Ber­lin im Zei­chen des Mau­er­falls

Ber­lin fei­ert den 30. Jah­res­tag des Mau­er­falls in gros­sem Stil. Doch im Un­ter­schied zu frü­he­ren Ju­bi­lä­en do­mi­niert dies­mal die Sor­ge über den Zu­stand der deut­schen Ein­heit und der De­mo­kra­tie.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Do­mi­ni­que Ei­gen­mann,

Am 9. No­vem­ber 1989 fiel die Mau­er zwi­schen Ost- und West­ber­lin. Zum heu­ti­gen 30. Jah­res­tag ver­an­stal­tet die deut­sche Haupt­stadt ein mul­ti­me­dia­les Spek­ta­kel am Bran­den­bur­ger Tor. Hun­dert­tau­sen­de Be­su­cher wer­den er­war­tet.

Ein gros­ses, mul­ti­me­dia­les Spek­ta­kel wird heu­te Sams­tag­abend am Bran­den­bur­ger Tor Hun­dert­tau­sen­de von Be­su­chern an­zie­hen. Ex­akt vor 30 Jah­ren spreng­te die fried­li­che Re­vo­lu­ti­on in der DDR die Mau­er, die Ber­lin zu­vor 28 Jahre lang ge­teilt hat­te.

Der deut­sche Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er wird re­den, zu­dem Ma­ri­an­ne Birth­ler, die ehe­ma­li­ge Ost­ber­li­ner Bür­ger­recht­le­rin und Hü­te­rin der Sta­si-Un­ter­la­gen. Die Ber­li­ner Staats­ka­pel­le wird un­ter Daniel Ba­ren­boim Beet­ho­vens 5. Sin­fo­nie spie­len, da­zu wer­den Bil­der und Fil­me vom Mauerfall pro­ji­ziert. Da­vor und da­nach tre­ten Hip-Hop­per, Rap­per, DJs und Sän­ge­rin­nen auf, von Zu­ge­zo­gen

Mas­ku­lin über Wes­tbam bis zu An­na Loos.

Zu den of­fi­zi­el­len Ge­denk­fei­er­lich­kei­ten am Mor­gen ha­ben Prä­si­dent St­ein­mei­er und Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel nicht die Sie­ger von 1945 ein­ge­la­den – die USA, Gross­bri­tan­ni­en, Frank­reich und Russ­land –, son­dern die öst­li­chen Nach­barn: Sie tru­gen da­mals ent­schei­dend da­zu bei, dass der Ei­ser­ne Vor­hang 1989 im­mer löch­ri­ger wur­de. Po­len, Tsche­chi­en, Un­garn und die Slo­wa­kei wer­den von den Staats­prä­si­den­ten An­drzej Du­da, Mi­los Ze­man, Ja­nos Ader und Zu­za­na Ca­pu­to­va ver­tre­ten.

Über 200 Ver­an­stal­tun­gen

Ber­lin fei­er­te den Mauerfall die­se Woche be­reits mit ei­nem gros­sen Fes­ti­val mit mehr als 200 Ver­an­stal­tun­gen. Be­son­de­ren Ein­druck mach­te der 150 Me­ter lan­ge «Tep­pich der Träu­me» von Patrick She­arn vor dem Bran­den­bur­ger Tor. Der ka­li­for­ni­sche Künst­ler ver­wob in sechs­mo­na­ti­ger Ar­beit 30 000 Zet­tel, auf die Men­schen zu­vor ih­re Wün­sche ge­schrie­ben hat­ten, zu ei­nem bun­ten Zet­tel­meer, das über der Stras­se zur Sie­ges­säu­le im Wind weht.

Spek­ta­ku­lär wa­ren auch die rie­si­gen Vi­deo­pro­jek­tio­nen, die sie­ben wich­ti­ge Or­te der Er­eig­nis­se von 1989 in Bil­der der da­ma­li­gen Zeit tauch­ten und sie da­mit in «spre­chen­de Fas­sa­den» ver­wan­del­ten. Am Alex­an­der­platz leb­te so die le­gen­dä­re De­mons­tra­ti­on vom 4. No­vem­ber 1989 wie­der auf, und auf der Fas­sa­de des Stadt­schlos­ses wur­de der 2006 ab­ge­ris­se­ne «Pa­last» der DDR noch­mals sicht­bar – we­nigs­tens für ei­ne Woche.

Ei­ne ei­gens ent­wi­ckel­te App er­mög­lich­te es Ber­lin-Be­su­chern zu­dem, sich auf ih­rem Han­dy vir­tu­ell im De­kor der da­ma­li­gen Mau­er wie­der­zu­fin­den – wahl­wei­se 1961, un­mit­tel­bar vor dem Bau der Mau­er, 1971 oder 1981. Die ame­ri­ka­ni­sche Punk-Li­te­ra­tin Pat­ti Smith trat in der Geth­se­ma­n­ekir­che

im Prenz­lau­er Berg auf, die für die Op­po­si­ti­ons­be­we­gung ei­ne be­son­ders wich­ti­ge Rol­le ge­spielt hat­te. An ei­nem an­de­ren Konzert lärm­ten West- und Ost-Pun­ker am Alex­an­der­platz erst­mals ge­mein­sam.

Die AfD wirkt

Die Ber­li­ner Zei­tun­gen flu­te­ten die Stadt mit Er­in­ne­run­gen und Be­geg­nun­gen mit Zeit­zeu­gen. Frü­he­re Flücht­lin­ge, Mau­er­spech­te und Grenz­wäch­ter ka­men ge­nau­so zu Wort wie ehe­ma­li­ge SED-Po­li­ti­ker oder DDRGrös­sen wie Hans Mo­drow, Egon Krenz, Lothar de Mai­ziè­re oder Gre­gor Gy­si.

Der Te­nor der Leit­ar­ti­kel un­ter­schied sich da­bei mar­kant von dem frü­he­rer Jahre: Eu­pho­rie und Selbst­zu­frie­den­heit sind mehr­heit­lich Nach­denk­lich­keit, Sor­ge und Selbst­kri­tik ge­wi­chen. Vie­le sor­gen sich um den Zu­stand der deut­schen Ein­heit, die ei­ne Ge­ne­ra­ti­on nach dem Mauerfall brü­chi­ger und wi­der­sprüch­li­cher wirkt als noch vor zehn Jah­ren.

Die Ost­deut­schen frem­deln im­mer sicht­ba­rer mit der De­mo­kra­tie, vie­le füh­len sich als «Bür­ger zweiter Klas­se». Im Wes­ten wer­den deut­li­cher als frü­her Zwei­fel laut, ob man in der Wen­de­zeit und da­nach wirk­lich al­les rich­tig ge­macht hat. «Lei­der brauch­te es erst den Auf­stieg der AfD», mein­te der frü­he­re bran­den­bur­gi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Mat­thi­as Platz­eck, «da­mit Deutsch­land noch ein­mal auf die Wen­de­ge­schich­te und ih­re Irr­tü­mer zu­rück­kommt.»

Im Wes­ten wer­den Zwei­fel laut, ob man in der Wen­de­zeit und da­nach wirk­lich al­les rich­tig ge­macht hat.

Ber­lin im Zei­chen des Mau­er­falls: Pro­jek­tio­nen auf das Hum­boldt-Fo­rum (l.) und die East Si­de Gallery (r.); der «Tep­pich der Träu­me»; ei­ne Licht­in­stal­la­ti­on zeigt den ehe­ma­li­gen Mau­er­ver­lauf.

Fotos: Keystone, Reu­ters, AP, EPA

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