Aus­stieg be­deu­tet nicht Neu­wah­len

Kün­digt die SPD die Grosse Ko­ali­ti­on auf, kommt es kei­nes­wegs au­to­ma­tisch zu Neu­wah­len. In der CDU sieht man Vor­tei­le in ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Dominique Ei­gen­mann,

En­de Wo­che wird klar, ob die SPD aus der Gros­sen Ko­ali­ti­on mit der CDU aus­steigt. Falls sie das tut, gibt es da­nach aber nicht un­be­dingt Neu­wah­len.

Die neue SPD-Spit­ze will mit der Uni­on den Ko­ali­ti­ons­ver­trag in wich­ti­gen Punk­ten neu ver­han­deln. Auf dem Par­tei­tag En­de die­ser Wo­che möch­te sie sich ein Man­dat da­für ho­len. Für den Fall, dass die Christ­de­mo­kra­ten auf die neu­en For­de­run­gen nicht ein­tre­ten, so heisst es, wer­de man das Re­gie­rungs­bünd­nis auf­kün­di­gen.

CDU und CSU ha­ben «Neu­ver­hand­lun­gen» am Wo­che­n­en­de ei­sern aus­ge­schlos­sen. Frei­lich wis­sen al­le Be­tei­lig­ten, dass man sehr wohl ver­han­deln wird – wie im­mer man die Ge­sprä­che im Ko­ali­ti­ons­aus­schuss dann nennt.

Die Fra­ge ist eher, wie viel po­li­ti­schen Spiel­raum die CDU noch hat, um der SPD er­neut ent­ge­gen zu kom­men. Aus Sor­ge um den Rich­tungs­kampf in der SPD ge­stan­den die Christ- den So­zi­al­de­mo­kra­ten zu­letzt mit der Grund­ren­te ei­nen gros­sen Er­folg zu, der deut­lich über das im Ko­ali­ti­ons­ver­trag Ver­ein­bar­te hin­aus­ging. Die Be­reit­schaft, wei­te­re Wün­sche der SPD zu be­frie­di­gen, ist bei CDU und CSU nun sehr klein – vor al­lem in der Bun­des­tags­frak­ti­on, wo man schon die Zu­ge­ständ­nis­se bei der Grund­ren­te kaum er­träg­lich fand.

Ei­ne Ei­ni­gung ist un­wahr­schein­lich

In je­dem Fall wird die Uni­on bei Nach­ver­hand­lun­gen ei­ge­ne For­de­run­gen auf den Tisch le­gen, die meist das Ge­gen­teil von dem be­zwe­cken, was die SPD wünscht: Steu­er­ent­las­tun­gen für Fir­men et­wa statt ei­nes hö­he­ren Min­dest­lohns. Nicht nur bei der SPD, auch in der CDU gibt es vie­le, die ge­nug von der Gros­sen Ko­ali­ti­on ha­ben. Mit Ma­xi­mal­for­de­run­gen kön­nen sie die Ver­hand­lun­gen sa­bo­tie­ren, oh­ne of­fen die Ver­ant­wor­tung da­für zu über­neh­men.

Ei­ne Ei­ni­gung hält man des­we­gen in der Uni­on für eher un­wahr­schein­lich. Die neue lin­ke SPD-Füh­rung brau­che drin­gend Er­fol­ge. Die ge­schwäch­te Spit­ze der CDU um An­ne­gret Kram­pKar­ren­bau­er und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel kön­ne aber ge­ra­de we­gen ih­rer Schwä­che kaum Zu­ge­ständ­nis­se ma­chen. Das pas­se nicht zu­sam­men, glaubt man in der CDU.

Soll­te die SPD ih­re Re­gie­rungs­be­tei­li­gung auf­kün­di­gen, zieht sie ent­we­der ih­re sechs Mi­nis­ter aus der Re­gie­rung ab, oder die­se wer­den von Mer­kel ent­las­sen. Theo­re­tisch könn­te die Kanz­le­rin dann bei Grü­nen und der FDP für ei­nen zwei­ten An­lauf zu ei­nem «Ja­mai­ka»-Bünd­nis wer­ben. Dar­an ha­ben aber vor al­lem die Grü­nen kein In­ter­es­se, die in den Um­fra­gen heu­te mehr als dop­pelt so hoch ste­hen wie bei der Bun­des­tags­wahl 2017.

Mer­kel könn­te mit ei­ner so­ge­nann­ten un­ech­ten Ver­trau­ens­fra­ge Neu­wah­len pro­vo­zie­ren: mit ei­ner Ab­stim­mung al­so, die sie ab­sicht­lich ver­lie­ren wür­de. Der Ent­scheid, ob es da­nach wirk­lich zu Neu­wah­len kommt, liegt aber in der Hand von Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter

St­ein­mei­er. Lies­se er Neu­wah­len zu, kä­me die 14-jäh­ri­ge Ära Mer­kel an ein vor­zei­ti­ges En­de.

Stra­te­gen und Be­ob­ach­ter wei­sen noch auf ei­ne an­de­re Op­ti­on hin, die für Deutsch­land zwar neu wä­re, aber auf der ibe­ri­schen Halb­in­sel oder in Skan­di­na­vi­en durch­aus er­probt ist: ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung. Mer­kel hat zwar stets ge­sagt, sie sei «kei­ne Freun­din» ei­ner Re­gie­rung oh­ne fes­te Mehr­heit. Aus­ge­schlos­sen hat sie die Mög­lich­keit nicht.

Aus Sicht von CDU und CSU bö­te ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung hand­fes­te Vor­tei­le: Mer­kel könn­te sechs neue Mi­nis­ter aus den ei­ge­nen Rei­hen be­stim­men. Sie könn­te ih­re Wun­sch­nach­fol­ge­rin Kramp-Kar­ren­bau­er zur Vi­ze­kanz­le­rin

ma­chen, was die­se in Hin­blick auf die Kanz­ler­kan­di­da­tur in ei­ne bes­se­re La­ge bräch­te. Und sie könn­te Neu­wah­len ver­mei­den, die wohl zum Macht­kampf in ih­rer Par­tei und zu Ver­lus­ten an der Ur­ne füh­ren wür­den.

Das Bud­get steht bis min­des­tens En­de 2020

Na­tür­lich wä­re ei­ne Re­gie­rung oh­ne fes­te Mehr­heit nicht un­ein­ge­schränkt hand­lungs­fä­hig. Sie könn­te zwar ei­ge­ne Ge­set­ze in den Bun­des­tag ein­brin­gen, müss­te sich da­für aber stets neue Mehr­hei­ten su­chen. Auch müss­te sie ge­wär­ti­gen, dass sich in ge­sell­schafts­o­der wahl­po­li­ti­schen Fra­gen Mehr­hei­ten ge­gen sie bil­den. Ei­nen un­mit­tel­ba­ren Not­stand gä­be es aber nicht: Letz­te Wo­che erst ha­ben CDU/CSU und SPD das Bud­get für das nächs­te Jahr ver­ab­schie­det. Es gilt bis min­des­tens En­de 2020.

Mer­kel hat bei der Über­nah­me ih­rer letz­ten Amts­zeit ver­spro­chen, Deutsch­land Sta­bi­li­tät zu ver­schaf­fen in ei­ner Welt, die ge­fähr­li­cher wer­de, in ei­nem Eu­ro­pa, das aus­ein­an­der­drif­te. Be­son­de­re Be­deu­tung hat für sie des­we­gen das zwei­te Halb­jahr 2020, wenn Deutsch­land die EURats­prä­si­dent­schaft über­nimmt.

Im Zu­sam­men­spiel mit ih­rer lang­jäh­ri­gen Mi­nis­te­rin und neu­en EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ur­su­la von der Ley­en möch­te Mer­kel Eu­ro­pa da noch ein­mal «vor­an­brin­gen». Da­für wä­re es je­den­falls Gift, wä­re Deutsch­land in die­ser Zeit mit Wahl­kampf oder Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen be­schäf­tigt. Frei­lich wür­de auch ei­ne Min­der­heits­re­gie­rung die Kanz­le­rin ein­schrän­ken: Sie könn­te auf ei­nem EUGip­fel ei­gent­lich nichts zu­sa­gen, warn­te Mer­kel ein­mal, weil sie ja nicht wüss­te, ob sie im Bun­des­tag da­nach ei­ne Mehr­heit da­für fin­den wür­de.

Mit Hin­blick auf die deut­sche EU-Rats­prä­si­dent­schaft er­ge­ben sich für Mer­kel laut, so glau­ben Be­ob­ach­ter, zwei Prio­ri­tä­ten: Soll es zu Neu­wah­len kom­men, dann soll­te dies schnell ge­sche­hen: mit ei­nem Wahl­ter­min im kom­men­den März, spä­tes­tens An­fang April. Dies wür­de er­mög­li­chen, dass Deutsch­land vor dem 1. Ju­li wie­der über ei­ne hand­lungs­fä­hi­ge Re­gie­rung ver­fügt. Oder aber Mer­kel ver­sucht es mit ei­ner Min­der­heits­re­gie­rung: Doch die müss­te dann min­des­tens bis En­de Jahr hal­ten, mit der Op­ti­on von Bun­des­tags­wah­len im Früh­jahr statt – wie vor­ge­se­hen – im Herbst 2021.

Für Mer­kel hat das zwei­te Halb­jahr 2020 be­son­de­re Be­deu­tung, weil Deutsch­land dann den Rats­vor­sitz in der EU über­nimmt.

Fo­to: Cle­mens Bi­lan (Epa)

Mer­kel (r.) lo­tet mit An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er den Hand­lungs­spiel­raum aus.

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