Mit Elek­tro­schocks ge­gen De­pres­sio­nen

Pa­ti­en­ten im Kan­ton Bern wer­den ver­mehrt wie­der mit Elek­tro­schocks be­han­delt. Die Me­tho­de wur­de im Psych­ia­trie­zen­trum Münsin­gen erst­mals 1939 an­ge­wen­det.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Jo­han­nes Rei­chen / sm

Das Pro­ze­de­re dau­ert nur we­ni­ge Mi­nu­ten: Der Pa­ti­ent wird nar­ko­ti­siert, da­nach be­fes­ti­gen Ärz­te Elek­tro­den an sei­ner Kopf­haut. Über sie wird das Ge­hirn mit elek­tri­schen Im­pul­sen sti­mu­liert, es setzt Neu­ro­trans­mit­ter und Hor­mo­ne frei – und der Pa­ti­ent fühlt sich bes­ser. Lan­ge war die Elek­tro­kon­vuls ions the­ra­pie (EKT) um­strit­ten. Nun je­doch er­lebt die Be­hand­lung mit Elek­tro­schocks ei­ne Re­nais­sance. Auch im Kan­ton Bern wird die Me­tho­de im­mer häu­fi­ger ein­ge­setzt, be­son­ders ge­gen De­pres­sio­nen. Im Psych­ia­trie­zen­trum Münsin­gen et­wa wur­den 2019 rund 600 EKT durch­ge­führt.

In sei­nem Buch «The­ra­peu­ti­scher Wil­le un­ter Strom» zeigt der Ber­ner Jour­na­list Fre­di Lerch auf, dass die Be­hand­lungs­me­tho­de im Zen­trum Münsin­gen, des­sen Ein­zugs­ge­biet bis ins Ber­ner Ober­land reicht, tief ver­wur­zelt ist. Am 31. Ok­to­ber 1939 wur­den erst­mals Elek­tro­schocks ver­ab­reicht, bis 1989 folg­ten wei­te­re Tau­sen­de.

Im Buch heisst sie Em­ma Her­zog. Am 6. Ju­ni 1963 tritt sie in die Heil- und Pfle­ge­an­stalt in Münsin­gen ein. Sie ist 57 Jah­re alt und ver­mut­lich schi­zo­phren. Auf das Per­so­nal wirkt sie «ge­spannt, be­drückt, we­nig in­tel­li­gent, et­was stupu­rös ge­hemmt». Vier Ta­ge spä­ter wird sie zum ers­ten Mal mit ei­nem Elek­tro­schock be­han­delt. Da­nach «ist Pat. et­was ent­spann­ter». An­dert­halb Mo­na­te und ei­ne Rei­he von Elek­tro­schocks spä­ter wird von ei­ner «gu­ten Wir­kung» be­rich­tet: Sie sei viel ru­hi­ger, be­schäf­ti­ge sich mit dem Rüs­ten von Ge­mü­se, ha­be Kon­takt. Auf­fal­lend sei noch ei­ne ge­wis­se Ängst­lich­keit, wenn es um das De­cken des Ti­sches ge­he.

Das schreibt der Ber­ner Jour­na­list Fre­di Lerch in sei­nem Buch «The­ra­peu­ti­scher Wil­le un­ter Strom». Im ver­gan­ge­nen Jahr er­forsch­te er im Auf­trag des Psych­ia­trie­zen­trums Münsin­gen (PZM) die Ge­schich­te des Elek­tro­schocks in der In­sti­tu­ti­on. Der An­lass zum Buch war ei­ne Fach­ta­gung zu die­sem The­ma, die ver­gan­ge­nen Ok­to­ber am PZM durch­ge­führt wur­de. Der 65-jäh­ri­ge Lerch ist frei­er Jour­na­list. Vie­le Jah­re schrieb er für die lin­ke «Wo­chen­zei­tung» (WOZ). Dort be­treu­te er auch das Dos­sier Psych­ia­trie – mit kri­ti­scher Ein­stel­lung. 2003 ver­fass­te er ei­ne vier­tei­li­ge Se­rie über den All­tag in Münsin­gen, Ti­tel: «Ge­sell­schaft, bit­te mel­den».

Pa­ti­en­ten aus dem bäu­er­li­chen Mi­lieu

Nun war Fre­di Lerch beim PZM als «ein­ge­bet­te­ter Jour­na­list» tä­tig, wie er sagt. Für Fir­men-PR sei er al­ler­dings nicht zu ha­ben ge­we­sen. Not­falls hät­te er die Ar­beit be­en­det und das Ho­no­rar zu­rück­be­zahlt. Doch das sei nicht nö­tig ge­we­sen, sagt er beim Ge­spräch in sei­ner Woh­nung in Bern. «Ich hat­te freie Hand.» Die­se Ar­beit sei sehr lehr­reich und in­ter­es­sant ge­we­sen, nicht nur me­di­zin­his­to­risch, son­dern auch so­zi­al­ge­schicht­lich und kul­tur­his­to­risch. «Das Ein­zugs­ge­biet der Kli­nik ver­läuft vom Ober­land über das Em­men­tal bis in den Obe­ra­ar­gau.» Die Pa­ti­en­ten ka­men vor al­lem aus ei­nem bäu­er­li­chen und klein­ge­werb­li­chen Mi­lieu. «Nur die klei­nen Leu­te ka­men nach Münsin­gen.» Und ih­re Ge­schich­ten sei­en sehr ge­nau auf­ge­schrie­ben wor­den, nicht nur von den be­han­deln­den Ärz­ten, son­dern oft auch vom Pfle­ge­per­so­nal.

Ver­gan­ge­nes Jahr ver­brach­te Lerch vie­le St­un­den in den Kel­ler­räu­men des PZM. Dort la­gern rund 25 000 al­te Pa­ti­en­ten­dos­siers aus der Zeit von 1895 bis in die 1970er-Jah­re. Meh­re­re Tau­send Per­so­nen wur­den in Münsin­gen zwi­schen 1939 und 1988 mit Elek­tro­schocks be­han­delt. «Ich konn­te na­tür­lich un­mög­lich al­le Dos­siers durch­se­hen», sagt Lerch. Al­so wähl­te er per Zu­fall ei­nen Buch­sta­ben und ar­bei­te­te sich durch die Dos­siers. Man­che ka­men zeit­lich nicht in­fra­ge, an­de­re auf­grund der Dia­gno­se. Stiess er hin­ge­gen auf die Ab­kür­zung ES, dann war er rich­tig. Wie bei Em­ma

Her­zog, die in Wirk­lich­keit an­ders hiess.

Der ers­te Elek­tro­schock von Di­rek­tor Mül­ler

En­de 1963 kommt Em­ma Her­zog zum zwei­ten Mal nach Münsin­gen. Sie lä­chelt «kin­disch», fühlt sich als Luft, wei­gert sich, auf die Toi­let­te zu ge­hen. Nach der ers­ten Kur mit vier Elek­tro­schocks «ist die Idee, Luft zu sein, ver­schwun­den». So geht es wei­ter. Es geht ihr schlech­ter, aber nach den Schocks lässt ih­re pa­ni­sche Angst nach. Sie ver­lässt Münsin­gen, kommt wie­der, «wirkt an­triebs­los und af­fek­tiv merk­wür­dig steif mit leb­haf­tem Blick». Elek­tro­schock, Bes­se­rung, Ver­schlech­te­rung. «Vor dem Es­sen kam sie in ei­ne pa­ni­sche Angst we­gen des Tisch­de­ckens und des Ab­wa­schens.»

Schick­sa­le wie die­ses prä­gen Lerchs Buch. Zen­tra­le Fi­gur ist aber Max Mül­ler, Di­rek­tor von 1938 bis 1954 in Münsin­gen. In sei­ner An­fangs­zeit müs­sen in der

Kli­nik schlim­me Zu­stän­de ge­herrscht ha­ben. Sein Sohn Chris­ti­an Mül­ler, spä­ter selbst Psych­ia­ter und Kli­nik­di­rek­tor, be­schrieb sie so: «Sä­le, Kor­ri­do­re, Zim­mer, al­les mit Kran­ken ge­füllt, die her­um­sit­zen, her­um­ste­hen, her­um­wan­dern, rast­los, ru­he­los, es riecht nach Ta­bak, Schweiss und Urin. Zu­sam­men mit dem Ge­ruch von ab­ge­stan­de­ner Sup­pe und Bo­den­wich­se er­gibt sich der un­ver­wech­sel­ba­re An­stalts­ge­ruch.»

In die­sem Um­feld ha­be Mül­ler al­les Mög­li­che ver­sucht, um den Pa­ti­en­ten zu hel­fen, sagt Lerch. Vor al­lem ha­be er sich für kör­per­li­che The­ra­pi­en in­ter­es­siert, et­wa die In­su­lin­schock­the­ra­pie. 1938 lernt er ita­lie­ni­sche Ex­pe­ri­men­te mit dem Elek­tro­schock ken­nen. Im Au­gust 1939 be­an­tragt er beim Kan­ton ei­nen Ap­pa­rat für Elek­tro­schocks. Über Elek­tro­den, die am Kopf be­fes­tigt wer­den, fliesst Strom durchs Ge­hirn. Die The­ra­pie sei güns­tig und ver­mei­de Angst­zu­stän­de. 31. Ok­to­ber 1939, Mül­ler no­tiert: «Heu­te 1.Elek­tro­schock. Mit­tel­schwe­rer An­fall bei 900 Ohm, 80 Volt, 0,1 sc. Schläft nach dem An­fall wäh­rend 10 min., ist nach­her kurz laut, isst dann aber oh­ne Wi­der­stand und gut, was sonst nicht der Fall ist. Nachts wie­der schwatz­haft.» Es ist ei­ner der ers­ten Elek­tro­schocks aus­ser­halb Ita­li­ens. Die The­ra­pie­form ver­brei­tet sich rasch und eta­bliert sich auch in Münsin­gen. Im Lauf der Jahr­zehn­te wer­den Tau­sen­de Elek­tro­schocks durch­ge­führt und Dut­zen­de bei Em­ma Her­zog.

Mehr als 1000 Schocks pro Jahr

Im Som­mer 1968 kommt die Pa­ti­en­tin zum vier­ten Mal nach Münsin­gen. Es geht zu­nächst «recht or­dent­lich», doch im Herbst wer­den wie­der Elek­tro­schocks ver­ord­net, was ei­ne Wei­le wirkt. An­fang 1969 kommt Em­ma Her­zog in die ge­schlos­se­ne Ab­tei­lung, da sie «pfle­ge­risch nicht mehr halt­bar» war. Sie lebt in ei­ner Aus­sen­sta­ti­on, doch «weil sie dort sehr de­pres­siv war, nicht mehr ass, sich nicht mehr selbst an­klei­den konn­te und ei­nen ver­wirr­ten Ein­druck mach­te», wird sie An­fang 1970 wie­der mit Elek­tro­schocks be­han­delt. So geht es wei­ter, bis im Som­mer 1974. Ein Auf und Ab.

Im PZM-Archiv la­gern auch über 1600 Pa­ti­en­ten­kar­ten, auf de­nen sämt­li­che Elek­tro­schocks zwi­schen 1960 und 1988 do­ku­men­tiert sind. Sie zei­gen, dass Frau­en häu­fi­ger mit Elek­tro­schocks the­ra­piert wur­den als Män­ner. Ge­gen­über Lerch sag­te Mar­tin Len­ke, der ab Mit­te der 70er-Jah­re in Münsin­gen als Ober­arzt Elek­tro­schocks durch­führ­te: «Mir geht der bö­se Ge­dan­ke durch den Kopf, dass die vor­wie­gend männ­li­chen Be­hand­ler es für ih­re vor­dring­li­che Auf­ga­be er­ach­te­ten, bei Frau­en die bö­sen Geis­ter aus­zu­trei­ben.» Ei­ne bes­se­re Er­klä­rung ha­be er nicht da­für. Auf dem Hö­he­punkt

«Ich konn­te un­mög­lich al­le Dos­siers durch­se­hen.» Fre­di Lerch Buch­au­tor «Ge­gen­über frü­her brau­chen wir nur ei­nen Bruch­teil der Strom­men­ge.» Chris­ti­an Kämpf

Chef­arzt beim PZM Münsin­gen

«Schläft nach dem An­fall wäh­rend 10 min., ist nach­her kurz laut, isst dann aber oh­ne Wi­der­stand und gut, was sonst nicht der Fall ist. Nachts wie­der schwatz­haft.»

Max Mül­ler

Kli­nik­di­rek­tor, No­tiz zum ers­ten Elek­tro­schock 1939 «Wenn in un­se­rer Ge­sell­schaft we­ni­ger Druck herr­schen wür­de, gä­be es vi­el­leicht et­was we­ni­ger Ein­wei­sun­gen.»

Fre­di Lerch Buch­au­tor

im Jahr 1972 wer­den fast 250 Ku­ren und mehr als 1400 Elek­tro­schocks an­ge­wen­det. Da­nach neh­me die Zah­len rasch ab.

Das The­ma sei «ein­ge­schla­fen», so Be­tei­lig­te, es ha­be zu­neh­mend Pra­xis und Rou­ti­ne ge­fehlt. Len­ke: «Der Zeit­geist war ge­gen die Be­hand­lung.» Die The­ra­pie­form hat­te ein Image­pro­blem. Da­zu dürf­te auch der Film «Ei­ner flog über das Ku­ckucks­nest» bei­ge­tra­gen ha­ben. Aus­ser­dem, sagt Lerch, ha­be auch die Phar­ma­in­dus­trie ein In­ter­es­se an der Ab­set­zung die­ser The­ra­pie ge­habt, um den Markt für ih­re Psy­cho­phar­ma­ka zu ver­grös­sern. 1988 wird in Münsin­gen vor­läu­fig der letz­te Elek­tro­schock an­ge­wen­det. Da lebt Em­ma Her­zog längst nicht mehr.

Kein Skan­dal, son­dern ein me­di­zi­ni­scher Fort­schritt

Im Au­gust 1974, nach Jah­ren mit meh­re­ren Elek­tro­schock­be­hand­lun­gen, er­lei­det die Frau ei­nen Kreis­lauf­kol­laps. Elek­tro­schock «be­kommt der Pat. si­cher nicht gut, so­dass es gut wä­re, wenn man die­se Be­hand­lung nicht mehr bei ihr an­wen­det», heisst es in der Ak­te. Nach 26 Ku­ren mit 107 Schocks ist Schluss. Im fol­gen­den Win­ter lei­det Em­ma Her­zog an hart­nä­cki­gem Fie­ber. Im Früh­ling ist sie «kaum mehr an­sprech­bar». Sie stirbt am 5. März 1975 in der Kli­nik Münsin­gen mit 69 Jah­ren.

Na­tür­lich sei es nicht ge­sund, hun­dert­mal mit Strom ge­schockt zu wer­den, sagt Fre­di Lerch. Er blei­be kri­tisch, se­he aber auch, dass es in man­chen Fäl­len die best­mög­li­che The­ra­pie sein kön­ne, die manch­mal ei­ne spek­ta­ku­lä­re Wir­kung ha­ben kön­ne – wenn auch meis­tens nur vor­über­ge­hend. Was Max Mül­ler 1939 in Münsin­gen ge­macht ha­be, sei kein Skan­dal ge­we­sen, son­dern aus sei­ner da­ma­li­gen Sicht ein me­di­zi­ni­scher Fort­schritt. Und heu­te wer­de die The­ra­pie sehr ge­zielt ein­ge­setzt. Auch in Münsin­gen er­lebt sie ein Come­back – im Jahr 2019 wur­de sie rund 600­mal ein­ge­setzt (vgl. Kas­ten).

Fre­di Lerch war einst ein An­hän­ger der An­ti­psych­ia­trie, psych­ia­tri­sche Kli­ni­ken lehn­te er al­so ab. In der WOZ äus­ser­te er Kri­tik an den In­sti­tu­tio­nen, an der Ka­ser­nie­rung, an der Phar­ma­in­dus­trie. Heu­te sagt er: «Ge­gen­über den kör­per­li­chen The­ra­pi­en wie dem Elek­tro­schock hat­te ich mehr Vor­ur­tei­le als Wis­sen.» Psych­ia­tri­sche Kli­ni­ken mach­ten nur das, was die Ge­sell­schaft von ih­nen ver­lan­ge: Die Auf­fäl­li­gen nor­ma­li­sie­ren. «Wenn in un­se­rer Ge­sell­schaft we­ni­ger Druck herr­schen wür­de, gä­be es vi­el­leicht et­was we­ni­ger Ein­wei­sun­gen.»

Fre­di Lerch: «The­ra­peu­ti­scher Wil­le un­ter Strom – Die Ge­schich­te des Elek­tro­schocks in der Hei­lund Pfle­ge­an­stalt Münsin­gen». Her­aus­ge­ge­ben vom PZM Münsin­gen.

Foto: Paul Senn / FFV, Kunst­mu­se­um Bern, Dep. GKS. © GKS

Elek­tro­schock­be­hand­lung in den 1940er-Jah­ren, ver­mut­lich in der Heil- und Pfle­ge­an­stalt Wal­dau in Bern.

Fotos: Micha­el Fund / PZM

So sieht heu­te ein Be­hand­lungs­zim­mer für die Elek­tro­kon­vul­si­ons­the­ra­pie aus.

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Ge­rät aus der his­to­ri­schen PZM-Samm­lung.

Fre­di Lerch

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