Das Bun­des­per­so­nal ist zu gut

Mit­ar­bei­ter­be­ur­tei­lung Heu­te er­hal­ten 96 Pro­zent des Per­so­nals die No­te «gut» oder «sehr gut». SVP und FDP wol­len das än­dern. Für die An­ge­stell­ten ist das lohn­re­le­vant.

Berner Oberlander - - Schweiz - Fa­bi­an Schä­fer

Die For­de­rung klingt ei­gen­ar­tig, ist aber ernst ge­meint: Der Bund soll sei­nem Per­so­nal schlech­te­re No­ten ge­ben. SVP- und FDPNa­tio­nal­rä­te ha­ben ges­tern in der Fi­nanz­kom­mis­si­on be­schlos­sen, die Spiel­re­geln für die all­jähr­li­chen Mit­ar­bei­ter­ge­sprä­che der Ver­wal­tung in ei­nem zen­tra­len Punkt zu ver­schär­fen. Beim Bund gibt es vier Stu­fen der Beur­tei­lung von «un­ge­nü­gend» bis «sehr gut», in wel­che die knapp 40 000 An­ge­stell­ten der Ver­wal­tung von ih­ren Vor­ge­setz­ten ein­ge­teilt wer­den.

SVP und FDP ver­lan­gen nun, dass die­se Ein­tei­lung künf­tig ei­ner Nor­mal­ver­tei­lung fol­gen muss. So­mit müss­te die gros­se Mehr­heit et­wa gleich­mäs­sig in den Stu­fen 2 («ge­nü­gend») und 3 («gut») klas­siert wer­den. Da­von ist der Bund heu­te weit ent­fernt: 2017 er­hiel­ten 96 Pro­zent die No­ten «gut» oder «sehr gut». In den Vor­jah­ren war das nicht an­ders.

«Ab­strus, de­mo­ti­vie­rend»

Die­se schie­fe Ver­tei­lung ist bür­ger­li­chen Par­la­men­ta­ri­ern schon lan­ge ein Dorn im Au­ge. Denn beim Bund ha­ben die Mit­ar­bei­ter­ge­sprä­che hand­fes­te fi­nan­zi­el­le Fol­gen: An­ge­stell­te mit ei­nem «gut» oder «sehr gut» ha­ben An­spruch auf ei­ne in­di­vi­du­el­le Lohn­er­hö­hung, so­lan­ge sie das Ma­xi­mum ih­rer Lohn­klas­se noch nicht er­reicht ha­ben. Die­se jähr­li­chen Zu­schlä­ge lie­gen zwi­schen 1,5 und 4 Pro­zent. Sie kom­men je­weils zu den ge­ne­rel­len Lohn­er­hö­hun­gen hin­zu. 2019 zum Bei­spiel will der Bun­des­rat die Löh­ne um 0,6 Pro­zent an­he­ben, um ei­nen Teil der Teue­rung aus­zu­glei­chen.

In Zu­kunft sol­len we­ni­ger An­ge­stell­te in den Ge­nuss au­to­ma­ti­scher Lohn­er­hö­hun­gen kom­men, wenn es nach den Fi­nanz­po­li­ti­kern aus SVP und FDP geht. Da sie die Mit­ar­bei­ter­be­ur­tei­lun­gen nicht di­rekt steu­ern kön­nen, muss­ten sie ei­nen in­di­rek­ten Weg su­chen. Ge­fun­den ha­ben sie ihn im Klein­ge­druck­ten des Bud­gets, wo für je­des Amt «Leis­tungs­zie­le» de­fi­niert sind. Die Fi­nanz­kom­mis­si­on hat nun dem Per­so­nal­amt kur­zer­hand ein

Un­ge­nü­gend

Ge­nü­gend neu­es Ziel ver­passt: «Die ge­führ­ten Beur­tei­lun­gen stel­len mit­tels ge­eig­ne­ter Kri­te­ri­en ei­ne Nor­mal­ver­tei­lung über al­le vier Stu­fen si­cher.» So­mit müss­te das Per­so­nal­amt die an­de­ren Äm­ter da­zu be­we­gen, gleich­mäs­si­ge­re No­ten zu ver­ge­ben. Der Ent­scheid der Kom­mis­si­on fiel nur mit 13 ge­gen 12 Stim­men. Da die CVP nicht mit­hilft, ist un­si­cher,

Gut

Sehr gut ob der Plan im De­zem­ber im Par­la­ment ei­ne Chan­ce hat.

Bei Per­so­nal­ver­tre­tern stösst der Vor­schlag auf hef­ti­ge Ab­wehr. Er sei «völ­lig ab­strus und de­mo­ti­vie­rend», sagt Bar­ba­ra Gy­si (SP), die Prä­si­den­tin des Bun­des­per­so­nal­ver­bands. Vor­ge­setz­te sei­en da­mit ge­zwun­gen, für je­den An­ge­stell­ten, dem sie ei­ne gu­te No­te ge­ben wol­len, ei­nen an­de­ren schlech­ter ein­zu­stu­fen. Ei­ne solch sche­ma­ti­sche Vor­ga­be füh­re zu Un­ge­rech­tig­kei­ten. «Die rechts­bür­ger­li­che Mehr­heit will ein­mal mehr auf dem Bu­ckel des Per­so­nals spa­ren.» Auf die Fra­ge, ob die heu­ti­ge Ver­tei­lung nicht tat­säch­lich et­was ei­gen­ar­tig sei, sagt Gy­si: «Das kann man dis­ku­tie­ren – aber bit­te sach­lich und nicht auf der Ba­sis ei­nes Hau­ruck­an­trags.» Und so­wie­so, fin­det Gy­si, sol­le das Par­la­ment zur Kennt­nis neh­men, dass sehr vie­le Bun­des­an­ge­stell­te sehr gut ar­bei­ten.

Zu den trei­ben­den Kräf­ten hin­ter dem Ein­griff zählt FDPNa­tio­nal­rat Hans-Ul­rich Big­ler. Sei­ne Dia­gno­se: «Im heu­ti­gen Sys­tem geht es den Chef­be­am­ten of­fen­bar kaum dar­um, ei­ne nüch­ter­ne Leis­tungs­be­ur­tei­lung vor­zu­neh­men, son­dern ih­ren Leu­ten eher ei­ne ver­steck­te Lohn­er­hö­hun­gen zu ge­wäh­ren.» So­lan­ge die Ein­tei­lung lohn­re­le­vant sei, gä­ben die Vor­ge­setz­ten im Zwei­fel lie­ber ei­ne hö­he­re No­te, so Big­ler. «Es wi­der­spricht dem ge­sun­den Men­schen­ver­stand, dass es in ei­ner Ver­wal­tung mit 37000 Voll­zeit­stel­len kei­ne gleich­mäs­si­ge Ver­tei­lung ge­ben soll.» Der Di­rek­tor des Ge­wer­be­ver­bands be­tont, in der Pri­vat­wirt­schaft sei­en solch star­re Lohn­sys­te­me im­mer sel­te­ner.

An­de­re sind aus­ge­gli­che­ner

Ver­glei­che mit an­de­ren Ar­beit­ge­bern könn­ten zei­gen, ob die No­ten­ver­ga­be beim Bund wirk­lich so exo­tisch ist. SBB, Co­op und UBS wei­gern sich aber, ih­re Zah­len zu ver­öf­fent­li­chen; ver­füg­bar sind da­für je­ne der Ber­ner Kan­tons­ver­wal­tung und der Post. Ei­ne Nor­mal­ver­tei­lung gibt es auch hier nicht, den­noch er­scheint das Bild aus­ge­gli­che­ner als beim Bund. In Bern er­rei­chen 62 Pro­zent die mitt­le­re von fünf Stu­fen und 34 Pro­zent die zweit­bes­te. Bei der Post, die sechs Stu­fen kennt, sind 48 Pro­zent in Stu­fe 3 (gut) und 36 Pro­zent in Stu­fe 4 (sehr gut). Ei­nen ganz an­de­ren Weg geht die Zürcher Kan­to­nal­bank. Sie sorg­te 2016 für Auf­se­hen, als sie die jähr­li­che Mit­ar­bei­ter­be­ur­tei­lung ab­schaff­te und ein fle­xi­ble­res Sys­tem eta­blier­te, das we­ni­ger Auf­wand und Är­ger ver­ur­sa­chen soll.

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Fo­to: Keystone

Vie­le Bun­des­an­ge­stell­te ar­bei­ten of­fen­bar «sehr gut».

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