Öko­pro­jek­te der Kan­to­ne ste­hen auf der Kip­pe

Die öko­lo­gi­sche Auf­wer­tung von Ge­wäs­sern kommt in den Na­tio­nal­rat.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Ste­fan Hä­ne

Das neue, grü­ne­re Schwei­zer Par­la­ment wird in die­ser Ses­si­on über ein ge­wich­ti­ges Na­tur­schutz­an­lie­gen ent­schei­den: die öko­lo­gi­sche Auf­wer­tung von Ge­wäs­sern. Die Kan­to­ne ha­ben beim Bund Pro­jek­te im Um­fang von 370 Mil­lio­nen Fran­ken an­ge­mel­det. Doch die Of­fen­si­ve der Kan­to­ne ist um­strit­ten. Der ge­plan­te Bun­des­bei­trag be­läuft sich auf nur 180 Mil­lio­nen Fran­ken. Nun schlägt SP-Na­tio­nal­rä­tin Ur­su­la Schnei­der Schüt­tel vor, die Mit­tel auf bis 280 Mil­lio­nen Fran­ken auf­zu­sto­cken. Die Kan­to­ne wä­ren mit die­sem Kom­pro­miss zu­frie­den. Ob der An­trag ei­ne Mehr­heit fin­det, hängt von CVP und FDP ab.

Au­en­gebie­te gel­ten als die Re­gen­wäl­der Eu­ro­pas. Doch in der Schweiz sind 90 Pro­zent die­ser ar­ten­rei­chen Räu­me ver­schwun­den oder stark ge­fähr­det. Der Kan­ton Aar­gau will ei­nen klei­nen Teil da­von wett­ma­chen. In der Ge­mein­de Sins soll die Reuss auf 1,5 Ki­lo­me­tern re­vi­ta­li­siert, al­so öko­lo­gisch auf­ge­wer­tet wer­den, da­ne­ben soll ein 200 000 Qua­drat­me­ter gros­ses Au­en­gebiet ent­ste­hen mit Platz für sel­te­ne und be­droh­te Pflan­zen und Tie­re wie den Eis­vo­gel. Kos­ten­punkt: rund 10 Mil­lio­nen Fran­ken.

Das Vor­ha­ben ist kein Ein­zel­fall. «Im Ver­gleich zu den letz­ten Jah­ren ha­ben wir heu­te in fast al­len Kan­to­nen mehr Re­vi­ta­li­sie­rungs­pro­jek­te, die um­set­zungs­reif sind», sagt Ste­phan At­ti­ger (FDP), Aar­gau­er Re­gie­rungs­rat und de­si­gnier­ter Prä­si­dent der kan­to­na­len Bau- und Um­welt­di­rek­to­ren. Ent­spre­chend ha­ben die Kan­to­ne für die Zeit von 2020 bis 2024 beim Bund Vor­ha­ben im Um­fang von 370 Mil­lio­nen Fran­ken an­ge­mel­det – ein Re­kord­wert.

Das zeigt ein un­ver­öf­fent­lich­tes Do­ku­ment des Bun­des­amts für Um­welt (Ba­fu), das die­ser Zei­tung vor­liegt.

Bau­ern­ver­band in der Pflicht

Der Wunsch­zet­tel der Kan­to­ne kommt die­se Wo­che im Rah­men der Bud­get­de­bat­te auf den Tisch. Ob das neue, grü­ne­re Bun­des­par­la­ment ei­nen öko­lo­gi­schen Ak­zent set­zen wird? Der Bun­des­rat und die vor­be­ra­ten­de Kom­mis­si­on des Na­tio­nal­rats wol­len 180 Mil­lio­nen Fran­ken für die nächs­ten fünf Jah­re spre­chen, pro Jahr al­so 36 Mil­lio­nen statt wie bis an­hin 30 Mil­lio­nen.

Links-grü­nen Kräf­ten geht das zu we­nig weit. SP-Na­tio­nal­rä­tin Ur­su­la Schnei­der Schüt­tel for­dert 280 Mil­lio­nen Fran­ken, al­so 56 Mil­lio­nen pro Jahr. Die Kan­to­ne wä­ren mit die­sem «Kom­pro­miss» zu­frie­den, wie FDP-Ma­gis­trat Ste­phan At­ti­ger sagt. So oder so müs­sen die Kan­to­ne ei­nen Teil der je­wei­li­gen Pro­jekt­kos­ten sel­ber tra­gen. Je nach­dem, wie gut ihr Vor­ha­ben die Vor­ga­ben des Bun­des er­füllt, sind es zwi­schen 20 und 65 Pro­zent.

Doch al­le bür­ger­li­chen Ver­tre­ter ha­ben in der vor­be­ra­ten­den Kom­mis­si­on ge­gen Schnei­der Schüt­tels An­trag ge­stimmt. Da­bei an­er­kennt die FDP in ih­rem neu­en Um­welt­pa­pier beim Ge­wäs­ser­schutz «gros­sen Op­ti­mie­rungs­be­darf» und be­nennt ins­be­son­de­re Re­vi­ta­li­sie­run­gen als «wich­ti­ge Mass­nah­me».

Die CVP war Mi­t­ar­chi­tek­tin je­nes Kom­pro­mis­ses, der vor zehn Jah­ren zum Rück­zug der Initia­ti­ve «Le­ben­di­ges Was­ser» und – als Ge­gen­ge­schäft – zur Ein­füh­rung der Re­vi­ta­li­sie­rungs­pflicht für die Kan­to­ne ge­führt hat­te. An­stel­le von 16 000 Ki­lo­me­tern Ge­wäs­ser­läu­fen, so der Kon­sens da­mals, sol­len nur 4000 Ki­lo­me­ter wie­der in ih­ren na­tür­li­chen Zu­stand ge­setzt wer­den. Ge­schätz­te Kos­ten: knapp 5 Mil­li­ar­den Fran­ken, ver­teilt über 80 Jah­re. Pro Jahr macht dies et­wa 60 Mil­lio­nen Fran­ken – was et­wa je­nem Bei­trag ent­spricht, den Schnei­der Schüt­tel vor­schlägt. Die CVP, so for­dern des­halb Um­welt­schüt­zer, sol­le – ih­ren da­ma­li­gen Be­mü­hun­gen ent­spre­chend – die­se Gel­der nun auch spre­chen.

In der Pflicht se­hen die Um­welt­schüt­zer auch den Bau­ern­ver­band. Die­ser hat 2018 ei­ne Pe­ti­ti­on mit mehr als 165 000 Un­ter­schrif­ten zum Schutz der In­sek­ten mit ein­ge­reicht – ei­ne Re­ak­ti­on auf For­schungs­er­geb­nis­se aus Deutsch­land, wel­che zei­gen, dass in den ver­gan­ge­nen 30 Jah­ren mehr als die Hälf­te al­ler In­sek­ten ver­schwun­den ist. Re­vi­ta­li­sie­run­gen kön­nen hel­fen, die­sen Ver­lust zu­min­dest zu brem­sen, ge­hö­ren sie doch zu den wirk­sams­ten För­der­mass­nah­men für In­sek­ten.

Die Re­gio­nen pro­fi­tie­ren

Doch Mar­kus Rit­ter, CVP-Na­tio­nal­rat und Prä­si­dent des Bau­ern­ver­bands, will die Bun­des­gel­der nicht auf­sto­cken. «Wir un­ter­stüt­zen den An­trag des Bun­des­ra­tes, der auch auf der Li­nie des Fi­nanz­pla­nes des Bun­des liegt.»

Bei der FDP heisst es, die Frak­ti­on ha­be bei der ers­ten Be­ra­tung des Bud­gets noch nicht über De­tails ge­spro­chen. Die Ge­wäs­ser­schutz­fra­ge wer­de aber noch dis­ku­tiert. Der Schwei­ze­ri­sche Fi­sche­rei-Ver­band (SFV) hofft nun, dass aus CVP und FDP die nö­ti­gen Stim­men kom­men wer­den. «Wir neh­men an, dass ei­ni­ge Par­la­men­ta­ri­er, wie im Wahl­kampf ver­spro­chen, hin­ter ei­ner ver­bes­ser­ten Um­welt­po­li­tik ste­hen», sagt SFV-Ge­schäfts­füh­rer Phil­ipp Si­cher.

Hoff­nung gibt den Um­welt­schüt­zern ei­ne Ana­ly­se, die das Ba­fu im Mai ver­öf­fent­licht hat und die auch bür­ger­li­che Fi­nanz­po­li­ti­ker in­ter­es­sie­ren dürf­te. Dem­nach flies­sen die Bun­des­gel­der für den Na­tur­schutz vor al­lem in die lo­ka­le Land- und Bau­wirt­schaft und stei­gern zu­dem die At­trak­ti­vi­tät ei­ner Re­gi­on. Es ist nicht zu­letzt die­ser öko­no­mi­sche Ge­winn, der die Kan­to­ne da­zu bringt, vom Bund mehr Geld zu ver­lan­gen. Drin­gen sie im Par­la­ment nicht durch, wer­den zahl­rei­che be­reits fort­ge­schrit­te­ne Pro­jek­te sis­tiert wer­den. Da­vor war­nen die Kan­to­ne im er­wähn­ten ver­trau­li­chen Do­ku­ment des Ba­fu. Sis­tier­te Pro­jek­te, so heisst es, wür­den zu Un­mut auch in den Ge­mein­den füh­ren, und sie hät­ten «ne­ga­ti­ve Si­gnal­wir­kung, sie ver­hin­dern wei­te­re Pro­jek­te».

Fo­to: Sa­bi­na Bobst

In der Aar­gau­er Ge­mein­de Sins soll die Reuss auf ei­ner Län­ge von 1,5 Ki­lo­me­tern re­vi­ta­li­siert wer­den.

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