten al­so ge­län­de­gän­gig sein und durf­ten nicht so schnell Son­nen­brän­de ein­fan­gen wie nor­ma­le Schwei­ne. «Und Woll­schwei­ne ge­ben bloss viel Speck und we­nig Fleisch.» Sie ka­men für die Fa­mi­lie Dietrich, die ih­re Pro­duk­te di­rekt ver­mark­tet, al­so auch nicht in­fra­ge.

Per Zu­fall stiess der Va­ter dann auf das schwar­ze Al­pen­schwein. «Sie sind kür­zer, leich­ter und ha­ben län­ge­re Bei­ne als die hie­si­gen Mast­schwei­ne», zählt Land­wirt Dietrich die Vor­tei­le auf.

Ei­ne lan­ge Pro­ze­dur

Das Pro­blem war nur, dass das schwar­ze Al­pen­schwein in kei­nem Ka­ta­log be­stellt wer­den konn­te. Vor hun­dert Jah­ren sei es zwar auch im Ber­ner Ober­land stark ver­brei­tet ge­we­sen. Doch dann sei die Leis­tungs­zucht ge­kom­men, man ha­be mit ef­fi­zi­en­te­ren Flei­schras­sen ein­ge­kreuzt «und staun­te plötz­lich, dass das Al­pen­schwein aus der Schweiz ver­schwun­den war», sagt Dietrich. Ir­gend­wann stiess er bei sei­ner Su­che auf das al­pi­ne Netz­werk Pro Pa­tri­mo­nio Mon­ta­no (Pa­triMont, sie­he Kas­ten). 2013 hat­te die­ses im Velt­lin fünf schwar­ze Schwei­ne ent­deckt, die kei­ner mo­der­nen Ras­se ent­spra­chen. Spä­ter sei­en im Süd­ti­rol und im Val­chia­ven­nea zwei wei­te­re Re­likt­po­pu­la­tio­nen ge­fun­den wor­den. Dietrich weiss, dass heu­te zwi­schen dem All­gäu und Nord­ita­li­en wie­der 150 schwar­ze Al­pen­schwei­ne le­ben. «Un­ter die­sen wur­den drei Eber und sechs Moo­ren ge­fun­den, die den ge­sund­heit­li­chen Sta­tus ha­ben, dass sie in die Schweiz im­por­tiert wer­den konn­ten.»

Die Fa­mi­lie Dietrich brauch­te viel Ge­duld, bis sie Frau Stru­pa­tel­li

Das Netz­werk

Pro Pa­tri­mo­nio Mon­ta­no ging aus dem glei­chen Kreis von Per­so­nen her­vor, die in den 1980er-Jah­ren in der Schweiz Pro Spe­cie Ra­ra und in Ös­ter­reich Ar­che Aus­tria ge­grün­det ha­ben. Es be­müht sich, grenz­über­schrei­tend Ras­sen zu er­hal­ten. Sein Haupt­in­ter­es­se gilt an­spruchs­lo­sen ro­bus­ten Ras­sen, die sich im Berg­ge­biet ent­wi­ckelt ha­ben. «Wir kon­zen­trie­ren uns auf und Wer­ner die­sen Som­mer in Arth-Gol­dau ab­ho­len konn­te. Ei­ne Pri­vat­per­son hät­te sich den Im­port auch gar nicht leis­ten kön­nen. Denn die­sem ging ei­ne lan­ge wich­ti­ge Öko­ty­pen, die für die Berg­land­wirt­schaft von Be­deu­tung sind», schreibt die Stif­tung. Das schwar­ze Al­pen­schwein ge­hört da­zu, weil es für die ex­ten­si­ve Frei­land­hal­tung im Berg­ge­biet prä­des­ti­niert sei. Mit sei­nem Wüh­len be­kämp­fe es die Aus­brei­tung von Bla­cken und Amp­fern und lo­cke­re et­wa auch von Rin­dern ver­dich­te­te Stel­len. Pro­ze­dur mit teu­ren Un­ter­su­chun­gen vor­aus. Im­mer­hin muss­te je­de noch so klei­ne Ge­fahr, dass ei­nes der Tie­re Trä­ger sein könn­te der Ac­tino­ba­cil­lo­se, ei­ner in der Schweiz aus­ge­rot­te­ten Schwei­ne­seu­che, aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen. Nur dank Spon­so­ren und Pa­triMont konn­ten die Tests, der Im­port und ei­ne zwei­mo­na­ti­ge Qua­ran­tä­ne im Tier­park Gol­dau fi­nan­ziert wer­den.

Nach­wuchs im Früh­ling

Die bei­den Al­pen­schwei­ne, die jetzt in Ae­schi le­ben, ge­hö­ren denn auch nicht Han­nes Dietrich, son­dern Pa­triMont. So­bald die Fa­mi­lie Dietrich die­se in Form von Fer­keln zu­rück­be­zahlt ha­ben wird, ge­hen sie in ih­ren Be­sitz über. Nächs­ten Früh­ling, so hof­fen Va­ter und Sohn, soll­te es Nach­wuchs ge­ben. Bis da­hin sind die zwei bei ihr le­ben­den Al­pen­schwei­ne die ein­zi­gen im gan­zen Kan­ton Bern. Zwei wei­te­re Zucht­grup­pen le­ben im Kan­ton Zü­rich, ei­ne im Tier­park Gol­dau.

Die letz­ten Bil­der, die hier­zu­lan­de vom Vor­kom­men die­ser Ras­se zeu­gen, stam­men laut Adri­an Dietrich aus den frü­hen 1980er-Jah­ren. Jetzt sol­len Frau Stru­pa­tel­li und Wer­ner eif­rig da­zu bei­tra­gen, dass sich das ur­sprüng­lich hier an­ge­sie­del­te schwar­ze Al­pen­schwein wie­der ver­brei­tet.

Fo­to: Mar­kus Hu­ba­cher

Va­ter Adri­an und Sohn Han­nes Dietrich mit ih­ren ra­ren schwar­zen Al­pen­schwei­nen – Eber Wer­ner (r.) und Moo­re Frau Stru­pa­tel­li.

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