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Berner Oberlander - - Unterhaltung - Fort­set­zung folgt Paul Witt­wer:

Er hat­te das Glas noch nicht wie­der ab­ge­stellt, als ein hel­ler Blitz auf­leuch­te­te und kaum ei­ne Se­kun­de spä­ter der Don­ner krach­te. Es schien, als lau­er­te das Ge­wit­ter be­reits hin­ter dem Rie­der­horn, und die ers­ten schwe­ren Trop­fen klatsch­ten auf den Tisch.

Li­ma­cher leer­te das Glas in ei­nem Zug und raff­te sei­ne Sa­chen zu­sam­men. Wenn er sich be­eil­te, konn­te er das Ho­tel in we­ni­ger als ei­ner Vier­tel­stun­de er­rei­chen. Er stand auf und hielt nach Valé­rie Aus­schau. Sie kam ihm be­reits ent­ge­gen.

«Ich muss mich be­ei­len», er deu­te­te zum Him­mel.

Valé­rie stell­te sich vor ihn. «Ich möch­te, dass du bleibst!» Sie sah ihn her­aus­for­dernd an.

«Ich ha­be aber nichts da­bei …» Li­ma­cher hielt ih­rem Blick stand.

«Per­fekt!» Valé­rie schlang ih­re wei­chen Ar­me um sei­nen Hals.

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In Mar­ti­gny muss­te Hec­tor trotz Rück­stand auf den Fahr­plan ei­ne Pau­se ein­le­gen. Er be­nö­tig­te drin­gend ei­nen star­ken Kaf­fee. Die Fahrt über den Col de la For­claz war an­stren­gend ge­we­sen, vor al­lem, nach­dem der Re­gen ein­ge­setzt hat­te. Sie hat­te ihn nicht nur Zeit, son­dern auch Kraft ge­kos­tet. Von Genf nach Mar­ti­gny hät­te es kür­ze­re We­ge ge­ge­ben, aber Zaugg hat­te dar­auf be­standen, dass er den Um­weg über Frank­reich mach­te. Mit der Grenz­kon­trol­le und dem Wech­sel vom Zug auf ei­nen Miet­wa­gen in Anne­cy – Zaugg hat­te für ihn vor­re­ser­viert – soll­te er sei­ne Ver­fol­ger los­wer­den.

Der Plan schien auf­zu­ge­hen. In Anne­cy hat­te er die Leu­te, die mit ihm den Zug ver­lies­sen, ge­nau be­ob­ach­tet. Nie­mand er­in­ner­te auch nur im Ent­fern­tes­ten an ei­nen Pri­vat­de­tek­tiv, und auf der Pass­stras­se war er über wei­te Stre­cken völ­lig al­lei­ne un­ter­wegs ge­we­sen.

Er stu­dier­te auf sei­nem Han­dy die wei­te­re Rou­te. Ge­mäss Zaugg konn­te er über ei­nen Forst­weg prak­tisch bis zur Alp hoch­fah­ren. Die Stras­se war zwar mit ei­nem Fahr­ver­bot be­legt, aber Zaugg hat­te ihm ver­spro­chen, all­fäl­li­ge Bus­sen zu über­neh­men. Von der Be­nüt­zung der Gon­del­bahn hat­te er ihm ab­ge­ra­ten, weil es ers­tens zu ris­kant war, und zwei­tens kei­ne Fahr­ten mehr nach Mit­ter­nacht ge­macht wur­den.

Er sah auf die Uhr. Vor Mit­ter­nacht wür­de er es eh nicht mehr schaf­fen.

Der ver­rück­te Dok­tor hat­te wirk­lich an al­les ge­dacht.

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Gheor­ghe gab Gas. Er woll­te mög­lichst rasch Sicht­kon­takt her­stel­len. Nicht nur der ein­set­zen­den Däm­me­rung we­gen. Die Or­der war klar. Bei der erst­bes­ten Ge­le­gen­heit wür­den sie zu­schla­gen, mög­lichst be­vor Zaugg die Ver­la­de­sta­ti­on in Gop­pen­stein er­reicht hat­te. Auf der stei­len Stras­se, die sich nach Gam­pel in en­gen Kur­ven den Berg hin­auf­wand, war es mit dem schwe­ren Mo­tor­rad ein Leich­tes, Wa­gen um Wa­gen zu über­ho­len. Bei der Ein­fahrt in den Mittal­tun­nel sa­hen sie be­reits das Rück­licht von Zaugg.

«Mach dich be­reit!», sag­te er zu sei­nem Bru­der auf dem So­zi­us, mit dem er über Funk ver­bun­den war. «Aber un­auf­fäl­lig, hier gibt es al­le paar hun­dert Me­ter ei­ne Ka­me­ra.» In sei­nem Rü­cken spür­te er, dass An­d­rej den Schall­dämp­fer auf­schraub­te.

«Be­reit!», er­klär­te An­d­rej, kurz be­vor sich der Tun­nel­aus­gang in ei­nem dunk­len Grau ab­zu­zeich­nen be­gann.

«Ver­dammt, aus­ge­rech­net jetzt Ne­bel!», fluch­te Gheor­ghe.

Aber es war kein Ne­bel, der sie er­war­te­te. Es war ein Wol­ken­bruch. In­nert we­ni­ger Se­kun­den wa­ren sie völ­lig durch­nässt. Gheor­ghe muss­te vom Gas, denn Re­gen und Gischt nah­men ihm die Sicht. Dar­an än­der­ten auch die Blit­ze, die in im­mer kür­ze­ren Ab­stän­den das Grau er­hell­ten, nichts. Der Don­ner ver­fing sich in den Ber­gen zu ei­nem un­ab­läs­si­gen, be­droh­li­chen Grol­len. Ein Höl­len­ritt!

Es folg­ten ein paar kür­ze­re Tun­nels, wie Ver­schnauf­pau­sen. Gheor­ghe nutz­te sie trotz Über­hol­ver­bot zum Auf­ho­len. Sie ka­men Zaugg im­mer nä­her. Aber da be­gann auch die­ser zu über­ho­len und Gh­or­ghe frag­te sich, ob und wenn ja, wie er be­merkt hat­te, dass sie ihm auf den Fer­sen wa­ren. Als sie Gop­pen­stein er­reich­ten, la­gen sie im­mer noch drei Wa­gen hin­ter ihm.

Wie er­war­tet bog Zaugg zum Au­to­ver­lad ein. Gheor­ghe schnitt die Kur­ve und ge­wann wie­der ei­ne Wa­gen­län­ge.

«Mach dich be­reit!», schrie er An­d­rej zu. Aber noch be­vor die Links­kur­ve zu En­de war, schwenk­te Zaugg plötz­lich rechts ab.

«Scheis­se», fluch­te Gheor­ghe und riss das Rad her­um.

«Er will sich ver­ste­cken!», rief An­d­rej.

Zaugg hat­te die Stras­se ver­las­sen und fuhr di­rekt in ei­ne Art Werk­hof ein, wo of­fen­sicht­lich Un­ter­halts­ma­te­ri­al für den Tun­nel ge­la­gert wur­de. Er schlän­gel­te sich zwi­schen Ka­bel­rol­len, Bahn­schwel­len und Con­tai­nern Rich­tung Tun­nel, in dem eben ein Au­to­zug ver­schwand. Der Werk­hof en­de­te am Fels ne­ben dem Tun­nel.

«Das ist ei­ne Sack­gas­se», schrie Gheor­ghe. «Er fährt in die Fal­le!» Wie­der­um mach­te der Ver­folg­te ei­nen Schwen­ker und fuhr jetzt di­rekt auf die Glei­se zu, wo sich in ei­ni­ger Dis­tanz im Re­gen­ne­bel die ver­schwom­me­nen Lich­ter des Bahn­hofs ab­zeich­ne­ten. Da brems­te er ab.

«Er will zum Bahn­hof!», rief An­d­rej.

«Schiess!» Hin­ter sich gab es ei­nen dump­fen Knall und vor sich sah Gheor­ge Zaugg zu­sam­men­zu­cken. Ei­nen Mo­ment schien es, als kä­me er zu Fall.

An­d­rej gab ei­nen wei­te­ren Schuss ab. Am Mas­ten ne­ben Zauggs Kopf flo­gen Fun­ken. Er duck­te sich und gab Gas. Das Mo­tor­rad schnell­te nach vorn und flog buch­stäb­lich über die ers­ten Glei­se. An­d­rej schoss noch ein­mal, oh­ne zu tref­fen.

«Halt dich fest!» Gheor­ghe setz­te nach.

Zaugg brems­te ab, riss das Rad her um und gab wie­der Gas.

«Er fährt in den Tun­nel! Wir dür­fen ihn nicht ent­kom­men las­sen!» Best­zel­ler. Kri­mi­nal­ro­man. © 2018 Ny­degg Ver­lag Bern

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