Ob­li­ga­to­ri­sche Ab­ga­be auf Flug­ti­ckets?

Luft­ver­kehr Die Be­völ­ke­rung be­für­wor­tet die Ein­füh­rung ei­ner Öko­ab­ga­be auf Flug­ti­ckets. Auch wenn 2018 so vie­le Rei­sen­de wie noch nie frei­wil­lig ih­re Flu­ge­mis­sio­nen kom­pen­siert ha­ben, sind es im­mer noch we­ni­ge. Die Grü­nen for­dern ei­ne ob­li­ga­to­ri­sche Ab­gab

Berner Oberlander - - Front Page - Ste­fan Hä­ne

Luft­ver­kehr Auf Flug­ti­ckets soll künf­tig ei­ne ob­li­ga­to­ri­sche Öko­ab­ga­be be­zahlt wer­den. Die Grü­nen wol­len ei­ne ent­spre­chen­de Initia­ti­ve star­ten.

Der An­stieg ist frap­pant. Im letz­ten Jahr ha­ben Flug­rei­sen­de via My­cli­ma­te frei­wil­lig Flu­ge­mis­sio­nen im Um­fang von 32 000 Ton­nen kom­pen­siert, wie die Stif­tung mit Sitz in Zü­rich be­stä­tigt. Im Ver­gleich zu 2017 ist das ein Plus von 13 000 Ton­nen re­spek­ti­ve 68 Pro­zent, ge­gen­über 2014 mehr als ei­ne Ver­drei­fa­chung. Den Zu­wachs er­klärt My­cli­ma­te mit dem Hit­ze­som­mer 2018, dem 1,5-Grad-Be­richt des Welt­kli­ma­rats IPPC vom letz­ten Herbst so­wie der CO2-De­bat­te im Na­tio­nal­rat in der Win­ter­ses­si­on. «Der öf­fent­li­che Fo­kus hat vor al­lem im zwei­ten Halb­jahr stark auf den Kli­ma­the­men ge­le­gen», sagt Kai Land­wehr, Spre­cher von My­cli­ma­te. Ei­ne Rol­le spie­le auch, dass mitt­ler­wei­le mehr Leu­te über die Kom­pen­sa­ti­on Be­scheid wüss­ten.

Nur je­der hun­derts­te Flug

So gut das Er­geb­nis ist: Selbst so wird nur et­wa je­der hun­derts­te Flug aus der Schweiz über My­cli­ma­te CO2-kom­pen­siert, wie Land­wehr sagt. Zwar gibt es noch an­de­re An­bie­ter, doch sind die­se in der Schweiz im Ver­gleich zu My­cli­ma­te klei­ner. An der Ten­denz än­dert sich da­her nichts: In der gros­sen Mehr­heit wol­len Flug­pas­sa­gie­re ih­re Rei­se des Kli­ma­schut­zes we­gen nicht ver­teu­ern. Zur Ei­n­ord­nung: Ein Flug Zü­rich–Lon­don re­tour in der Eco­no­my Class kos­tet bei op­ti­ma­ler Su­che und Vor­lauf­zeit schnell ein­mal bloss 40 Fran­ken. Ent­schei­det sich der Rei­sen­de da­für, sei­ne Flu­ge­mis­sio­nen min­des­tens zur Hälf­te mit ei­nem Kli­ma­schutz­pro­jekt in der Schweiz zu kom­pen­sie­ren, zahlt er für die­se Stre­cke 35 Fran­ken zu­sätz­lich; bei ei­ner rei­nen Aus­land­kom­pen­sa­ti­on sind es 11 Fran­ken mehr. Die ge­rin­ge Zah­lungs­be­reit­schaft kon­tras­tiert mit dem Er­geb­nis ei­ner re­prä­sen­ta­ti­ven Ta­me­di­aUm­fra­ge, über wel­che die «Sonn­tags­Zei­tung» En­de De­zem­ber be­rich­tet hat. Dem­nach be­für­wor­ten 70 Pro­zent der Be­völ­ke­rung ei­ne Flug­ti­cket­abga­be, die je nach Län­ge des Flugs zwi­schen 12 und 50 Fran­ken kos­ten wür­de. Zu ei­nem ähn­li­chen Er­geb­nis ist ei­ne re­prä­sen­ta­ti­ve Um­fra­ge des For­schungs­in­sti­tuts GFS Zü­rich ge­kom­men.

Als Re­ak­ti­on auf die Ta­me­di­aUm­fra­ge sag­te da­mals SVP-Na­tio­nal­rat Christian Imark, es über­ra­sche ihn nicht, dass ei­ne Flug­ti­cket­abga­be vie­len auf den ers­ten Blick ad­äquat er­schei­ne. Mit den neu­en Zah­len von My­cli­ma­te kon­fron­tiert, sieht er sich be­stä­tigt: «Um­fra­ge­er­geb­nis­se sind nicht mit ei­ner Volks­ab­stim­mung zu ver­wech­seln.» Das Re­sul­tat ei­nes Ur­nen­gangs wi­der­spieg­le ei­ne mehr­wö­chi­ge kon­tro­ver­se Aus­ein­an­der­set­zung zu ei­nem The­ma. Imark ver­weist auf die Fair-Food-Initia­ti­ve, die we­ni­ge Wo­chen vor der Ab­stim­mung ge­mäss Um­fra­gen ei­ne Zu­stim­mung von fast 80 Pro­zent ge­noss, da­nach aber deut­lich schei­ter­te.

Grü­ne mit ei­ner Initia­ti­ve

Dass die Be­völ­ke­rung in ei­nem Ur­nen­gang ei­ne Flug­ti­cket­abga­be ab­leh­nen wür­de, ist da­mit nicht ge­sagt. Mög­li­cher­wei­se kommt es in den nächs­ten Jah­ren zum Pra­xis­test. Soll­te das Par­la­ment die Ti­cket­abga­be nicht ins neue CO2-Ge­setz auf­neh­men, wol­len ihr die Grü­nen mit ei­ner Volks­in­itia­ti­ve zum Durch­bruch ver­hel­fen. Am Sams­tag ha­ben die De­le­gier­ten der Par­tei ei­nen ent­spre­chen­den An­trag gut­heis­sen. Die Ge­schäfts­lei­tung der Par­tei wird nun ei­nen Ver­fas­sungs­text aus­ar­bei­ten und an­de­re Or­ga­ni­sa­tio­nen kon­tak­tie­ren, um ge­mein­sam die Lan­cie­rung ei­ner Volks­in­itia­ti­ve vor­zu­be­rei­ten.

Noch ist nicht ent­schie­den, wie die­se Ab­ga­be aus­ge­stal­tet wä­re: als Len­kungs­ab­ga­be, die wie die CO2-Ab­ga­be auf Brenn­stoff an Be­völ­ke­rung und Wirt­schaft (mehr­heit­lich) rück­ver­teilt wird? Im Vor­der­grund steht bei den Grü­nen ei­ne an­de­re Va­ri­an­te: das Geld aus der Ab­ga­be di­rekt für Kli­ma­schutz­pro­jek­te ein­zu­set­zen – wie bei My­cli­ma­te. «Das wür­de die Ak­zep­tanz für die Ab­ga­be er­hö­hen», zeigt sich Na­tio­nal­rat Bas­ti­en Gi­rod (Grü­ne) über­zeugt. Er räumt ein, dass ei­ne sol­che Ab­ga­be die Zahl der Flü­ge «nur we­nig» sen­ken wür­de. «Doch im­mer­hin wä­re so ge­währ­leis­tet, dass die CO2-Emis­sio­nen kom­pen­siert wür­den.»

Doch wä­re die Ak­zep­tanz für ei­ne sol­che Ab­ga­be im Volk ge­nug hoch? Die ak­tu­ell ge­rin­ge Zah­lungs­be­reit­schaft spricht nicht da­für, zu­mal die Kom­pen­sa­ti­ons­kos­ten bei Über­see­flü­gen deut­lich hö­her sind als bei Eu­ro­paflü­gen. Ein Hin- und Rück­flug nach New York in der Eco­no­my Class ver­teu­ert sich je nach Wahl des CO2-Kom­pen­sa­ti­ons­pro­jekts bei My­cli­ma­te um bis zu 209 Fran­ken, im Fal­le von Ma­ni­la und Bu­e­nos Ai­res sind es bis zu 359 re­spek­ti­ve 393 Fran­ken. Zu teu­er für das Gros der Be­völ­ke­rung? Gi­rod sagt da­zu, die ge­naue Preis­ge­stal­tung und die An­for­de­run­gen an die Kom­pen­sa­ti­on müs­se das Initia­tiv­ko­mi­tee erst noch fest­le­gen. Prä­si­den­tin Re­gu­la Rytz er­gänzt: «Vie­le Leu­te sa­gen mir, sie wür­den schon kom­pen­sie­ren, aber nur, wenn es al­le an­de­ren auch mach­ten. Sie al­lei­ne könn­ten ja oh­ne­hin nichts be­wir­ken, es müs­se ei­ne fai­re Re­gel für al­le ge­ben.»

Fo­to: En­nio Le­an­za (Keysto­ne)

Flie­gen ist die kli­ma­schäd­lichs­te Art, sich fort­zu­be­we­gen.

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