Lan­ges Ping­pong statt schnel­ler Zu­griff

Jus­tiz Seit Mo­na­ten de­bat­tie­ren Ber­ner Straf­be­hör­den dar­über, wer in ei­nem Fall von Kin­der­por­no­gra­fie er­mit­teln muss.

Berner Oberlander - - Region - Ma­rio Stäu­b­le, Simone Rau und Ti­tus Platt­ner

Am 26. April 2018 geht beim Bun­des­amt für Po­li­zei (Fed­pol) ei­ne Kin­der­por­no­gra­fie-Mel­dung des FBI ein. Er­mitt­lun­gen in der Schweiz er­ge­ben, dass ei­ne Per­son Bil­der mit Nackt­auf­nah­men und se­xu­el­len Hand­lun­gen mit Kin­dern über ei­nen Ser­ver des Bun­des­amts für In­for­ma­tik und Te­le­kom­mu­ni­ka­ti­on hoch­ge­la­den hat. Die Per­son ist ein Mit­ar­bei­ter beim Aus­sen­de­par­te­ment EDA, sta­tio­niert in Ita­li­en.

Seit­her ist in der Sa­che prak­tisch nichts pas­siert. Fast acht Mo­na­te lang ha­ben Er­mitt­ler des Bun­des und des Kan­tons Bern dar­über ge­strit­ten, wer den Fall be­ar­bei­ten muss. Am 4. De­zem­ber hat das Bun­des­straf­ge­richt in Bel­lin­zo­na das Dossier den kan­to­na­len Be­hör­den zu­ge­wie­sen. Das geht aus ei­nem Ent­scheid her­vor, der die­ser Zei­tung vor­liegt. Trotz des rich­ter­li­chen Be­schlus­ses ist bis heu­te kein Straf­ver­fah­ren an­ge­lau­fen. Ak­tu­ell de­bat­tie­ren die Straf­be­hör­den des Kan­tons Bern dar­über, wel­che ih­rer Ab­tei­lun­gen sich des Falls an­neh­men wird.

Ir­ri­ta­ti­on beim EDA

Der Ver­däch­ti­ge selbst ar­bei­tet der­weil laut meh­re­ren EDA-Qu­el­len nach wie vor auf sei­nem Pos­ten. Für das EDA sind in Ita­li­en knapp 70 Per­so­nen tä­tig. Ob der Be­trof­fe­ne vom Vor­wurf ge­gen ihn weiss, ist nicht klar. Es gilt die Un­schulds­ver­mu­tung. Sein Ar­beit­ge­ber be­fin­det sich in ei­ner de­li­ka­ten Si­tua­ti­on. Spre­cher Til­man Renz sagt: «Das EDA wur­de im Ju­ni 2018 über ei­nen Ver­dachts­fall in­for­miert, der in die Rich­tung des von Ih­nen er­wähn­ten Falls geht. Ob es sich aber tat­säch­lich um den Fall der Ber­ner Be­hör­den han­delt, weiss das EDA nicht, da es über die­sen Fall nicht in­for­miert ist.» Kommt da­zu: Bei ei­nem Ver­dachts­fall ha­be die straf­recht­li­che Un­ter­su­chung zwin­gend Vor­rang, sagt Renz. Das EDA dür­fe in ei­nem sol­chen Fall nicht pro­ak­tiv re­agie­ren, um die Er­mitt­lun­gen nicht zu ge­fähr­den. Soll­te ein Ver­fah­ren ein­ge­lei­tet wer­den und sich die Ver­dachts­mo­men­te er­här­ten, wür­de das EDA die ge­eig­ne­ten Mass­nah­men tref­fen. Die Tat­sa­che, dass die­ser Fall so lan­ge ver­schla­fen wur­de, sorgt im EDA für Ir­ri­ta­ti­on.

«Fö­de­ra­lis­ti­sches Sys­tem»

Und so lief das Ping­pong­spiel zwi­schen Bund und Kan­ton ab: Nach dem Hin­weis aus den USA schickt das Fed­pol am 25. Ju­ni, ei­ne Ver­dachts­mel­dung an die Kan­tons­po­li­zei. Am 26. Ju­li lehnt die­se den Fall ab – Ita­li­en sei zu­stän­dig. Das Fed­pol schal­tet die Bun­des­an­walt­schaft ein, die am 23. Au­gust an die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft des Kan­tons Bern ge­langt: Der be­trof­fe­ne Ser­ver ste­he in Bern, es ge­be da­mit ei­nen An­knüp­fungs­punkt für die kan­to­na­len Be­hör­den. Ganz all­ge­mein sind in der Schweiz für Kin­der­por­no­gra­fie-Er­mitt­lun­gen die Kan­to­ne zu­stän­dig. Doch die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft lehnt er­neut ab. Auch ein wei­te­rer Aus­tausch vom 13. und vom 18. Sep­tem­ber bleibt fol­gen­los. Die Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft ar­gu­men­tiert, man wis­se noch nicht ge­nug über den Fall, um über die Zu­stän­dig­keit zu ent­schei­den. Das Bun­des­straf­ge­richt wi­der­spricht: Die kan­to­na­len Be­hör­den müss­ten er­mit­teln – und nicht die Bun­des­an­walt­schaft.

Laut Chris­tof Scheu­rer, Spre­cher der Ge­ne­ral­staats­an­walt­schaft, sind der­zeit Ab­klä­run­gen in Gang, ob die re­gio­na­le Staats­an­walt­schaft Bern-Mit­tel­land oder die kan­to­na­le Staats­an­walt­schaft für be­son­de­re Auf­ga­ben zu­stän­dig ist. Er weist den Vor­wurf der Ver­zö­ge­rung des Falls zu­rück: Kon­flik­te um die Zu­stän­dig­keit ge­hör­ten zum «Ta­ges­ge­schäft» und sei­en «dem fö­de­ra­lis­ti­schen Sys­tem der Schweiz ge­schul­det».

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