Er­leuch­tung im Wun­der­land

Berner Oberlander - - Region -

Es be­gab sich aber zu der Zeit, dass ich mir ge­bot, mein Le­ben zu schät­zen und ihm neu­en Glanz zu ver­lei­hen. Die na­he­lie­gends­te und ein­fachs­te Mass­nah­me da­für ist ei­ne leicht zu prak­ti­zie­ren­de Art von ZEN, näm­lich put­ZEN (bei­na­he so be­liebt wie fau­lenZEN).

Al­ler­dings wuss­te ich wirk­lich nicht, wo an­fan­gen. Das ge­sam­te Haus schrie förm­lich da­nach, ent­staubt und auf­ge­räumt zu wer­den. In­stink­tiv zog es mich des­halb an den

Ort, wo wir Frau­en uns na­tur­ge­mäss seit Jahr­mil­lio­nen am liebs­ten auf­hal­ten: die Kü­che. Wir keh­ren im­mer wie­der da­hin zu­rück wie die Lach­se zu ih­ren Laich­plät­zen, von un­er­gründ­li­chen Trie­ben ge­steu­ert. Ich er­in­ne­re mich gut da­ran, wie wir frü­her noch Holz spal­ten, Feu­er an­fa­chen und Schnee in der Pfan­ne schmel­zen muss­ten, be­vor wir uns dem be­tö­ren­den Duft von frisch auf­ge­brüh­tem Kaf­fee hin­ge­ben konn­ten.

Nun, mein Ener­gie­pe­gel lag so hoch, dass ich hät­te Tan­nen­bäu­me aus­reis­sen kön­nen, be­zie­hungs­wei­se Tür­rah­men, je­doch be­herrsch­te ich mich und fo­kus­sier­te statt­des­sen auf die grau­en Fens­ter­schei­ben, die nur­mehr er­ah­nen lies­sen, dass es noch ei­ne Welt da draus­sen gab. Im Os­ten leuch­te­te ein Hauch Mor­gen­rö­te, und mir däm­mer­te, dass der Son­nen­auf­gang schon bald das gan­ze tr­ü­be Aus­mass sicht­bar ma­chen wür­de. So stieg ich als­bald auf der Lei­ter him­mel­wärts, der Zim­mer­de­cke ent­ge­gen. Auf dem Sims grins­ten mich un­zäh­li­ge to­te In­sek­ten an, ein Sam­mel­su­ri­um win­zi­ger Lei­chen, teil­wei­se bis zur Un­kennt­lich­keit zer­brö­ckelt. Die­ser grau­si­ge Fund zwang mich zur Fra­ge, wann hier das letz­te Mal ge­putzt wor­den sei und – noch pein­li­cher – war­um ich mich nicht da­ran er­in­nern konn­te.

Selt­sa­mer­wei­se kam mir jetzt das Be­re­si­na­lied in den Sinn und grub sich als Ohr­wurm in mir fest, ins­be­son­de­re die Zei­le «Mu­tig, mu­tig, lie­be Brü­der…», was mir enor­men Auf­trieb gab. Ja, ich hielt es für ein Zei­chen der En­gel, ein Be­weis da­für, dass «un­er­war­tet Nacht und Dun­kel­heit schwin­den» und ich als «Schwer­ge­drück­te» die «Lin­de­rung in mei­nem Leid» fin­den wür­de. So riss ich mich zu­sam­men und an­er­bot den her­zi­gen Tier­chen ei­ne wür­di­ge Be­stat­tung, in­dem ich sie lie­be­voll der ewi­gen Ru­he an­heim­gab. Ver­dorr­te Spin­nen hin­gen noch in ih­ren zer­zaus­ten Net­zen, wie stum­me Zeu­gen ei­ner längst ver­gan­ge­nen Epo­che. Auch sie fan­den jetzt ih­ren Frie­den in den Gera­ni­en, und dann konn­te ich end­lich Klar­heit aufs Glas brin­gen. Mit zu­neh­men­der Dank­bar­keit er­leb­te ich die Wir­kung der äus­ser­li­chen Rei­ni­gung, die zum in­ne­ren Wohl­ge­fal­len ge­reich­te und schliess­lich in ei­nem eu­pho­ri­schen, völ­lig frei in­ter­pre­tier­ten Gos­pel gip­fel­te. Ver­ges­sen war die «Rei­se ei­nes Wand­rers in der Nacht», statt­des­sen er­war­te­te ich ju­bi­lie­rend «hin­ter je­nen fer­nen Hö­hen» noch ein Glück, wel­ches sich dann tat­säch­lich über mich er­goss mit den ers­ten Son­nen­strah­len, die an den glän­zen­den Wän­den tän­zel­ten.

Er­grif­fen von so viel Le­ben­dig­keit und Schön­heit, fiel ich spon­tan auf die Knie und dank­te dem lie­ben Gott und dem ge­sam­ten Kos­mos für den ewi­gen Rei­gen von Nie­der­gang und Au­fer­ste­hung, der mir heu­te ein­mal mehr of­fen­bart wur­de. Dann er­in­ner­te ich mich an den Dia­log mit ei­nem Pries­ter aus mei­ner Ju­gend. Wir hat­ten über das Kreuz von

Je­sus Chris­tus ge­spro­chen und über die di­ver­sen Kreu­ze, die wir al­le so her­um­tra­gen. Er gab mir zu ver­ste­hen, wie die län­ge­re Ver­ti­ka­le in Be­zug auf die kür­ze­re Ho­ri­zon­ta­le zu deu­ten sei, näm­lich sinn­ge­mäss: «Der Geist über­win­det die Ma­te­rie.»

Da­mit war der Tag ge­ret­tet, mein Herz hüpf­te froh und vol­ler Zu­ver­sicht, und ich fürch­te­te mich nicht. So wün­sche ich auch Ih­nen al­len ei­ne er­leuch­te­te Zeit und mäch­ti­ges Ver­trau­en in un­se­re täg­li­che Er­neue­rung. Hal­le­lu­jah!

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Ali­ce Ho­fer ist In­ha­be­rin der «Pra­xis für an­ge­wand­te Ver­gäng­lich­keit» und wohnt in Ober­ho­fen.

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