Rück­blick auf ei­nen Kraft­akt

Seit 1944 ist die Sport­för­de­rung des Bun­des im See­land zu Hau­se. Vor 21 Jah­ren ent­stand mit dem Baspo ein ei­ge­nes Bun­des­amt, das bis heu­te vie­len Ath­le­ten op­ti­ma­le Trai­nings­be­din­gun­gen er­mög­licht.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Mar­co Spy­cher

1944 wähl­te der Bund Magg­lin­gen als Stand­ort der Sport­för­de­rung aus. Noch heu­te bie­tet das Zen­trum op­ti­ma­le Trai­nings­be­din­gun­gen für vie­le Ath­le­ten.

Es ist ein Nach­mit­tag, wie er im Herbst so üb­lich ist: Ein fri­scher Wind lässt die Blät­ter rau­schen. Lei­se klatscht Trop­fen für Trop­fen auf die asphal­tier­te Stras­se. Der Ne­bel ist so dicht, dass die für die­sen Ort sonst so be­kann­te Aus­sicht ver­deckt ist.

Magg­lin­gen zählt rund 600 Ein­woh­ner, die Häu­ser sind in der Land­schaft ein­ge­bet­tet. Ei­gent­lich ist es ein ganz nor­ma­les Dorf. Wä­ren da nicht ei­ne Hoch­schu­le, ein Frei­bad, drei Sport­hal­len, vier Fuss­ball­plät­ze, ein Am­phi­thea­ter, ei­ne Golf­an­la­ge, ei­ne Be­ach­sport­an­la­ge, vier Ten­nis­plät­ze und meh­re­re Über­nach­tungs­und Ver­pfle­gungs­mög­lich­kei­ten. Die Re­de ist na­tür­lich vom Haupt­sitz des Bun­des­am­tes für Sport (Baspo). Magg­lin­gen und Sport, das ge­hört im Schwei­zer Volks­mund zu­sam­men wie Tennis und Ro­ger Fe­de­rer.

Rück­blick: 1944 – noch wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges – grün­de­te die Schweiz in Magg­lin­gen die zen­tra­le Sport­schu­le. Am 25. No­vem­ber 1943 mach­te sich ei­ne De­le­ga­ti­on in Be­glei­tung des da­ma­li­gen Bun­des­rats Karl Ko­belt auf den Weg, um die bei­den im Ren­nen ver­blie­be­nen Stand­or­te für ei­ne Sport­schu­le des Bun­des zu in­spi­zie­ren. Chau­mont im Kan­ton Neu­en­burg so­wie Magg­lin­gen im Kan­ton Bern wa­ren bei­de ge­eig­net. Es wird spe­ku­liert, dass am Schluss das Wet­ter die Ent­schei­dung be­ein­flusst ha­be. Nach Schnee­fall und Ne­bel in Chau­mont wur­de die Grup­pe in Magg­lin­gen von der Son­ne be­grüsst. Ob dies wirk­lich aus­schlag­ge­bend war, bleibt bis heu­te un­ge­klärt. Fakt ist: Magg­lin­gen er­hielt den Zu­schlag.

1970: Sport­för­de­rung in der Bun­des­ver­fas­sung

So wur­de am 3. März 1944 im ehe­ma­li­gen Kur­haus die Eid­ge­nös­si­sche Turn- und Sport­schu­le Magg­lin­gen ge­grün­det. Die Weh­r­er­tüch­ti­gung war für den Bund das Ar­gu­ment, den Sport zen­tral zu or­ga­ni­sie­ren. Doch schon in den An­fän­gen fürch­te­ten die Kan­to­ne die Zen­tra­li­sie­rung, die Uni­ver­si­tä­ten hin­ge­gen die Mi­li­ta­ri­sie­rung des Sports. Nichts­des­to­trotz blieb die Schu­le be­ste­hen, wur­de so­gar er­wei­tert. Sport­hal­len, Schwimmbad und Rund­bahn wur­den ge­zielt in die Ju­rahü­gel ge­baut. Auch die For­schung soll­te an Be­deu­tung ge­win­nen. Im­mer mehr ent­wi­ckel­te sich die Sport­schu­le zum ei­gent­li­chen Kom­pe­tenz­zen­trum des Bun­des.

1970 war es dann schliess­lich die Schwei­zer Be­völ­ke­rung, die da­für sorg­te, dass der Sport in der Bun­des­ver­fas­sung ver­an­kert wur­de. Fort­an wur­de de­fi­niert, dass der Sport in der Schweiz sys­te­ma­tisch und wir­kungs­voll ge­för­dert wer­den muss – al­ler­dings vo­r­erst für die Män­ner. Die Frau­en wa­ren seit den mi­li­tä­ri­schen An­fän­gen der Sport­schu­le zwar nicht aus­ge­schlos­sen, aber auch nicht of­fi­zi­ell mit­ge­meint. Nach­dem 1971 das weib­li­che Ge­schlecht durch die An­nah­me des Frau­en­stimm­rechts erst­mals wäh­len konn­te, wur­de 1972 mit dem ers­ten Sport­för­der­ge­setz

auch der Frau­en­sport ge­re­gelt.

1988: Nach 14 Jah­ren zu­rück im Mi­li­tär­de­par­te­ment

Durch die stei­gen­de ge­sell­schaft­li­che Re­le­vanz und Ak­zep­tanz des Sports wur­de in den 1980er-Jah­ren die po­li­ti­sche Hei­mat des Sports im Mi­li­tär­de­par­te­ment hin­ter­fragt. Schon seit ei­ni­gen Jah­ren ver­scho­ben sich die Schwer­punk­te hin zu Ge­sund­heit, Er­zie­hung und Kul­tur. 1984 folg­te der Wech­sel ins De­par­te­ment des In­nern. 14 Jah­re spä­ter kam der Rück­wech­sel ins Mi­li­tär­de­par­te­ment. Und die­ser Schritt er­wies sich als Glücks­fall: Was bis­her als Sport­schu­le da­her­kam, wur­de zum Baspo ge­formt. Da­mit brach­te der Bund sei­ne ge­sam­te Sport­kom­pe­tenz – Aus­bil­dung, For­schung, Po­li­tik, In­fra­struk­tur – un­ter ein Dach. Kurz dar­auf er­hielt die Schweiz das ers­te sport­po­li­ti­sche Kon­zept. Es war ei­ne Art Ba­sis da­für, was die heu­ti­ge Haupt­auf­ga­be des Baspo ist: den Sport und die Be­we­gung für die Be­völ­ke­rung zu för­dern.

Die Ent­wick­lung der Sport­för­de­rung liest sich wie ei­ne Er­folgs­ge­schich­te: vom sie­ben­fa­chen Moun­tain­bike-Welt­meis­ter Ni­no Schur­ter bis zur drei­fa­chen Olym­pia­sie­ge­rin Vre­ni Schnei­der. Der Pal­marès an Sport­pro­mi­nenz, die in Magg­lin­gen trai­niert und trai­niert hat, ist gross.

Nun, 75 Jah­re nach ih­rem Ur­sprung, ist die Sport­för­de­rung in drei geo­gra­fi­sche Sek­to­ren auf­ge­teilt: Be­gon­nen mit dem Ath­le­ten­dorf ganz un­ten, wo nebst Über­nach­tungs- und Ver­pfle­gungs­mög­lich­kei­ten die Bü­ro­räum­lich­kei­ten des Baspo sind, über die Mit­tel­sta­ti­on mit Sport­hal­len, dem sport­wis­sen­schaft­li­chen Zen­trum und der Ju­bi­lä­ums­hal­le für Kunst­tur­ner bis hin zum End der Welt mit Aus­sen­sport­plät­zen und ei­ner Fünf­fach­hal­le, die sich ge­ra­de in Re­no­va­ti­on be­fin­det.

2019: Im­mer wei­ter und wei­ter

Ei­ner, der sich auf dem Are­al bes­tens aus­kennt, ist der Schwin­ger Flo­ri­an Gnä­gi. Der 31-Jäh­ri­ge, der sich am dies­jäh­ri­gen Eid­ge­nös­si­schen Schwing- und Äl­pler­fest sei­nen zwei­ten eid­ge­nös­si­schen Kranz ge­holt hat, ar­bei­tet und trai­niert in Magg­lin­gen. Er ist bei der Ar­mee als Sach­be­ar­bei­ter be­schäf­tigt. Für ihn sei es ide­al, so kön­ne er Ar­beit und Trai­ning per­fekt kom­bi­nie­ren. «Und wo gibt es schon ei­ne bes­se­re In­fra­struk­tur als hier?», fragt Gnä­gi. In der Schweiz nir­gends. Und ganz zur Freu­de des 31-Jäh­ri­gen er­hält Magg­lin­gen schon bald ei­ne neue At­trak­ti­on: Es soll ei­ne wei­te­re Hal­le ent­ste­hen – mit ei­nem Schwing­kel­ler. «Das zeich­net das Baspo aus: Es ent­wi­ckelt sich im­mer wei­ter. Das ist wie im Sport, wenn du sta­gnierst, hast du kei­ne Zu­kunft», sagt Gnä­gi. Von Schwin­gen über Kunst­tur­nen

bis Ski al­pin: In Magg­lin­gen fin­den sich Ath­le­ten ver­schie­dens­ter Sport­ar­ten ein. Klar kann man im Dorf kei­ne Ski­sprung­schan­ze und kei­nen See er­rich­ten. «Aber in der Vor­be­rei­tungs­und in ei­ner Re­h­a­pha­se kom­men sehr vie­le Spit­zen­sport­ler hier­hin», er­zählt der Aar­ber­ger.

Mo­men­tan ist nicht viel los in der Haupt­stadt des Sports. Auf dem Geh­weg trifft man bloss Re­kru­ten, Stu­die­ren­de und An­ge­stell­te des Baspo an, die Hal­len blei­ben gröss­ten­teils un­be­nutzt. Der Grund da­für ist sim­pel: Für Win­ter­sport­ler, die ih­re Vor­be­rei­tungs­zeit hier ver­bracht ha­ben, be­ginnt all­mäh­lich die Sai­son. Und die Som­mer­sport­ler sind gröss­ten­teils noch im Ein­satz. So­bald die­se in die Win­ter­pau­se ge­hen, dürf­te auch im Dorf wie­der mehr Be­trieb ein­keh­ren.

Magg­lin­gen ist sich trotz der stän­di­gen Ent­wick­lung im­mer treu ge­blie­ben. So ist der Sports­geist – «der Esprit de Ma­co­lin» – an der all­ge­mei­nen Hal­tung und Ein­stel­lung der Leu­te zu er­ken­nen.

Mitt­ler­wei­le hat sich der Ne­bel ver­zo­gen. Nun wird klar, wes­halb Magg­lin­gen für sei­ne Aus­sicht be­kannt ist. Vom Grand Ho­tel, da wo vor 75 Jah­ren al­les be­gann, er­blickt man den Bie­ler-, den Mur­ten­so­wie den Neu­en­bur­ger­see. Und bei gu­ten Sicht­ver­hält­nis­sen soll man so­gar die Berg­ket­te Ei­ger, Mönch und Jungfrau se­hen kön­nen.

Fo­tos: Chris­ti­an Pfan­der

Gross und viel­sei­tig wie Magg­lin­gen selbst: Die Fünf­fach­turn­hal­le End der Welt.

Ein Blick auf zwei der ins­ge­samt vier Fuss­ball­fel­der.

Mit dem Grand Ho­tel hat vor 75 Jah­ren al­les an­ge­fan­gen.

Schwin­ger Flo­ri­an Gnä­gi ar­bei­tet und trai­niert in Magg­lin­gen.

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