To­des­fall wirft Fra­gen auf

Stadt Bern Der Tod ei­nes 20-Jäh­ri­gen in Po­li­zei­ge­wahr­sam wirft Fra­gen auf. Hät­te der un­ter Dro­gen ste­hen­de Mann ins Spi­tal ge­hört?

Berner Oberlander - - Front Page - Micha­el Bu­cher

Bern Der Tod ei­nes 20-Jäh­ri­gen in Po­li­zei­ge­wahr­sam gibt wei­ter­hin zu re­den. Dies nicht nur, weil die To­des­ur­sa­che auch über zwei Wo­chen spä­ter noch un­klar ist. Be­kann­te des Ver­stor­be­nen wer­fen der Po­li­zei in­di­rekt vor, der of­fen­sicht­lich un­ter Dro­gen ste­hen­de Mann hät­te in ein Spi­tal ge­hört statt in ei­ne Zel­le der Po­li­zei­wa­che am Wai­sen­haus­platz. Dort wur­de der jun­ge Ber­ner am frü­hen Mor­gen des zwei­ten Weih­nachts­ta­ges tot auf­ge­fun­den. Die Kan­tons­po­li­zei wehrt sich und streicht her­vor, dass ein bei­ge­zo­ge­ner Arzt die In­haf­tie­rung für ver­tret­bar ge­hal­ten ha­be. Ob ein mög­li­ches Ver­schul­den des Arz­tes eben­falls un­ter­sucht wird, hängt von der To­des­ur­sa­che ab.

Ein jun­ger Mann stirbt in ei­ner Zel­le auf der Po­li­zei­wa­che. Das wirft kri­ti­sche Fra­gen auf, da das Op­fer ver­starb, als es ge­gen sei­nen Wil­len fest­ge­hal­ten wur­de. Ein solch tra­gi­scher Fall er­eig­ne­te sich in der Nacht auf den zwei­ten Weih­nachts­tag in der Stadt Bern. Ein 20-Jäh­ri­ger aus der Re­gi­on wur­de mor­gens um 5.30 Uhr leb­los in sei­ner Zel­le auf der Po­li­zei­wa­che am Wai­sen­haus­platz auf­ge­fun­den (wir be­rich­te­ten).

Der jun­ge Mann war tags zu­vor am Mor­gen in Beth­le­hem von der Po­li­zei an­ge­hal­ten wor­den auf­grund ei­nes Hin­wei­ses aus der Be­völ­ke­rung. Ge­mäss da­ma­li­ger Me­di­en­mit­tei­lung der Po­li­zei trug der An­ge­hal­te­ne «meh­re­re Dut­zend Am­phet­amin-Pil­len» auf sich. Auch er selbst schien un­ter Dro­gen­ein­fluss zu ste­hen. Dar­auf­hin brach­ten ihn die Po­li­zis­ten auf die Wa­che am Wai­sen­haus­platz, wo er am nächs­ten Mor­gen tot in ei­ner Zel­le auf­ge­fun­den wur­de.

Be­kann­te des Ver­stor­be­nen plat­zier­ten in den Ta­gen da­nach Ker­zen und Blu­men auf dem Wai­sen­haus­platz. Der 20-Jäh­ri­ge soll laut Ver­trau­ten be­reits in der Ver­gan­gen­heit mit Dro­gen in Kon­takt ge­kom­men sein und in ei­ner be­treu­ten Wohn­grup­pe ge­lebt ha­ben, wie «20 Mi­nu­ten» be­rich­te­te. Er soll bei sei­ner Fest­nah­me auf dem Heim­weg von ei­ner Goa-Par­ty ge­we­sen sein. Be­kann­te, die eben­falls dort wa­ren, äus­sern im «20 Mi­nu­ten»Ar­ti­kel Kri­tik an der Po­li­zei. Der spä­ter Ver­stor­be­ne sei in «ziem­lich schlech­ter Ver­fas­sung» ge­we­sen, statt in ei­ne Po­li­zei­zel­le hät­te die­ser ins Spi­tal ge­hört.

Ent­scheid liegt beim Arzt

Auf die­se Kri­tik ge­hen die Kan­tons­po­li­zei und die Staats­an­walt­schaft Bern-Mit­tel­land auf An­fra­ge nicht ein. In ih­rer Mit­tei­lung vom 26. De­zem­ber schrei­ben die Be­hör­den je­doch, der «mut­mass­lich un­ter Dro­gen­ein­fluss» ste­hen­de Mann ha­be bei der Fest­nah­me «star­ke Ge­gen­wehr» ge­leis­tet. Aus­ser­dem ha­be ein auf­ge­bo­te­ner Arzt die In­haf­tie­rung für ver­tret­bar ge­hal­ten. Ein Arzt muss von der Po­li­zei bei­ge­zo­gen wer­den, wenn «An­zei­chen be­ste­hen, dass die Per­son ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me auf­wei­sen kann oder könn­te», sagt Chris­toph Gnä­gi, Me­dien­spre­cher der Kan­tons­po­li­zei Bern.

Bis 2015 prüf­ten Ärz­te der Sa­ni­täts­po­li­zei Bern die­se im Fach­jar­gon ge­nann­te Haf­ter­ste­hungs­fä­hig­keit, wie es dort auf An­fra­ge heisst. Seit­her wird via Med­pho­ne der haus­ärzt­li­che Not­fall­dienst auf­ge­bo­ten. Soll­te die Haft nicht zu­mut­bar sein, so be­steht für die Po­li­zei die Mög­lich­keit, die an­ge­hal­te­ne Per­son auf der Be­wa­chungs­sta­ti­on des In­sel­spi­tals un­ter­zu­brin­gen.

Tritt in ei­ner Zel­le der Po­li­zei­wa­che ein me­di­zi­ni­scher Not­fall auf, so wer­de die Am­bu­lanz alar­miert, sagt Gnä­gi. Denn die Po­li­zei­stand­or­te sind le­dig­lich «mit den in ei­ner Haus­halts­apo­the­ke üb­li­chen Mit­teln so­wie De­fi­bril­la­to­ren aus­ge­rüs­tet». Auf die Fra­ge, wie re­gel­mäs­sig die Po­li­zei­be­am­ten denn nach dem Be­fin­den des Häft­lings ge­schaut hät­ten, ant­wor­tet Gnä­gi, der Fest­ge­hal­te­ne sei «mehr­mals kon­trol­liert» wor­den. Die Fra­ge, ob und wie der tra­gi­sche To­des­fall in po­li­zei­li­cher Ob­hut in­tern auf­ge­ar­bei­tet wer­de, woll­ten Po­li­zei und Staats­an­walt­schaft nicht be­ant­wor­ten.

Kei­ne An­zei­chen von Ge­walt

Eben­so of­fen ist die Fra­ge, ob ein mög­li­ches Ver­schul­den des auf­ge­bo­te­nen Arz­tes un­ter­sucht wird. Das wer­de erst zum The­ma, wenn die To­des­ur­sa­che fest­ste­he, wie Chris­tof Scheu­rer, Spre­cher der Staats­an­walt­schaft, fest­hält. Nur so viel steht fest: «Hin­wei­se auf ei­ne phy­si­sche Ge­walt­ein­wir­kung konn­ten bis­lang kei­ne ge­fun­den wer­den.» Wann ein Ob­duk­ti­ons­be­richt des In­sti­tuts für Rechts­me­di­zin vor­lie­gen wer­de, sei schwie­rig zu sa­gen. Fein­ge­we­be­tests könn­ten mit­un­ter meh­re­re Wo­chen dau­ern.

Fo­to: Ra­pha­el Mo­ser

Ge­denk­stät­te vor der Po­li­zei­wa­che Wai­sen­haus­platz.

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