Zweit­woh­nun­gen: Der Kan­ton pfeift Ring­gen­berg zu­rück

Ein pri­va­ter Haus­ei­gen­tü­mer ak­zep­tiert ei­ne Ver­fü­gung der Ge­mein­de nicht und re­kur­riert beim Kan­ton. Letz­te­rer gibt dem Be­schwer­de­füh­rer recht.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Hans Ur­fer

Wer sei­ne Woh­nung oder sein Haus in­fol­ge Ab­we­sen­heit über ei­ne Bu­chungs­platt­form wie Airb­nb ver­mie­tet, hat ei­ne Bau­be­wil­li­gung zu be­an­tra­gen. Er muss zu­dem die Um­nut­zung ins

Grund­buch ein­tra­gen las­sen. Die­se Po­si­ti­on ver­tritt die Ge­mein­de Ring­gen­berg und stützt ih­re Hal­tung auf die er­las­se­ne Pla­nungs­zo­ne.

Wer sich nicht dar­an hält, hat mit ei­ner so­gen ann­tenWied er her­stel­lungs ver­fü­gung zu­rech­nen. Letz­te­res wi­der­fuhr zwei Grund- und ei­nem Haus­ei­gen­tü­mer in Golds­wil. Im Fal­le des Haus­ei­gen­tü­mers kam die ber­ni­sche Bau- und Ver­kehrs­di­rek­ti­on zum Schluss, dass der Be­schwer­de­füh­rer glaub­haft dar­ge­legt hat, sei­nen Le­bens­mit­tel­punkt

in der Ge­mein­de nicht ver­las­sen zu ha­ben – ob­schon er in den Som­mer­mo­na­ten 2019 sei­nen Wohn­sitz in ei­ne an­de­re Ge­mein­de ver­legt und das Haus in Golds­wil über die Bu­chungs­platt­form Airb­nb ver­mie­tet hat.

«Kan­ton pfeift Ge­mein­de zu­rück» ti­tel­te die­se Zei­tung am ers­ten Fe­bru­ar­tag die­ses Jah­res. Zwei Be­schwer­de­füh­rer hat­ten ei­ne Ver­fü­gung der Ge­mein­de Ring­gen­berg be­treffs Ver­let­zung der Pla­nungs­zo­ne (Zweit­woh­nungs­nut­zung) nicht ak­zep­tiert und die­se bei der Bau- und Ver­kehrs­di­rek­ti­on des Kan­tons Bern (BVD) an­ge­foch­ten. Und hat­ten Er­folg, wie dem En­de Ja­nu­ar pu­bli­zier­ten Ent­scheid der BVD zu ent­neh­men war (wir be­rich­te­ten). Nur we­ni­ge Ta­ge spä­ter macht die glei­che Di­rek­ti­on ei­nen zwei­ten Ent­scheid zur sel­ben The­ma­tik pu­blik. Re­sul­tat: Er­neut blitzt die Ge­mein­de Ring­gen­berg ab.

Der Sach­ver­halt

Die Vor­ge­schich­te: Zur Über­prü­fung sämt­li­cher zu­läs­si­gen Wohn­nut­zun­gen im Hin­blick auf die Be­schrän­kung von Zweit­woh­nun­gen er­liess die Ge­mein­de im März 2019 fürs gan­ze Ge­mein­de­ge­biet ei­ne Pla­nungs­zo­ne «Zweit­woh­nun­gen». An­schlies­send hat die Ge­mein­de Ring­gen­berg fest­ge­stellt, dass der Be­schwer­de­füh­rer sein Ein­fa­mi­li­en­haus in Golds­wil über die Bu­chungs­platt­form Airb­nb ver­mie­tet. Im Ju­ni, Ju­li und Au­gust 2019 sei das Haus bei­na­he voll­stän­dig aus­ge­bucht ge­we­sen, und auch im Sep­tem­ber 2019 sei das Haus be­reits zu mehr als zur Hälf­te aus­ge­bucht – auch am Wo­che­n­en­de, ist im Ent­scheid der BVD nach­zu­le­sen. Dem­ent­spre­chend wer­de das Haus «dau­ernd» zur Zweit­woh­nungs­be­nut­zung an­ge­bo­ten. Dies stel­le ge­mäss Pla­nungs­zo­ne ei­ne «bau­be­wil­li­gungs­pflich­ti­ge Um­nut­zung» dar, und die Ge­mein­de ver­füg­te, dass der Ei­gen­tü­mer per En­de Ok­to­ber 2019 die Nut­zung und Be­wirt­schaf­tung der Woh­nun­gen als Zweit­woh­nun­gen ein­zu­stel­len hat. Zu­dem sei das Ver­bot der Be­nut­zung als Zweit­woh­nung im Grund­buch ein­zu­tra­gen. Die Ge­mein­de stell­te sich fer­ner auf den Standpunkt, dass es un­er­heb­lich ist, dass der Be­schwer­de­füh­rer schrif­ten­po­li­zei­lich noch im­mer in der Ge­mein­de ge­mel­det ist.

«Die Bau- und Ver­kehrs­di­rek­ti­on sieht kei­nen Grund, die­se glaub­haf­ten Aus­füh­run­gen an­zu­zwei­feln.» Aus dem Ent­scheid der Di­rek­ti­on

Mit­tel­punkt in Ge­mein­de

Dies schluck­te der Haus­ei­gen­tü­mer nicht und focht dieWi eder her­stel­lungs ver­fü­gung bei­der kan­to­na­lenB au-und Ver­kehrs di­rek­ti­on an. Der Be­schwer­de füh­rer ar­gu­men­tier­te, er woh­ne mit sei­ner Frau und sei­ner Toch­ter seit 17 Jah­ren im be­tref­fen­den Haus, und sie sei­en seit­her in der Ge­mein­de Ring gen berg schrif­ten po­li­zei­lich ge­mel­det. Sie hät­ten das Haus als Fa­mi­li­en­woh­nung ge­baut und wür­den über kei­ne wei­te­ren Lie­gen­schaf­ten oder Woh­nun­gen ver­fü­gen. Der Le­bens­mit­tel­punkt der gan­zen Fa­mi­lie lie­ge dort. Die vier­mo­na­ti­ge Aus­zeit über die Som­mer­mo­na­te 2019 sei Fol­ge ei­nes schwe­ren Un­falls sei­ner Frau mit gra­vie­ren­den Fol­ge­schä­den. Die­se Kur- und Aus­zeit in ei­ner klei­nen Miet­woh­nung in ei­ner an­de­ren Ge­mein­de als Ring­gen­berg sei von Be­ginn an be­fris­tet ge­we­sen. Spä­tes­tens am 1. Ok­to­ber 2019 wür­den sie wie­der dau­ernd in das Haus in Ring­gen­berg zu­rück­keh­ren.

Die BVD sieht kei­nen Grund, die­se glaub­haf­ten Aus­füh­run­gen an­zu­zwei­feln, zu­mal die­se Aus­sa­gen ge­mäss der Di­rek­ti­on «auch von der Ge­mein­de im Rah­men

des Be­schwer­de­ver­fah­rens nicht be­strit­ten wer­den.»

Die Di­rek­ti­on kommt zum Schluss, dass der Be­schwer­de­füh­rer und sei­ne Frau ih­ren Wohn­sitz nach wie vor im Ein­fa­mi­li­en­haus in Golds­wil/Ring­gen­berg ha­ben und es sich da­her bei die­sem Haus – ent­ge­gen der An­sicht der Ge­mein­de – noch im­mer um ei­ne Erst­woh­nung han­delt. Die bloss zeit­wei­se Ver­mie­tung des Hau­ses wäh­rend ei­ner ein­ma­li­gen und be­fris­te­ten Pe­ri­ode von vier Mo­na­ten über Airb­nb än­de­re dar­an nichts. Dar­aus las­se sich da­her auch nicht ab­lei­ten, dass ei­ne Nut­zungs­än­de­rung von ei­ner Erst- in ei­ne Zweit­woh­nung statt­ge­fun­den hät­te. Da es sich wei­ter­hin um ei­ne Erst­woh­nung hand­le und da­mit kei­ne Um­nut­zung statt­ge­fun­den ha­be, las­se sich das von der Ge­mein­de ver­füg­te Ver­bot der Nut­zung und Be­wirt­schaf­tung des Ein­fa­mi­li­en­hau­ses als Zweit­woh­nung nicht mit der er­las­se­nen Pla­nungs­zo­ne be­grün­den.

Beim Ein­fa­mi­li­en­haus han­delt es sich wei­ter­hin um ei­ne Erst­woh­nung, ei­ne Um­nut­zung zu ei­ner Zweit­woh­nung fand nicht statt, kommt die BVD zum Schluss. Da­mit sei nichts un­ter­nom­men wor­den, was den Pla­nungs­zweck der er­las­se­nen

Pla­nungs­zo­ne, näm­lich die Über­prü­fung sämt­li­cher Wohn­nut­zun­gen im Hin­blick auf die Be­schrän­kung von Zweit­woh­nun­gen, be­ein­träch­ti­gen könn­te. Die Wi eder her­stel­lungs ver­fü­gung der Ge­mein­de vom 26. Au­gust 2019 sei da­her auf­zu­he­ben.

Die Ge­mein­de muss dem Be­schwer­de­füh­rer die Par­tei­kos­ten von 4448.55 Fran­ken er­set­zen.

Schutz der Ein­hei­mi­schen

Ring­gen­bergs Ge­mein­de­prä­si­dent Sa­mu­el Zur­bu­chen wie­der­holt auf An­fra­ge sei­ne Stel­lung­nah­me von An­fang Fe­bru­ar, wo­nach die Ge­mein­de ju­ris­tisch nicht gut be­ra­ten wor­den war. Nach Er­lass der Pla­nungs­zo­ne, die auch zum Schut­ze der ein­hei­mi­schen Be­völ­ke­rung zwecks des Fort­be­stands er­schwing­li­cher Mie­ten ge­schaf­fen wor­den sei, ha­be man zwei Wie­der­her­stel­lun­gen ver­fügt. Bei­de sind nun vom Kan­ton auf­ge­ho­ben wor­den. Nichts­des­to­trotz will Ring­gen­berg die Zweit­woh­nungs­ent­wick­lung bes­ser steu­ern und hat die Re­vi­si­on des Bau­re­gle­ments in Ar­beit (wir be­rich­te­ten).

Die Auf­he­bung der bei­den Ver­fü­gun­gen wird die Ge­mein­de ge­mäss de­ren Prä­si­dent Sa­mu­el Zur­bu­chen nicht vor Ver­wal­tungs­ge­richt an­fech­ten.

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