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Berner Oberlander - - Unterhaltung -

«Du meinst wie bei Zaugg?»

«Ei­gent­lich dach­te ich eher an den Fall mit der To­ten in der Tief­kühl­tru­he. Weil man von ei­nem kla­ren Tat­be­stand aus­ging, über­sprang man in der Un­ter­su­chung wich­ti­ge Schrit­te. Bei Zaugg war der Ein­druck von An­fang an zwie­späl­tig, und er ist es ge­blie­ben. Sein Vor­ge­hen ist frag­wür­dig, auch wenn das Re­sul­tat stimmt.»

«Wie das­je­ni­ge Co­o­pers. Des­sen po­si­ti­ve Re­sul­ta­te aus der Zell­for­schung sind bis zu ei­nem ge­wis­sen Grad echt, das heisst, die Blo­cka­de der Al­te­rungs­ge­ne auf zel­lu­lä­rer Ebe­ne scheint ihm teil­wei­se ge­lun­gen zu sein. Aber was die kli­ni­schen Ef­fek­te an­be­langt, da hat er ge­schum­melt.»

«Er be­haup­tet, weil die In­ves­to­ren Druck mach­ten. Teu­ten­berg und Co. schreck­ten ja tat­säch­lich vor nichts zu­rück.»

«Mich er­staunt, dass ein Mann wie Teu­ten­berg sich der­art hat täu­schen las­sen.»

«Der Traum vom Ber­ner Jung­brun­nen hat ihn blind ge­macht», mein­te Li­ma­cher.

«Oder der Traum vom gros­sen Geld!»

«Mit dem ist es auch vor­bei. Ge­ne­tic So­lu­ti­ons hat be­reits ei­ne Sam­mel­kla­ge der An­le­ger am Hals. Das trifft auch St­auf­fer. We­nigs­tens da scheint es ei­ne ge­wis­se Ge­rech­tig­keit zu ge­ben. Er wird ja sonst kaum be­langt wer­den kön­nen.»

«Im­mer­hin hat er kei­ne Lei­che im Kel­ler», be­merk­te Mar­tens, «als ein­zi­ger. Co­oper hin­ge­gen wuss­te genau, dass der kli­ni­sche Er­folg von Am­bro­sia nicht auf gen­tech­no­lo­gi­schen Vor­gän­gen, son­dern auf dem Do­pingCock­tail aus Vit­ami­nen, Hor­mo­nen und Ana­bo­li­ka be­ruh­te. Um sei­nes Er­fol­ges wil­len ris­kier­te er töd­li­che Ne­ben­wir­kun­gen.»

«Men­schen ma­chen manch­mal krum­me Din­ge, wenn sie in fal­sche Ge­sell­schaft ge­ra­ten.»

«Co­oper ist ein Be­trü­ger», hielt Mar­tens fest. «Und die­je­ni­gen, wel­chen sein Ho­kus­po­kus schlecht be­kam, wie zum Bei­spiel Ni­co­le St­auf­fer, schloss er kur­zer­hand von der Stu­die aus.»

«Ich könn­te un­se­re Auf­klä­rungs­quo­te auch ver­bes­sern, in­dem ich die un­ge­lös­ten Fäl­le aus der Sta­tis­tik strei­che.»

Mar­tens nick­te ab­we­send. «Wür­dest du es tun?» frag­te er. «Die Sta­tis­tik fäl­schen?»

«Die The­ra­pie ge­gen das Al­ter. Nur Mal an­ge­nom­men, es gä­be sie wirk­lich.» Li­ma­cher zö­ger­te. «Ich le­be gern noch ein paar Jähr­chen.»

«Aber doch nicht um je­den Preis! Ich mei­ne, Ster­ben kann auch Be­frei­ung sein.»

«Ich wür­de trotz­dem ei­ni­ges dar­um ge­ben, wenn ich dem noch ei­ne Wei­le aus dem Weg ge­hen könn­te …»

«Was ist jetzt ei­gent­lich mit dei­nem Herz?»

«Ei­gent­lich ge­sund, aber es ge­rät of­fen­bar neu­er­dings ab und zu aus dem Rhyth­mus.»

«Ein in­ter­mit­tie­ren­des Vor­hof­flim­mern?», tipp­te Mar­tens.

«So lau­tet die Dia­gno­se. Ich wer­de wohl den Rest mei­nes Le­bens Blut­ver­dün­ner schlu­cken müs­sen.»

«Ich wür­de es nicht tun», sag­te Mar­tens mit Über­zeu­gung. «Pil­len schlu­cken?»

«Nein. Die The­ra­pie ge­gen das Al­ter. Ir­gend­wann ist ge­nug. Je län­ger wir le­ben, des­to grös­ser wer­den die Pro­ble­me.»

«Und wenn du die Chan­ce hät­test, noch ein­mal jung zu sein?»

«Träu­men die Her­ren noch im­mer von der ewi­gen Ju­gend?» Ann war an ih­ren Tisch ge­tre­ten und ser­vier­te Li­ma­cher den Es­pres­so. «Wenn das mei­ne Chan­cen bei Ih­nen er­hö­hen wür­de?», scherz­te Mar­tens. Ann lä­chel­te. «Der Kaf­fee geht aufs Haus. Heu­te ist mein letz­ter Ar­beits­tag. Nach Gross­mut­ters Be­er­di­gung rei­se ich ab.»

«Scha­de», mein­te Li­ma­cher, der sich das Täss­chen un­ter die Na­se hielt, «Ihr Es­pres­so wird im­mer bes­ser!»

«Wie geht es ei­gent­lich Ih­rem Va­ter», frag­te Mar­tens.

«Er sitzt be­reits wie­der in der Pra­xis. Und er plant, mit mir nach New York zu rei­sen …»

«Die Fe­ri­en hat er sich ver­dient!»

«Ich hof­fe nur, er spannt dann auch tat­säch­lich et­was aus.» «Was soll er denn sonst tun?» «Er hat ei­nen Ter­min im MOMA we­gen DD’s Aus­stel­lung, er plant ei­nen Be­such in der Har­ley-Fa­b­rik in York, um das Mo­tor­rad zu er­set­zen, und er will sich mit ei­nem Kol­le­gen vom Ge­no­mics De­par­te­ment der Co­lum­bia Uni­ver­si­tät tref­fen …»

«Zah­len bit­te!», tön­te es vom Ne­ben­tisch.

Ann ver­ab­schie­de­te sich.

«Sie ist nett», Mar­tens schau­te ihr et­was weh­mü­tig nach.

«Sehr nett», be­stä­tig­te Li­ma­cher, «und Dok­tor Zauggs In­ter­es­se an der Gen­the­ra­pie scheint noch nicht vor­bei.»

«Wo ver­steck­te er sich ei­gent­lich die gan­ze Zeit über, als ihr ihn such­tet?»

«Nach­dem ihn die Lan­ge zu­sam­men­ge­flickt hat­te, such­te er Un­ter­schlupf bei ei­ner Pa­ti­en­tin im «Re­nais­sance». Kurz be­vor ihn Me­nitz dort schnap­pen konn­te, wech­sel­te er ins «Red Light», du weisst, die­ses Au­to­bahnBor­dell, wo sich auch Valé­rie ver­steckt hielt. Er kennt den Be­sit­zer, die bei­den teil­ten sich ein paar Wo­chen ei­ne Zel­le …»

«War­um liest man nichts von ihm in der Zei­tung?»

«Vom Puff­be­sit­zer?»

«Von Zaugg!»

«Ich glau­be, das ist Ab­sicht.» «Wes­sen Ab­sicht?», wun­der­te sich Mar­tens.

«Zauggs. Er will sei­ne Ru­he ha­ben.»

«Aus lau­ter Be­schei­den­heit?» «Eher aus Si­cher­heits­grün­den.»

«Du meinst, so nimmt er sich aus dem Fo­kus der Be­trü­ger? Das wä­re ziem­lich raf­fi­niert!»

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