YB: Spit­zen­kampf ge­gen St. Gal­len

Der star­ke Auf­tritt in Rot­ter­dam beim 1:1 ge­gen Fey­e­no­ord ist ein wei­te­rer Be­leg für die er­staun­li­che Ent­wick­lung der Young Boys un­ter kom­pli­zier­ten Be­din­gun­gen. Am Sonn­tag tritt der FC St. Gal­len im Stade de Suis­se zum Spit­zen­kampf an.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Fa­bi­an Ruch,

Nach dem ge­lun­ge­nen Auf­tritt in der Eu­ro­pa Le­ague ge­gen Fey­e­no­ord Rot­ter­dam steht für den Schwei­zer Meis­ter am Sonn­tag wie­der die Su­per Le­ague auf dem Pro­gramm.

Am Don­ners­tag­abend in Rot­ter­dam liess sich treff­lich be­ob­ach­ten, wel­chen Stel­len­wert sich die Young Boys in den letz­ten Jah­ren auch eu­ro­pä­isch er­ar­bei­tet ha­ben. Das 1:1 bei Fey­e­no­ord am vier­ten Spiel­tag der Eu­ro­pa Le­ague war mehr als nur ein wert­vol­les Un­ent­schie­den. Es war ein wei­te­res Zeug­nis der Ent­wick­lung die­ser Mann­schaft, die un­ge­ach­tet per­so­nel­ler Rie­sen­ver­än­de­run­gen ei­nen be­mer­kens­wer­ten Pro­zess durch­läuft – und da­bei er­heb­li­chen Wi­der­stän­den trotzt und sich ver­mut­lich sel­ber ab und zu über­rascht.

Die vier Bei­spie­le

Zum Bei­spiel Fa­bi­an Lus­ten­ber­ger. Nach­dem er beim 2:0 ge­gen Fey­e­no­ord mit ei­ner Bän­der­ver­let­zung hat­te aus­ge­wech­selt wer­den müs­sen, hiess es, Lus­ten­ber­ger wer­de ei­nen Mo­nat aus­fal­len. Zwei Wo­chen spä­ter steht er in Rot­ter­dam in der Start­for­ma­ti­on und ver­leiht YB vier Ta­ge nach dem 0:3 in Genf ge­gen Ser­vet­te mit Ru­he, Er­fah­rung, Ball­si­cher­heit so­fort wie­der Sta­bi­li­tät.

Zum Bei­spiel Mar­vin Spiel­mann. Von Thun wech­selt der Of­fen­siv­spie­ler im Som­mer nach Bern, ver­letzt sich bald, rutscht in der Hier­ar­chie ab. In Rot­ter­dam wird er am Don­ners­tag ein­ge­wech­selt, trifft zum wich­ti­gen Aus­gleich, ver­passt in der Nach­spiel­zeit zwei­mal das Sie­ges­tor.

Zum Bei­spiel die Aus­fall­se­rie. Das ge­wal­ti­ge YB-Ver­let­zungs­pech ist aus­führ­lich the­ma­ti­siert wor­den. Und doch ist es an­ge­mes­sen, die Leis­tun­gen des Meis­ters an­ge­sichts der wid­ri­gen Per­so­nal­um­stän­de be­son­ders zu wür­di­gen. Mo­na­te­lang fal­len meh­re­re Stamm­spie­ler aus, zu­letzt meis­tens wie in Rot­ter­dam sie­ben Fuss­bal­ler, manch­mal gar acht, und doch lässt sich das stür­mi­sche YB we­der na­tio­nal noch im Eu­ro­pa­cup auf­hal­ten.

Zum Bei­spiel die Aus­gangs­la­ge in der Eu­ro­pa Le­ague. Die Young Boys sind nach vier Spiel­ta­gen Le­a­der in der hoch­at­trak­ti­ven Grup­pe mit den frü­he­ren

Eu­ro­pa­cup­sie­gern und kon­ti­nen­ta­len Grös­sen Por­to, Fey­e­no­ord und Glas­gow Ran­gers. Das ist aussergewö­hnlich, zu­mal die Ber­ner nicht nur vie­le Ver­letz­te be­kla­gen, son­dern in die­sem Jahr auch meh­re­re in­ter­na­tio­nal er­fah­re­ne Top­spie­ler an aus­län­di­sche Clubs ver­lo­ren ha­ben.

Alt­meis­ter und Auf­stei­ger

Es sind vier Bei­spie­le, die be­le­gen, wie hoch YB im Herbst 2019 fliegt. Es läuft dem Club präch­tig, sport­lich wie wirt­schaft­lich, das Pu­bli­kum füllt das Stade de Suis­se, auch am Sonn­tag im Spit­zen­kampf ge­gen St. Gal­len wer­den um die 30 000 Zu­schau­er er­war­tet. Es sind aber auch vier Bei­spie­le, die in di­rek­tem Zu­sam­men­hang ste­hen. Es ist die­se Lust, Ber­ge zu ver­set­zen, wel­che die Young Boys an­treibt. Lus­ten­ber­gers schnel­les Come­back steht da­für und für den Wil­len des Cap­ta­ins, der jun­gen Mann­schaft in die­ser kom­pli­zier­ten Si­tua­ti­on zu hel­fen. «Ich mach­te übers Wo­che­n­en­de er­staun­lich rasch Fort­schrit­te», sagt der 31-Jäh­ri­ge. «Und auch die Ärz­te er­klär­ten mich für spiel­be­reit.»

Auf die Fra­ge, ob er auch ge­spielt hät­te, wenn die zen­tra­len YB-Auf­bau­er nicht fast al­le aus­fal­len wür­den, ent­geg­net er, man sei kein Ri­si­ko ein­ge­gan­gen. «Aber so ei­ne Ver­letz­ten­se­rie wie bei uns ha­be ich noch nie er­lebt.» Das Re­mis in Rot­ter­dam ana­ly­siert Lus­ten­ber­ger rou­ti­niert, das 1:1 sei ver­dient, aber es wä­re so­gar mehr mög­lich ge­we­sen. «Den­noch ist es ein gu­ter Punkt.»

Mar­vin Spiel­mann wie­der­um steht am Don­ners­tag­abend kurz vor Mit­ter­nacht ein paar Mi­nu­ten spä­ter als Lus­ten­ber­ger im Bauch des im­po­san­ten Sta­di­ons De Kuip in Rot­ter­dam und sagt strah­lend, er ha­be ge­ra­de den bis­her gröss­ten Match sei­nes Le­bens be­strit­ten. «Das war über­ra­gend.» Bei sei­nem Tor ha­be er nicht viel über­legt, son­dern ein­fach ge­schos­sen, bei sei­ner Gross­chan­ce in der 94. Mi­nu­te sei er dann lei­der ein biss­chen zu über­has­tet ge­we­sen. Der 23-Jäh­ri­ge hat nicht wie Lus­ten­ber­ger zwölf Sai­sons in Deutsch­land ver­bracht. Spiel­mann steht im­mer noch am An­fang sei­ner Kar­rie­re, die ihn mög­li­cher­wei­se ir­gend­wann eben­falls in die Bun­des­li­ga bringt. Vor­erst ist er mit Schnel­lig­keit, Spiel­witz und Schuss­stär­ke ei­ner von meh­re­ren Ak­teu­ren bei YB, de­nen man ei­ne fei­ne Ent­wick­lung zu­traut.

Sö­r­en­sens Wert

Weil die Young Boys mit smar­tem Ma­nage­ment und star­kem Scou­ting auch in die­ser Spiel­zeit ein brei­tes Ka­der zu­sam­men­ge­stellt ha­ben, ver­mö­gen sie die pro­mi­nen­ten Aus­fäl­le ab­zu­fe­dern. Als sich in der De­fen­si­ve im Som­mer ein Not­stand ab­zeich­ne­te, re­agier­ten die Ver­ant­wort­li­chen et­wa mit der leih­wei­sen Ver­pflich­tung

von Fre­de­rik Sö­r­en­sen. Der ro­bus­te Dä­ne ist ins­be­son­de­re in der Eu­ro­pa Le­ague wert­voll, an sei­ner Sei­te zeig­te der jun­ge Céd­ric Ze­si­ger, letz­te Sai­son Ab­stei­ger mit GC, in Rot­ter­dam sein bes­tes Spiel für YB.

All das führt da­zu, dass die Young Boys mit Rü­cken­wind in die letz­te Pha­se der Vor­run­de ein­bie­gen. «Wir ha­ben ge­gen Por­to ei­nen Match­ball», sagt Lus­ten­ber­ger. «Das ist toll, zu­mal wir das ers­te Grup­pen­spiel in Por­to ver­lo­ren hat­ten.» Al­ler­dings zieht der por­tu­gie­si­sche Top­club ge­ra­de ei­ne eher schwä­che­re Sai­son ein, dar­um ist er ja auch für ein­mal nicht in der Cham­pi­ons Le­ague en­ga­giert. Mit den Glas­gow Ran­gers und dem kri­seln­den Fey­e­no­ord wie­der­um ist YB ge­mes­sen an der Qua­li­tät oh­ne­hin min­des­tens auf Au­gen­hö­he.

Lob für St. Gal­len

Auf die Young Boys war­ten bis zur Win­ter­pau­se noch ein paar stim­mungs­vol­le Ver­an­stal­tun­gen wie vor­ges­tern in Rot­ter­dam. An­fang De­zem­ber et­wa in Ba­sel, im letz­ten Eu­ro­pa-Le­ague-Grup­pen­spiel bei den Ran­gers im Ibrox, zu­erst aber mor­gen ge­gen den er­staun­lich star­ken FC St. Gal­len, der von ein paar Tau­send An­hän­gern nach Bern be­glei­tet wird. «Das wird ein schönes Spiel», sagt Lus­ten­ber­ger.

Sein Coach Ger­ar­do Seo­a­ne lobt das of­fen­siv aus­ge­rich­te­te St. Gal­len («Man sieht die Hand­schrift von Trai­ner Pe­ter Zeid­ler») – so­wie die star­ke Re­ak­ti­on sei­nes Teams nach der Nie­der­la­ge in Genf. «Wir sind gut un­ter­wegs», sagt Seo­a­ne. Er kann mor­gen al­len­falls wie­der auf Guil­lau­me Ho­arau und Chris­to­pher Mar­tins zäh­len, bei­de trai­nie­ren mit, könn­ten aber auch erst nach der drit­ten Län­der­spiel­pau­se wie­der da­bei sein.

Am Sonn­tag wol­len sich die Young Boys zum Schluss ei­nes an­stren­gen­den Pen­sums noch ein­mal lust­voll prä­sen­tie­ren. Kei­ne 72 St­un­den nach dem kräf­te­zeh­ren­den Auf­tritt in Rot­ter­dam.

So könn­te YB ge­gen St. Gal­len spie­len: Von Ball­moos; Jan­ko, Sö­r­en­sen, Ze­si­ger, Gar­cia; Lus­ten­ber­ger, Ae­bi­scher; Nga­mal­eu, Fass­nacht, Spiel­mann (As­salé); Nsa­me. – Oh­ne Lau­per, Ca­ma­ra, Su­le­j­ma­ni, Sier­ro und Gau­di­no (al­le ver­letzt). – Ho­arau und Mar­tins trai­nie­ren mit dem Team, sind aber frag­lich.

Foto: Tom Bo­de (EPA)

Ein Le­a­der in je­der Be­zie­hung: YB-Cap­tain Fa­bi­an Lus­ten­ber­ger (rechts) am Don­ners­tag­abend in Rot­ter­dam.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.