Die Kraft der Ru­he vor dem ka­pi­ta­len Spiel

Der FC Thun spielt heu­te beim Vor­letz­ten Xa­max. Der Druck ist spür­bar.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Moritz Martha­ler

Es ist die de­mons­tra­ti­ve Kraft der Ru­he, mit der die Ver­ant­wort­li­chen des FC Thun vor dem ka­pi­ta­len Spiel heu­te Sams­tag (19 Uhr) bei Neu­châ­tel Xa­max zu Wer­ke ge­hen. Klar, die Ta­bel­le er­zeugt mäch­tig Druck auf die Ober­län­der, «wir spü­ren ihn an je­dem Spiel­tag», sagt Trai­ner Marc Schnei­der. Bei ei­ner wei­te­ren Nie­der­la­ge wä­re Xa­max schon neun Punk­te weg. Seit Mit­te Sep­tem­ber und dem 1:1 ge­gen die Young Boys ha­ben die Thu­ner

kei­nen Punkt mehr ge­holt, sind zu­dem aus dem Cup aus­ge­schie­den. Aber: In fast je­der Par­tie ge­be es für sie im­mer wie­der Din­ge, an de­nen sie sich hät­ten auf­rich­ten kön­nen, sagt Sport­chef Andres Ger­ber. «Nur die Ta­bel­le zählt halt nicht da­zu.»

In Neu­en­burg muss Schnei­der auf die ge­sperr­ten Sven Joss und Si­mo­ne Rapp ver­zich­ten. Noch im­mer zu früh kommt ein Ein­satz von Den­nis He­di­ger, auch wenn er mitt­ler­wei­le im Trai­ning al­le Übun­gen mit­macht, in­klu­si­ve Trai­nings­spiel.

Die Wort­wahl ver­wirrt und leuch­tet gleich­zei­tig ein. Es ist der Frei­tag vor dem bis­lang wich­tigs­ten Sai­son­spiel für den FC Thun, in di­cken Trop­fen fällt der Re­gen, und wo­her die Stock­horn-Are­na ih­ren Na­men hat, ist bei den tief hän­gen­den Wol­ken auch nur zu er­ah­nen. «Gier», klingt es von Trai­ner Marc Schnei­der nach der letz­ten Übung durch den Ne­bel, nicht al­les ist zu hö­ren, aber so viel wird klar: Schnei­der will ein gie­ri­ges Team se­hen. Das ver­wirrt, ha­ben die Ober­län­der doch in 13 Spie­len erst sechs Punk­te ge­holt und sich al­les an­de­re als gie­rig ge­zeigt. Und das leuch­tet ein, ist es für sie doch im heu­ti­gen Ver­gleich mit dem Vor­letz­ten Xa­max höchs­te Zeit, wie­der ein­mal Zähl­ba­res zu sam­meln.

Es ist fast schon mehr als ein Weg­wei­ser, der den Thu­nern da auf der Ma­la­diè­re in Neu­en­burg be­vor­steht, der Fussball-Volks­mund hält da­für den Be­griff der 6-Punk­te-Par­tie be­reit. Bei ei­ner Nie­der­la­ge be­trägt der Rück­stand auf Xa­max neun Punk­te, ein Sieg wür­de das ret­ten­de Land von Rang 9 wie­der auf drei Zäh­ler her­an­rü­cken.

Kein Kri­sen­ge­ne­ral

«Es ist ein ka­pi­ta­les Spiel, aber wir ha­ben jetzt je­de Woche ein ka­pi­ta­les Spiel», sagt Schnei­der. Der 39-Jäh­ri­ge bleibt in der Kri­se aus­ge­spro­chen ru­hig, und es gibt durch­aus Ar­gu­men­te da­für, war­um die­se Ru­he auch nach sechs Nie­der­la­gen in den letz­ten sie­ben Spie­len al­les an­de­re als auf­ge­setzt ist. «Ich spü­re von oben, dass wir das al­le zu­sam­men durch­ste­hen wol­len», sagt Schnei­der wei­ter, «und ge­nau so kann ich das an die Mann­schaft wei­ter­ge­ben.»

So funk­tio­niert das beim FC Thun: Sport­chef Andres Ger­ber und Prä­si­dent Mar­kus Lü­thi stüt­zen ih­ren Trai­ner, der stützt sei­ne Mann­schaft. Bis­lang. Doch im frei­en Fall wird auch in die­sem Ver­ein der Ruf nach ei­ner Reiss­lei­ne laut. «Ich den­ke jetzt mal nicht, dass wir bis nächs­ten Früh­ling

auf die­sen sechs Punk­ten sit­zen blei­ben», sagt Schnei­der und ver­weist da­mit höf­lich auf das Pen­sum, das ihm und sei­nem Team noch bleibt, um den mi­se­ra­blen Kurs zu kor­ri­gie­ren. Erst gut ein Drit­tel der Sai­son ist vor­bei. Der FC Lu­zern et­wa war vor vier Jah­ren punk­te­mäs­sig ge­nau­so schlecht dran, am En­de stieg Aarau ab. Vor zehn Jah­ren ka­men die In­ner­schwei­zer nach dem ers­ten Sai­son­drit­tel gar nur auf zwei Zäh­ler – und ret­te­ten sich noch auf Kos­ten von Va­duz.

Wäh­rend die ers­ten bei­den Trai­ner der Sai­son vom fünft­plat­zier­ten Si­on und dem (vor­letz­te Woche noch) neunt­plat­zier­ten

Lu­ga­no ent­las­sen wor­den sind, bleibt es beim ab­ge­schla­ge­nen Letz­ten al­so fürs Ers­te ru­hig. Im Trai­ning ist die In­ten­si­tät hoch, mit dem heu­te ge­sperr­ten Rapp trai­niert Schnei­der noch ei­ne hal­be St­un­de nach dem En­de Tor­ab­schlüs­se. Die Laut­stär­ke aber bleibt mo­de­rat. «Den Ton des bar­schen Kri­sen­ge­ne­rals, den ha­be ich eh nicht drauf», er­klärt Schnei­der. Und er se­he ja Woche für Woche viel Er­bau­li­ches in den Spie­len sei­ner Mann­schaft. Die 26 Schüs­se ge­gen den FCZ (0:1), die en­ga­gier­te Leis­tung ge­gen Ba­sel (1:3), die fast 65 Pro­zent Ball­be­sitz ge­gen Lu­zern (0:2). «Wir ha­ben Din­ge, an de­nen wir uns auf­rich­ten kön­nen», sagt auch Sport­chef Andres Ger­ber, «die Ta­bel­le zählt halt ein­fach nicht da­zu.»

Seit dem 25. Sep­tem­ber und ei­nem 1:1 im Der­by ge­gen YB ha­ben die Ober­län­der kei­nen ein­zi­gen Zäh­ler mehr ge­holt. Das nagt am Selbst­ver­trau­en. «Wir spü­ren die Last des Letz­ten, durch sie kommt der Druck», gibt Schnei­der zu.

In der zehn­ten Sai­son in Fol­ge ge­hört der FC Thun nun zur Su­per Le­ague. Beim bis heu­te letz­ten Ab­stieg in die zwei­te Klas­se 2007/08 spiel­te der Klein­club noch im La­chen­sta­di­on, der Trai­ner hiess Re­né van Eck, der rech­te Flü­gel Andres Ger­ber. Nach 13

Spie­len to­ta­li­sier­te Thun da­mals 13 Punk­te, war Sieb­ter und stieg am En­de mit 27 Zäh­lern ab.

All das sind Spie­le­rei­en. Auch Schnei­der hält ei­ne sol­che be­reit, kraft sei­nes Am­tes na­tür­lich ei­ne mit dia­me­tral an­de­rem Aus­gang. 1997/98 spiel­te er mit Thun in der Na­tio­nal­li­ga B, der Sai­son­start un­ter Trai­ner An­dy Eg­li miss­riet mit ei­nem Punkt aus 13 Spie­len kom­plett – den­noch ret­te­te sich Thun in der Ab­stiegs­run­de noch vor dem Ab­stieg.

Je tie­fer die Kri­se, des­to wich­ti­ger der Kopf. Und für die Thu­ner Köp­fe ist es ge­ra­de wich­tig, trai­niert Den­nis He­di­ger seit ei­ni­gen Ta­gen wie­der voll mit.

Ei­nen Ein­satz ge­gen Xa­max traut er sich noch nicht zu, in der da­nach an­ste­hen­den Län­der­spiel­pau­se dürf­te er auf den ers­ten Ein­satz En­de No­vem­ber in Lu­ga­no hin­ar­bei­ten. «Er wird brin­gen, was uns auf dem Feld fehlt: Kom­mu­ni­ka­ti­on und Le­a­dership», sagt Schnei­der. «Es ist schön zu wis­sen, dass er bald wie­der da ist», sagt Ger­ber. Auch auf He­di­ger wird der Druck bei sei­ner Rück­kehr nicht eben klein sein.

So könn­te Thun spie­len: Fai­v­re; Glar­ner, Sut­ter, Ro­d­ri­gues, Kab­lan; Gel­mi, Roth; To­set­ti, Karlen, Va­sic (Hef­ti); Chi­ha­deh (Mun­sy). – Es feh­len: He­di­ger, Big­ler, Zis­wi­ler (al­le ver­letzt), Ri­ghet­ti (krank), Rapp, Joss (bei­de ge­sperrt).

Foto: Marc Schu­ma­cher (fresh­fo­cus)

Kons­ter­na­ti­on als Dau­er­zu­stand: Die Thu­ner Spie­ler nach dem Aus im Cup ver­gan­ge­ne Woche ge­gen Win­ter­thur.

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