Got­tier lässt das Mit­tel­al­ter auf­le­ben

Zu­rück in die Ver­gan­gen­heit: Rit­ter und Hof­da­men le­ben auf im Mit­tel­al­ter­ver­ein Bern. Ver­eins­prä­si­dent Rolf Got­tier liebt und lebt das Mit­tel­al­ter als sein Hob­by.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Ga­b­rie­la Ster­chi

Rolf Got­tier ist Ver­eins­prä­si­dent des Mit­tel­al­ter­ver­eins Bern. In sei­ner Frei­zeit in­sze­niert der 1. Rit­ter des Ver­eins Schau­kämp­fe mit Schild und Schwert. Da­bei könn­te der Un­ter­schied zwi­schen sei­nem Be­ruf und sei­nem Hob­by, dem 15. Jahr­hun­dert, kaum grös­ser sein.

«Es ist ein sehr breit ge­fä­cher­tes Hob­by», sagt Ver­eins­prä­si­dent Rolf Got­tier zu sei­nen Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten im Mit­tel­al­ter­ver­ein Bern. Der Ver­ein be­steht aus ver­schie­de­nen Grup­pen, die zum Bei­spiel Tanz, Feu­er­show oder Schau­kampf prak­ti­zie­ren. Der in Kie­sen ta­gen­de Ver­ein zählt an die 140 Mit­glie­der mit ei­nem Durch­schnitts­al­ter von 35 Jah­ren. Wäh­rend an­de­re sol­che Vereine sich auf ein be­stimm­tes Zeit­al­ter be­schrän­ken, ist der Mit­tel­al­ter­ver­ein Bern of­fen für al­le Epo­chen zwi­schen 500 und 1500 nach Chris­tus. So­wohl das Früh- , Hoch- wie auch das Spät­mit­tel­al­ter wer­den vom Ver­ein seit 2011, dem Grün­dungs­jahr, ver­tre­ten. Rolf Got­tier selbst ist be­reits seit dem vier­ten Mo­nat nach der Grün­dung mit da­bei. Er in­ter­es­siert sich, seit er den­ken kann, für das Mit­tel­al­ter – Rit­ter­ge­schich­ten moch­te er schon im­mer ganz be­son­ders. In der Schu­le sei er zu­dem in Ge­schich­te im­mer schon gut ge­we­sen. Der 45-Jäh­ri­ge aus Bren­zik­ofen hat einst Schrei­ner ge­lernt und ist nun seit mehr als 20 Jah­ren In­for­ma­ti­ker. Der Ver­eins­prä­si­dent, oder auch 1. Rit­ter, ist aber nicht der Ein­zi­ge in sei­ner Fa­mi­lie, der vom Mit­tel­al­ter fas­zi­niert ist: Sei­ne Frau Sandra Got­tier ist Schatz­meis­te­rin des Ver­eins, und sei­ne Toch­ter Jana Got­tier ist Lei­te­rin der Feu­er­show­grup­pe.

«Das Mit­tel­al­ter le­ben und er­le­ben»

Die Ver­eins­mit­glie­der sei­en teil­wei­se in al­len Grup­pen oder aber in kei­ner da­von en­ga­giert. Dies spie­le je­doch kei­ne Rol­le: «Das In­ter­es­se am Mit­tel­al­ter zählt», meint Ver­eins­prä­si­dent Got­tier. Die De­vi­se des Ver­eins ist sim­pel: «Das Mit­tel­al­ter le­ben und er­le­ben». Er­le­ben kann man das von Rit­tern ge­präg­te Zeit­al­ter an Ver­eins­an­läs­sen oder in Schlös­sern, wel­che die ein­zel­nen Ver­eins­grup­pen im­mer häu­fi­ger für An­läs­se en­ga­gie­ren. Bei sol­chen Mit­tel­al­ter­ver­an­stal­tun­gen sind die Schau­kämp­fe meis­tens der Hö­he­punkt. Ei­nen Schau­kampf kön­ne man sich wie ei­ne Film­sze­ne vor­stel­len, die auf ei­ner Cho­reo­gra­fie ba­siert. Wenn solch ein Kampf echt aus­se­hen soll, müs­se die Grup­pe bis zu ei­nem Jahr wö­chent­lich pro­ben, sagt Got­tier. An­ders als im ech­ten Mit­tel­al­ter, sieht man bei den Kämp­fen des Ver­eins na­he­zu ge­nau­so vie­le Frau­en wie Män­ner mit Schild, Schwert und Rüs­tung. Ob auf­grund des Schau­kampfs oder des Mit­tel­al­ters im All­ge­mei­nen – bei den Ver­an­stal­tun­gen sei die Fas­zi­na­ti­on im­mer gross, und das Volk ha­be vie­le Fra­gen pa­rat, sagt der 1. Rit­ter.

Ein Hauch von Mit­tel­al­ter im 21. Jahr­hun­dert

Das Mit­tel­al­ter wur­de ge­prägt von Krank­hei­ten, man­geln­der Hy­gie­ne und schlech­ter me­di­zi­ni­scher Ver­sor­gung. Laut Got­tier war die­ses Zeit­al­ter aber nicht so dun­kel, wie vie­le Leu­te den­ken: «Vie­le Din­ge sind Kli­schees, wie zum Bei­spiel, dass die Leu­te im­mer schmut­zig wa­ren. Das stimmt nicht. Die Men­schen ha­ben sich ge­nau­so ge­wa­schen.»

Er ist der An­sicht, dass es bis heu­te vie­le wich­ti­ge Ent­wick­lun­gen ge­ge­ben hat, zu wel­chen er aber nicht im­mer ste­hen kön­ne: «Wenn ich in die Stadt ge­he, se­he ich, wie 80 Pro­zent der Leu­te ihr Han­dy an­star­ren.» Auch Got­tier ist an­ge­wie­sen auf sein Han­dy. Er sei je­doch kein Freund der So­ci­al-Me­dia-Bran­che und ver­zich­te teil­wei­se ge­zielt auf sein Mo­bil­te­le­fon. Für Mit­tel­al­ter-An­läs­se bleibt Rolf Got­tiers Han­dy so­gar gan­ze Wo­che­n­en­den aus­ge­schal­tet. «Ent­wick­lung ist gut, aber die Fra­ge ist, wie man sie nutzt», meint der In­for­ma­ti­ker.

«Vie­le Din­ge sind Kli­schees, wie zum Bei­spiel, dass die Leu­te im­mer schmut­zig wa­ren.»

Rolf Got­tier

Foto: PD

Schatz­meis­te­rin Sandra Got­tier (links) und Ver­eins­prä­si­dent Rolf Got­tier lie­ben das Mit­tel­al­ter.

Foto: Ga­b­rie­la Ster­chi

Rolf Got­tier ist 1. Rit­ter im Mit­tel­al­ter­ver­ein Bern.

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