Ho­he Ri­si­ken bei Bru­st­im­plan­tat

«Le­bens­lang halt­bar» sol­len sie sein – das ver­spre­chen die Her­stel­ler. Die Wer­bung stimmt lei­der in den we­nigs­ten Fäl­len. Jetzt warnt auch die US-Heil­mit­tel­be­hör­de vor un­ter­schätz­ten Ri­si­ken beim Ein­set­zen von Im­plan­ta­ten.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Ca­the­ri­ne Boss Re­cher­che­hin­wei­se an: re­cher­che­[email protected]­me­dia.ch

Vie­len Frau­en in der Schweiz wird beim Ein­satz ei­nes Bru­st­im­plan­tats ver­spro­chen, das Pro­dukt hal­te ein Le­ben lang und sei si­cher. Jetzt wird deut­lich, dass die­ses Ver­spre­chen falsch ist. Die US-Heil­mit­tel­be­hör­de FDA warnt, dass bis zu 60 Pro­zent

der Im­plan­ta­te neu ope­riert wer­den müs­sen. Céd­ric Ge­or­ge, Plas­ti­scher Chir­urg und Chef der Kli­nik Py­ra­mi­de am See in Zü­rich, sagt, die­se Zah­len be­trä­fen vor al­lem äl­te­re Pro­duk­te, die vie­le Frau­en aber noch in sich trü­gen.

«Wenn man mit Im­plan­ta­ten nie Pro­ble­me ha­ben will, soll­te man kei­ne ein­set­zen las­sen.» Céd­ric Ge­or­ge Plas­ti­scher Chir­urg

Tau­sen­de Frau­en las­sen sich in der Schweiz je­des Jahr Bru­st­im­plan­ta­te ein­set­zen. Die Jüngs­ten un­ter ih­nen sind noch nicht 20 Jahre alt. Da­bei ist vie­len Frau­en nicht klar, wor­auf sie sich da ein­las­sen.

Zur­zeit lau­fen in den USA Sam­mel­kla­gen ge­gen den Her­stel­ler Al­ler­gan, weil der Ver­dacht be­steht, dass ein be­stimm­ter Im­plan­tat-Typ ei­nen sel­te­nen Krebs er­zeu­gen kann. Bei der Schwei­zer Heil­mit­tel­be­hör­de Swiss­me­dic gibt es bis­her vier ge­mel­de­te Fäl­le, in Eu­ro­pa rund 300. In Face­book-Grup­pen in den USA und Eu­ro­pa kla­gen im­mer mehr Frau­en, dass sie auch mit an­de­ren Ty­pen Be­schwer­den ha­ben und vor der Ope­ra­ti­on die Ri­si­ken nicht kann­ten.

Jetzt hat die FDA, die Heil­mit­tel­be­hör­de der USA, re­agiert. Nach Hea­rings mit Ex­per­ten und be­trof­fe­nen Frau­en hat die Be­hör­de vor zwei Wo­chen ei­ne War­nung in die Ver­nehm­las­sung ge­schickt. Sie will, dass Her­stel­ler von Bru­st­im­plan­ta­ten im Bei­pack­zet­tel viel um­fas­sen­der auf Ri­si­ken hin­wei­sen. Und sie for­dert, dass Frau­en mit ei­ner Check­lis­te in­for­miert wer­den, be­vor sie sich zur Brustope­ra­ti­on ent­schlies­sen.

Ho­he Zah­len in der Schweiz

Die Check­lis­te hat es in sich. Die FDA hat Stu­di­en aus­ge­wer­tet, wel­che al­le Her­stel­ler für die Zu­las­sung ih­rer Im­plan­ta­te ein­rei­chen müs­sen. Dar­aus hat sie Durch­schnitts­wer­te für Ri­si­ken er­rech­net. Über Lang­zeit­fol­gen steht bei­spiels­wei­se, dass Bru­st­im­plan­ta­te in bis zu 30 Pro­zent der Fäl­le reis­sen oder aus­lau­fen, dass je nach Im­plan­tat je­de zwei­te Frau Schmer­zen hat und dass bis zu 59 Pro­zent der Be­trof­fe­nen spä­ter er­neut ope­riert wer­den müs­sen.

Für Céd­ric Ge­or­ge, Plas­ti­scher Chir­urg und Chef der Kli­nik Py­ra­mi­de am See in Zü­rich, sind die ho­hen FDA-Zah­len nach­voll­zieh­bar, wenn man äl­te­re Im­plan­ta­te, die vie­le Frau­en noch in sich tra­gen, mit ein­be­zieht. Aber auch mit neu­en Pro­duk­ten lie­ge die Ra­te an er­neu­ten Ope­ra­tio­nen bei 20 bis 30 Pro­zent. So­mit muss je­de fünf­te bis je­de zwei­te Frau we­gen ih­rer Im­plan­ta­te spä­ter er­neut un­ters Mes­ser.

Un­ge­ach­tet des­sen, ver­spre­chen Her­stel­ler und zum Teil auch Schön­heits­chir­ur­gen den Frau­en für Im­plan­ta­te ei­ne le­bens­läng­li­che Halt­bar­keit. Das Im­plan­tat hal­te viel­leicht ein Le­ben lang, er­klärt Chef­arzt Ge­or­ge, aber der Kör­per ver­än­de­re sich, des­halb müs­se man spä­ter oft er­neut ope­rie­ren. «Wenn man mit Im­plan­ta­ten nie Pro­ble­me ha­ben will, soll­te man kei­ne ein­set­zen las­sen», sagt er. Auch Swiss­me­dic sagt auf An­fra­ge, lang­jäh­ri­ge Er­fah­run­gen mit Bru­st­im­plan­ta­ten zeig­ten, dass die­se zeit­lich be­grenzt halt­bar sein kön­nen. Her­stel­ler ha­ben bei Swiss­me­dic in den letz­ten zwei Jah­ren 126 gra­vie­ren­de Vor­fäl­le we­gen Bru­st­im­plan­ta­ten ge­mel­det.

Krank nach zehn Jah­ren

Hät­te sie die Ri­si­ken da­mals ge­kannt, wä­re sie nie auf die Idee ge­kom­men, ih­re Brüs­te ver­grös­sern zu las­sen, sagt die 48-jäh­ri­ge zwei­fa­che Mut­ter Nat­ha­lie D. aus Lau­sanne. Sie liess sich mit 32 Jah­ren ope­rie­ren, weil ih­re Brüs­te klein wa­ren und man ei­nen Kno­ten fand. «Der Chir­urg sag­te mir, das Im­plan­tat hal­te ein Le­ben lang, es sei so stark, es kön­ne ein Last­wa­gen dar­über­fah­ren.» Nach der Ope­ra­ti­on war sie zehn Jahre lang zu­frie­den. Auch wenn die Brüs­te nackt et­was künst­lich aus­ge­se­hen hät­ten, wie sie sagt. «In Klei­dern war mei­ne Form schön.»

Doch dann wur­de sie zu­neh­mend krank. «Die Sym­pto­me wa­ren un­spe­zi­fisch, des­halb sah ich den Zu­sam­men­hang

mit den Im­plan­ta­ten nicht so­fort», sagt sie. Sie hat­te Ge­lenk-, Mus­kel-, Na­cken- und Kopf­schmer­zen, ge­reiz­te Au­gen, star­ke Ge­dächt­nis­stö­run­gen, ihr war stän­dig übel. «Ich sass manch­mal im Bü­ro, und mein Kopf war ganz um­ne­belt. Ich konn­te Wör­ter nicht fin­den und hat­te Mü­he, mich auf die Ar­beit zu kon­zen­trie­ren.» Mit viel An­stren­gung ha­be sie ver­sucht, das zu ka­schie­ren. Auch die Brüs­te ta­ten ihr weh.

Vor ei­nem Jahr be­rich­te­ten Me­di­en welt­weit über die so­ge­nann­ten Im­plant Fi­les. Für die Schweiz war das Re­cher­che­desk von Ta­me­dia da­bei. Es ging um feh­ler­haf­te Im­plan­ta­te – wie Band­schei­ben­pro­the­sen, aber auch Bru­st­im­plan­ta­te. «Die Im­plant Fi­les ha­ben mich un­heim­lich mo­ti­viert, mich zu weh­ren», sagt die Deut­sche Me­la­nie Fröh­lich. Auch sie hat­te Be­schwer­den mit Bru­st­im­plan­ta­ten. In den USA gab es be­reits ei­ne Face­book-Grup­pe mit ge­gen 100000 Frau­en. Nach den Me­dien­be­rich­ten grün­de­te Fröh­lich mit zwei wei­te­ren Frau­en für Eu­ro­pa die Grup­pe «Ri­si­ken von Bru­st­im­plan­ta­ten». Der

Zu­lauf ist gross, auch aus der Schweiz schlies­sen sich Frau­en an. Un­ter an­de­ren Nat­ha­lie D.

«Als ich auf Face­book von den vie­len an­de­ren Frau­en in Deutsch­land und der Schweiz las und von ih­ren Sym­pto­men hör­te, fiel es mir wie Schup­pen von den Au­gen», sagt sie. Ge­nau­so ha­be sie es auch er­lebt, mit den glei­chen Be­schwer­den. «Da war mein Ent­schluss ge­fasst: Die Im­plan­ta­te muss­ten raus.» Seit­her sei­en nicht al­le, aber vie­le Sym­pto­me ver­schwun­den.

Die bei­den Frau­en freu­en sich über den Schritt der US-Heil­mit­tel­be­hör­de. «Die War­nung und die Check­lis­te sind ein Rie­sen­schritt», sagt Fröh­lich, «es ist vor al­lem den Frau­en zu ver­dan­ken, die sich seit Jah­ren da­für ein­set­zen.»

In­ak­ti­ve Schwei­zer Be­hör­den

Und was tut die Schwei­zer Heil­mit­tel­be­hör­de? Auf An­fra­ge heisst es, die Be­hör­de sei im Ge­gen­satz zur FDA für die Pro­dukt­si­cher­heit und nicht für An­wen­der­fra­gen zu­stän­dig, die be­han­deln­den Ärz­te sei­en ge­for­dert, Pa­ti­en­tin­nen deut­lich über al­le be­kann­ten Ri­si­ken auf­zu­klä­ren, sagt Bern­hard Bich­sel, Lei­ter der Ab­tei­lung Me­di­zin­pro­duk­te.

Der boo­men­de Markt der Schön­heits­chir­ur­gie ist we­nig re­gle­men­tiert. Es gibt für Schön­heits­chir­ur­gen kei­nen ge­schütz­ten Fach­arzt­ti­tel, und es sind so­gar Ra­bat­te für Mehr­fachope­ra­tio­nen mög­lich. Kun­din­nen der Lu­cer­ne Cli­nic, ei­ner Kli­nik für Schön­heits­chir­ur­gie in Lu­zern, er­hal­ten bei­spiels­wei­se ei­ne Preis­re­duk­ti­on von 2000 Fran­ken, wenn sie am sel­ben Tag meh­re­re Ein­grif­fe bu­chen. Die Kli­nik er­klärt auf An­fra­ge: Es hand­le sich meist um OPs in der­sel­ben Kör­per­zo­ne, da­bei ge­be die Kli­nik bei die­sen Kom­bi­na­ti­ons­ein­grif­fen die in­ter­ne Kos­ten­er­spar­nis in Form ei­nes Preis­nach­las­ses den Pa­ti­en­ten wei­ter.

Die Lu­zer­ner Di­enst­stel­le Ge­sund­heit und Sport (GS) stellt sich nicht ge­gen sol­che An­ge­bo­te. Sol­che Ein­grif­fe sei­en kei­ne me­di­zi­ni­sche Not­wen­dig­keit. Wohl könn­ten sie ne­ga­ti­ve Fol­gen für die Ge­sund­heit der Be­trof­fe­nen ha­ben, es sei aber nicht Auf­ga­be des Kan­tons, die Öf­fent­lich­keit vor der «Ver­lei­tung» zu sol­chen Ein­grif­fen be­son­ders zu schüt­zen, sagt GS-Lei­ter Da­vid Dürr auf An­fra­ge.

Schwie­ri­ger Nach­weis von Krebs

Für den Zürcher Chir­ur­gen Céd­ric Ge­or­ge ist es in der ak­tu­el­len Diskussion wich­tig, die Ri­si­ken sehr ernst zu neh­men, die Bru­st­im­plan­ta­te aber auch nicht zu ver­teu­feln. «Sie ma­chen sehr vie­le Leu­te glück­lich, denn Men­schen müs­sen sich auch äs­the­tisch wohl­füh­len.» Er warnt da­vor, die Frau­en zu ver­ängs­ti­gen. Die Kla­gen ge­gen den Her­stel­ler Al­ler­gan we­gen ei­ner mög­li­chen Krebs­ge­fahr so­wie die Be­schwer­den, von de­nen Frau­en er­zähl­ten, sei­en schwer ein­zu­ord­nen. «Es ist ex­trem schwie­rig, den Nach­weis zu er­brin­gen, dass es tat­säch­lich mit dem Im­plan­tat zu­sam­men­hängt», sagt er.

Nat­ha­lie D. be­zahlt nicht nur we­gen der Kos­ten für die Ent­fer­nung der Im­plan­ta­te ei­nen ho­hen Preis. «Mei­ne Brüs­te sind nicht mehr sehr schön. Sie sind klein, ha­ben Nar­ben, und die lin­ke Brust ist de­for­miert.» Des­halb wird sie in drei Wo­chen noch ein­mal ope­riert. Auch wenn die Äs­t­he­tik nicht mehr stimmt, be­reut sie die Ent­fer­nung nicht. «Ich füh­le mich schon sehr viel bes­ser.»

Foto: Getty Images/fStop

Ein Schwei­zer Chir­urg schätzt, dass je­de drit­te Frau mit Bru­st­im­plan­ta­ten ein zwei­tes Mal ope­riert wer­den muss.

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