«Der Bun­des­rat zeigt ei­ne ge­wis­se Füh­rungs­schwä­che»

Berner Oberlander - - Schweiz - Clau­dia Blu­mer

So klingt Di­plo­ma­tie. Als der Bun­des­rat ges­tern vor die Me­di­en trat, um sein wei­te­res Vor­ge­hen beim Rah­men­ab­kom­men zu er­klä­ren, wur­de er von ei­ner Jour­na­lis­tin ge­fragt: «Hat der Bun­des­rat auch ei­ne Mei­nung da­zu, ob man mit den Dif­fe­ren­zen in die­sem Ab­kom­men le­ben kann?» Aus­sen­mi­nis­ter Igna­zio Cas­sis (FDP) ant­wor­te­te: «Die­se Dis­kus­si­on muss jetzt statt­fin­den ...» Dar­auf die Jour­na­lis­tin: «Der Bun­des­rat hat doch das Ab­kom­men ge­le­sen, die Fra­ge war, ob er sel­ber auch ei­ne Hal­tung hat.»

Ob er ei­ne hat oder nicht – das blieb Ge­gen­stand von Mut­mas­sun­gen. Si­cher ist: Zum Ab­lauf des Ul­ti­ma­tums, das die EU der Schweiz ge­stellt hat­te, teil­te der Bun­des­rat der EU-Kom­mis­si­on ges­tern mit, dass er die in­nen­po­li­ti­sche Ak­zep­tanz für das Rah­men­ab­kom­men noch­mals eva­lu­ie­ren wer­de. Das sei «kon­ster­nie­rend», sagt Tia­na Mo­ser, Na­tio­nal­rä­tin und Frak­ti­ons­che­fin der Grün­li­be­ra­len. Dass der Bun­des­rat kei­ne Hal­tung ein­neh­me zum Ver­hand­lungs­er­geb­nis, be­zeich­net sie als «to­tal mut­los». Die Re­gie­rung müss­te sich mit al­ler Kraft für das Ab­kom­men ein­set­zen, die­ses sei näm­lich gut. Auch CVP-Prä­si­dent Ger­hard Pfis­ter kri­ti­siert, dass der Bun­des­rat ei­ne Stel­lung­nah­me ver­wei­ge­re. So ma­che sich die Lan­des­re­gie­rung er­press­bar, «ab­hän­gig von den Ge­werk­schaf­ten». Die­se be­kämp­fen das Ab­kom­men we­gen be­fürch­te­ter Schwä­chung des Lohn­schut­zes. Sie ha­ben ges­tern mit­ge­teilt, dass sie kei­nen Mil­li­me­ter von ih­rer Po­si­ti­on ab­rü­cken.

SP-Na­tio­nal­rat Eric Nuss­bau­mer, auch er Mit­glied der Aus­sen­po­li­ti­schen Kom­mis­si­on, sagt, der Bun­des­rat zei­ge «ei­ne ge­wis­se Füh­rungs­schwä­che». Der Vor­schlag, der auf dem Tisch liegt, stam­me von der EU, ei­nen Schwei­zer Vor­schlag ge­be es nicht, sagt der Ba­sel­bie­ter. «Der Bun­des­rat hofft nun, dass die kon­sul­tier­ten Par­tei­en die­sen Vor­schlag er­ar­bei­ten.» Nuss­bau­mer ist der An­sicht, dass die Schweiz auf die Un­ter­zeich­nung des Ab­kom­mens hin­ar­bei­ten soll­te. An­ders als sei­ne Par­tei, die SP. Sie lehnt den Ent­wurf ab.

«Schei­tern nicht aus­zu­schlies­sen»

Der Te­nor war ges­tern: Die Mei­nun­gen zum Rah­men­ab­kom­men sind doch längst ge­macht – was will der Bun­des­rat denn noch? «Vi­el­leicht auf Zeit spie­len», sagt SVP-Prä­si­dent Al­bert Rös­ti. An­ders kön­ne er sich das zö­ger­li­che Vor­ge­hen nicht er­klä­ren. Die SVP lehnt ein Rah­men­ab­kom­men prin­zi­pi­ell ab. Da­ni­el Lam­part, Chef­öko­nom des Ge­werk­schafts­bunds, sagt: «Wir wa­ren erst vor drei Wo­chen beim Bun­des­rat in der Kon­sul­ta­ti­on. Nun wer­den wir ihm eben noch­mals das­sel­be sa­gen.»

Lob er­hält die Re­gie­rung von der FDP, de­ren Com­mu­ni­qué wie ei­ne Ver­tei­di­gungs­re­de für Bun­des­rat Cas­sis klingt, der an der Me­di­en­kon­fe­renz so rat­los wirk­te. Ei­ne Prü­fung des Ab­kom­mens be­nö­ti­ge Zeit, «al­les an­de­re wä­re un­se­ri­ös!», ap­pel­liert die Par­tei. Auch Eco­no­mie­su­is­se, Ge­wer­be­ver­band und Ar­beit­ge­ber­ver­band be­grüs­sen die Ge­le­gen­heit zur ver­tief­ten Ana­ly­se. Im Som­mer hät­ten sich die Ge­werk­schaf­ten der Dis­kus­si­on ent­zo­gen, sagt Ro­land Mül­ler, Di­rek­tor des Ar­beit­ge­ber­ver­bands. Nun hof­fe er, dass man mit al­len So­zi­al­part­nern die Streit­punk­te aus­räu­men kön­ne – «selbst wenn ein Schei­tern der Ver­hand­lun­gen nicht aus­zu­schlies­sen ist».

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