Bun­des­rat zieht bei Pes­ti­zi­den die Schrau­be an

Der Bun­des­rat ver­sucht, die bei­den Pes­ti­zid­in­itia­ti­ven aus­zu­brem­sen.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Ste­fan Hä­ne

Die Land­wirt­schaft soll öko­lo­gi­scher wer­den. Agrar­mi­nis­ter Guy Par­me­lin hat ges­tern die Plä­ne des Bun­des­rats für die neue Agrar­po­li­tik ab 2022 prä­sen­tiert. Ein gan­zes Bün­del von Mass­nah­men soll si­cher­stel­len, dass die Stick­stoffund Phos­phor­be­las­tung bis 2030 um 20 Pro­zent sinkt, eben­so der Ein­trag von Pes­ti­zi­den in Ge­wäs­ser und Bö­den. Da­zu sol­len nicht nur Pes­ti­zi­de mit ei­nem «un­an­nehm­ba­ren» Ri­si­ko für Mensch oder Um­welt vom Markt ver­schwin­den, son­dern auch je­ne mit ei­nem nur «er­höh­ten» Ri­si­ko. So­dann hat die Wirt­schafts­kom­mis­si­on des Stän­de­rats ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Initia­ti­ve ver­ab­schie­det, die bis 2027 die Ri­si­ken beim Pes­ti­zid­ein­satz hal­bie­ren möch­te – mit ge­setz­lich bin­den­den Vor­ga­ben. Bei­de Pa­ke­te zu­sam­men­ge­schnürt sol­len die bei­den hän­gi­gen Pes­ti­zid­in­itia­ti­ven aus­brem­sen. Doch Fran­zis­ka Her­ren, die Pro­mo­to­rin der Trink­was­ser­initia­ti­ve, be­ur­teilt die­se Vor­schlä­ge als un­zu­rei­chend.

Öko­lo­gi­scher und kli­ma­scho­nen­der: Auf die­se For­mel lässt sich ein­damp­fen, was der Bun­des­rat in sei­ner 250 Sei­ten star­ken Bot­schaft zur Agrar­po­li­tik ab 2022 (AP22+) dar­legt. «Die Vor­la­ge trägt den An­lie­gen der Be­völ­ke­rung Rech­nung», sag­te Agrar­mi­nis­ter Guy Par­me­lin (SVP) ges­tern vor den Me­di­en.

Neu soll die Land­wirt­schaft ei­nen Bei­trag zum Kli­ma­schutz leis­ten. Heu­te ist sie für knapp 15 Pro­zent der Treib­haus­gas­emis­sio­nen in der Schweiz ver­ant­wort­lich. Bis 2030 soll sie im Ver­gleich zu 1990 ih­ren Aus­stoss um 20 bis 25 Pro­zent sen­ken. Kli­ma­freund­li­cher pro­du­zie­ren sol­len die Bau­ern, in­dem sie die Nähr­stoff­ver­lus­te be­gren­zen, die «Nut­zungs­dau­er» der Kü­he ver­län­gern, dank fi­nan­zi­el­len An­rei­zen auf Al­ter­na­ti­ven zu fos­si­len Ener­gie­trä­gern set­zen und die Koh­len­stoffspei­che­rung in den Bö­den ver­bes­sern.

Mit der Re­form will der Bun­des­rat aber nicht nur sei­ne Kli­ma­po­li­tik stär­ken. Er ver­sucht auch, zwei Volks­in­itia­ti­ven aus­zu­brem­sen: zum ei­nen die Pes­ti­zid­in­itia­ti­ve, die ein Ver­bot syn­the­ti­scher Pes­ti­zi­de ver­langt. Zum an­de­ren die Trink­was­ser­initia­ti­ve, die mit ei­nem Fi­nanz­he­bel die Land­wirt­schaft um­pflü­gen will: Neu sol­len nur noch je­ne Bau­ern Sub­ven­tio­nen er­hal­ten, die auf Pes­ti­zi­de ver­zich­ten, eben­so auf An­ti­bio­ti­ka in der Tier­hal­tung und zu­ge­kauf­tes Fut­ter.

Ver­stös­se schnel­ler ahn­den

Der Bun­des­rat setzt beim öko­lo­gi­schen Leis­tungs­nach­weis an, den je­der Bau­er, der Di­rekt­zah­lun­gen er­hal­ten will, er­fül­len muss. Die­se Land­wir­te dür­fen Pes­ti­zi­de, von de­nen ein «er­höh­tes Ri­si­ko» aus­geht, künf­tig nicht mehr ver­wen­den, aus­ser es sei­en kei­ne al­ter­na­ti­ven Lö­sun­gen zum Schutz der Kul­tu­ren vor­han­den. Je­ne Pes­ti­zi­de mit ei­nem «un­an­nehm­ba­ren» Ri­si­ko für Mensch oder Um­welt sol­len laut Bun­des­rat oh­ne­hin vom Markt ver­schwin­den.

Agro­scope, die land­wirt­schaft­li­che For­schungs­an­stalt des Bun­des, muss nun für al­le zu­ge­las­se­nen Wirkstoffe das Ri­si­ko­po­ten­zi­al er­mit­teln und für die pro­blo­ma­ti­schen un­ter ih­nen Al­ter­na­ti­ven su­chen. Die Bau­ern ih­rer­seits müs­sen da­für sor­gen, dass deut­lich ge­rin­ge­re Pes­ti­zid­men­gen als heu­te vom

Hof oder Feld in Ge­wäs­ser und Bö­den ver­si­ckern, et­wa bei der Rei­ni­gung von Spritz­ge­rä­ten.

Die Schrau­be an­zie­hen will der Bun­des­rat auch bei Ver­stös­sen ge­gen die Ge­wäs­ser­schutz­ge­setz­ge­bung. Um die Di­rekt­zah­lun­gen zu kür­zen, braucht es heu­te ei­nen rechts­kräf­ti­gen Ent­scheid oder ei­ne Ver­fü­gung, künf­tig soll es ge­nü­gen, wenn Kon­trol­leu­re vor Ort den «Man­gel» fest­stel­len.

Der Bun­des­rat will auch bei den Nähr­stof­fen han­deln. Mit ei­nem ver­bind­li­chen Ab­senk­pfad will er dar­auf hin­wir­ken, dass die Stick­stoffund Phos­phor­über­schüs­se bis 2025 um 10 Pro­zent und bis 2030 um 20 Pro­zent sin­ken. In der Pflicht sieht der Bun­des­rat da­bei die Bran­chen­or­ga­ni­sa­tio­nen. Erst wenn sich ab­zeich­nen soll­te, dass die Zie­le un­er­reicht blei­ben, will er 2025 auf dem Ver­ord­nungs­weg zu­sätz­li­che Mass­nah­men er­grei­fen.

Kei­ne ver­bind­li­chen Re­duk­ti­ons­vor­ga­ben sieht der Bun­des­rat da­ge­gen bei den Pes­ti­zi­den vor. Er über­lässt hier das Zep­ter dem Par­la­ment. Ei­nen ers­ten Pflock hat die Wirt­schafts­kom­mis­si­on des Stän­de­rats am Mon­tag ein­ge­schla­gen – mit ei­ner par­la­men­ta­ri­schen Initia­ti­ve, die sie ein­stim­mig gut­ge­heis­sen hat. Die Stän­de­rä­te wol­len die Zie­le des bun­des­rät­li­chen Ak­ti­ons­plans Pflan­zen­schutz­mit­tel ver­bind­lich auf Ge­set­zes­stu­fe ver­an­kern. Kon­kret sol­len die

Ri­si­ken des Ein­sat­zes von Pes­ti­zi­den bis 2027 um 50 Pro­zent sin­ken. Da­bei sol­len die be­trof­fe­nen Ak­teu­re – nebst den Bau­ern sind das pri­va­te An­wen­der und die öf­fent­li­che Hand – die Mass­nah­men «in ers­ter Li­nie sel­ber de­fi­nie­ren». Erst wenn die Zie­le nicht er­reicht wer­den, soll der Bun­des­rat «wei­ter­füh­ren­de Mass­nah­men um­set­zen müs­sen», heisst es im er­läu­tern­den Be­richt zur par­la­men­ta­ri­schen Initia­ti­ve der Kom­mis­si­on.

Rück­läu­fi­ger Trend

Ins­ge­samt wähnt sich der Bun­des­rat auf gu­tem Weg. «Wir wol­len die Um­welt­be­las­tung ver­bind­lich wei­ter re­du­zie­ren», so SVP-Ma­gis­trat Par­me­lin. Die bun­des­rät­li­che Zu­ver­sicht ist nicht zu­letzt ei­ne Fol­ge der rück­läu­fi­gen Ver­kaufs­zah­len bei je­nen Pes­ti­zi­den, die Bau­ern aus­schliess­lich in der kon­ven­tio­nel­len Land­wirt­schaft an­wen­den dür­fen. Nach oben zeigt der Pfeil da­für bei den Wirk­stof­fen, die in der Bio­land­wirt­schaft er­laubt sind.

Das Par­la­ment wird wohl bei­de Ge­schäf­te – al­so die AP22+ und die par­la­men­ta­ri­sche Initia­ti­ve der Wirt­schafts­kom­mis­si­on – ge­mein­sam be­ra­ten. Dies wird laut Fahrplan des Bun­des­rats 2021 der Fall sein. Die Ab­stim­mung über die bei­den Volks­be­geh­ren soll aber noch heu­er statt­fin­den. Bleibt es da­bei, wird die Be­völ­ke­rung über die Initia­ti­ven be­fin­den, oh­ne dass sie weiss, ob die nun ge­plan­ten Ver­schär­fun­gen tat­säch­lich um­ge­setzt wer­den.

«Die­ses Vor­ge­hen zeigt, dass die Be­völ­ke­rung nicht ernst ge­nom­men wird», kri­ti­siert Fran­zis­ka Her­ren, Pro­mo­to­rin der Trink­was­ser­initia­ti­ve. Die Vor­schlä­ge des Bun­des­rats und auch je­ne der Stän­de­rä­te ge­hen ihr zu we­nig weit. «Sie füh­ren nicht da­zu, dass die Um­welt­zie­le er­reicht wer­den kön­nen, und schüt­zen die Ge­sund­heit der Be­völ­ke­rung viel zu we­nig.» Die Trink­was­ser­initia­ti­ve wol­le ei­nen grund­le­gen­den Wan­del. Ein Rück­zug des Be­geh­rens kommt für die Initi­an­ten des­halb nicht in­fra­ge.

Foto: Keystone

Wer künf­tig Di­rekt­zah­lun­gen will, muss den Pes­ti­zid­ein­satz ein­schrän­ken: Schäd­lings­be­kämp­fung in ei­nem Wal­li­ser Reb­berg.

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