Un­ge­lös­te Kri­mi­nal­fäl­le im Kan­ton Bern

Ein Bei­zen­gän­ger fin­det in ei­ner Ok­to­ber­nacht 1993 den streit­ba­ren Burg­dor­fer J. in sei­nem Blut. Der 72-Jäh­ri­ge stirbt im Spi­tal. Auf­takt zu un­se­rer Se­rie über bis heu­te un­ge­lös­te Kri­mi­nal­fäl­le.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Chan­tal Des­biol­les

Ein Bei­zen­gän­ger fin­det in ei­ner Ok­to­ber­nacht 1993 den streit­ba­ren Burg­dor­fer J. in sei­nem Blut. Der Fall bil­det den Auf­takt zu ei­ner mehr­tei­li­gen Se­rie über un­ge­lös­te Ber­ner Kri­mi­nal­fäl­le.

Im­mer wenn er die Trep­pen­stu­fen von der Un­ter- in die Ober­stadt hoch­steigt, be­fällt Pe­ter Urech ei­ne Er­in­ne­rung. Sie hat wäh­rend fast drei­er Jahr­zehn­te an Deut­lich­keit ver­lo­ren, ist an den Rän­dern un­scharf ge­wor­den. Aber sie ist ge­gen­wär­tig ge­blie­ben. Was ihn frü­her drän­gen­der be­fiel, ist heu­te noch ei­ne lei­se Re­mi­nis­zenz.

Urech vzieht die Kap­pe über sei­ne Oh­ren und schaut auf hal­bem Weg zu­rück. Er wirkt ver­lo­ren auf der Trep­pe, als er ver­sucht, sich De­tails in Er­in­ne­rung zu ru­fen, wäh­rend un­ter ihm ein Wa­gen über die Pflas­ter­stei­ne im Stal­den­chehr rum­pelt. Was ge­nau hier am 24. Ok­to­ber 1993 qua­si vor sei­ner Haus­tü­re ge­schah: Der in­zwi­schen pen­sio­nier­te Ge­richts­prä­si­dent aus Burg­dorf hat es nie her­aus­ge­fun­den.

Der be­son­ne­ne Urech ver­gleicht das Ge­fühl da­mit, an ei­nem frü­he­ren Wohn­ort vor­bei­zu­ge­hen. Es ist die Er­in­ne­rung des Straf­ver­fol­gers an ein Tö­tungs­de­likt, das er nicht auf­klä­ren konn­te. Dass sie ihn nicht un­ent­wegt plagt, fin­det der pen­sio­nier­te Ge­richts­prä­si­dent nicht er­staun­lich. «Oh­ne ei­ne ge­sun­de Mi­schung aus Em­pa­thie und Dis­tanz», sagt Urech, «hät­te ich die­sen Job nicht ma­chen kön­nen.» Und ge­tan ha­be er sei­ne Ar­beit nicht al­lein. Er­mitt­lun­gen sei­en im­mer Team­ar­beit, sin­niert der 65-Jäh­ri­ge, den Blick auf die Stu­fen ge­senkt. Ist er ge­kränkt? Nein, ei­gent­lich nicht.

«Es ist be­frem­dend, dass trotz des re­gen Be­triebs in der Ober­stadt nie­mand et­was ge­se­hen ha­ben will.» Pe­ter Urech lang­jäh­ri­ger Un­ter­su­chungs­rich­ter und Ge­richts­prä­si­dent

Wäh­rend drei­er Ta­ge blieb der Ver­letz­te un­be­kannt

Den Mann mit dem zer­schla­ge­nen Ge­sicht fin­det ein ein­sa­mer Bei­zen­gän­ger in die­ser Sonn­tag­nacht auf just die­ser Trep­pe kurz nach 2 Uhr. Nicht nur er glaubt erst ei­nen ver­un­fall­ten Fuss­gän­ger vor sich zu ha­ben, der zu tief ins Glas schau­te und un­ter­wegs ei­nen Tritt ver­fehl­te. Die Ger­bern-Wir­tin, alar­miert von die­sem Bei­zen­gän­ger, der kurz ih­ren Hund in der Nach­bar­schaft aus­führt und da­für ein Bier er­hält, ruft die Po­li­zei.

Der Be­wusst­lo­se at­met un­re­gel­mäs­sig. Weil er kei­nen Ausweis bei sich trägt, bleibt sei­ne Iden­ti­tät im Dun­keln. Es soll­te fast drei Ta­ge dau­ern, bis der Ver­letz­te über sei­ne Fin­ger­ab­drü­cke iden­ti­fi­ziert wer­den kann. Zeu­gen mel­den sich auf die Auf­ru­fe in den Lo­kal­blät­tern kei­ne – ob­schon der Na­me des Ver­un­fal­len ge­nannt wird. Oder ge­ra­de des­we­gen?

Es macht je­den­falls im Stedt­li schnell die Run­de, dass in Burg­dorf ein Stadt­o­ri­gi­nal ver­un­fall­te. Der 72-Jäh­ri­ge ist in den Bei­zen be­kannt als re­gel­mäs­si­ger und streit­ba­rer Gast, der auch mal ei­nen Drink sprin­gen lässt und sich für jun­ge Män­ner in­ter­es­siert. Im «Schar­fen Eg­ge» bei­spiels­wei­se woll­te ihn der Wirt nicht mehr se­hen, nach­dem er ei­ne Frau als Nut­te be­zeich­net hat­te.

Was nach ei­nem Un­fall aus­sah, war kei­ner

Die Un­fall­the­se hält sich nicht lan­ge. Zwar hat der Ver­un­fall­te nicht ge­ra­de we­nig Al­ko­hol in­tus. Doch hef­ti­ge Schlä­ge, nicht ein Sturz sind Ur­sa­che sei­ner

Kopf­ver­let­zun­gen. Das stel­len die Ärz­te im In­sel­spi­tal fest, wo­hin der Schwer­ver­letz­te ge­bracht wur­de. In der Zwi­schen­zeit spü­len em­si­ge Stadt­po­li­zis­ten die Blut­la­che von der Trep­pe. Nicht ah­nend, dass die­se Spu­ren in ei­nem Ver­fah­ren we­gen schwe­rer Kör­per­ver­let­zung und mög­li­cher­wei­se auch Raub ei­ne Rol­le spie­len könn­ten. An die­se De­tails kann sich Pe­ter Urech

jetzt an die­sem Win­ter­nach­mit­tag auf der son­nen­be­schie­ne­nen Trep­pe nicht er­in­nern, selbst wenn er woll­te. Als Un­ter­su­chungs­rich­ter ist er in die­ser Nacht vor bald 27 Jah­ren nicht am Tat­ort, er kommt erst spä­ter als Re­gis­seur der Un­ter­su­chun­gen ins Spiel. Aber das Wetter an be­sag­tem Abend, das kann er re­kon­stru­ie­ren. Die Ok­to­ber­nacht müs­se lau ge­we­sen sein, weil viel Be­trieb in der Ober­stadt ge­herrscht ha­be. «Es ist be­frem­dend, dass trotz­dem nie­mand et­was ge­se­hen ha­ben will.»

Fal­sche Na­men und die Mau­er des Schwei­gens

Die Er­mitt­lun­gen ver­lau­fen von An­fang an har­zig. Die Fress­zet­tel mit Vor­na­men und Te­le­fon­num­mern, die sich in sei­ner Woh­nung ei­nen Kat­zen­sprung vom Tat­ort weg zu­hauf fin­den, be­sche­ren den Po­li­zis­ten ei­ne auf­wen­di­ge Um­feld­re­cher­che. De­ren Re­sul­ta­te sind er­nüch­ternd: Die Be­kann­ten be­strei­ten mehr­heit­lich, über­haupt sol­che zu sein. Im Spi­tal ru­fen Leu­te an, um sich nach dem Ge­sund­heits­zu­stand des Ko­ma­pa­ti­en­ten zu er­kun­di­gen. Ei­ni­ge kann die Po­li­zei nicht aus­fin­dig ma­chen, min­des­tens ei­ner hat ei­nen fal­schen Na­men an­ge­ge­ben.

Das hat da­mit zu tun, dass sich die Er­mitt­ler in ei­ner ver­schwie­ge­nen Par­al­lel­welt be­we­gen, die nach ei­ge­nen Ge­set­zen funk­tio­niert. «Es gab Hin­wei­se auf das Stri­cher­mi­lieu», sagt Urech. Und Er­mitt­lun­gen im Mi­lieu sei­en ge­ne­rell ganz schwie­rig, was Aus­sa­ge­ver­hal­ten wie Auf­klä­rungs­quo­ten an­ge­he. «Man stösst an ei­ne Mau­er des Schwei­gens.» Die Fal­l­ak­ten zeu­gen da­von: Zwar wächst der Pa­pier­sta­pel mit je­der Be­fra­gung, aber neue Er­kennt­nis­se sind nicht dar­un­ter.

Der Schwu­le mit jun­gen Leu­ten im Schlepp­tau

Zwei Tä­ter müs­sen J. nie­der­ge­schla­gen ha­ben, da­von geht Urech aus. In den Ak­ten fin­den sich we­der die Ver­mu­tun­gen zum Um­feld noch zu den Tä­tern. Le­dig­lich ei­ne Nach­ba­rin nimmt kein Blatt vor den Mund. J. sei schwul, gibt sie zu Pro­to­koll. Sie be­ob­ach­te­te, dass der Ver­un­fall­te je­weils spät­abends heim­kehr­te, nicht sel­ten laut­stark und mit jun­gen Leu­ten im Schlepp­tau.

Ins Vi­sier der Po­li­zei ge­rät als mög­li­cher Ver­däch­ti­ger auch je­ner Bei­zen­gän­ger, der den Schwer­ver­letz­ten auf dem Weg in die Ger­bern ent­deck­te. Dass sich der Mann, als die Po­li­zei ver­stän­digt war, ein­fach da­von­mach­te, weckt Miss­trau­en. Er gibt an, dass er in ei­nem an­de­ren Lo­kal mit Kol­le­gen ver­ab­re­det war.

Sein Te­le­fon wird spä­ter ab­ge­hört wie meh­re­re an­de­re An­schlüs­se auch. Doch der Ver­dacht er­här­tet sich nicht. Der Fall fällt in sich zu­sam­men wie ein Souf­flé. Mehr als heis­se Luft bleibt nicht.

Die Ak­ten zeich­nen das Bild ei­nes ein­sa­men Cho­le­ri­kers

Konn­te J. ei­nen jun­gen Stri­cher nicht be­zah­len? Oder trug er viel Geld auf sich, was ihm zum Ver­häng­nis wur­de? Kann es sein, dass Schwu­len­has­ser hand­greif­lich wur­den? Es sind Fra­gen, auf die Urech kei­ne Ant­wort mehr fin­den wird. Das hält sei­ne Er­in­ne­rung wach, so wie der Tat­ort, der qua­si vor sei­ner Haus­tü­re liegt. Die Um­stän­de der Tat ha­ben von Be­ginn an ge­gen ihn ge­spielt.

Je­ne, die J. zu ken­nen be­ken­nen, zeich­nen das Bild ei­nes Cho­le­ri­kers, mal an­leh­nungs­be­dürf­tig, dann wie­der aus­fäl­lig. Er ist ge­schie­den, steht da, aus­ser­dem Va­ter ei­nes nicht auf­find­ba­ren Soh­nes. Er lebt ab­seits der Aus­schwei­fun­gen das Le­ben ei­nes ein­sa­men Men­schen.

J. stirbt kei­ne drei Mo­na­te nach der Tat an den Fol­gen sei­ner schwe­ren Kopf­ver­let­zun­gen.

Gut zwei Wo­chen spä­ter stellt Urech den An­trag. Das Ver­fah­ren, das trotz Hun­der­ter St­un­den Ar­beit im Sand ver­lau­fen ist, wird ein­ge­stellt. Ge­blie­ben ist die Er­in­ne­rung, die Pe­ter Urech noch heu­te auf der Trep­pe be­fällt.

«Oh­ne ei­ne ge­sun­de Mi­schung aus Em­pa­thie und Dis­tanz hät­te ich die­sen Job nicht ma­chen kön­nen.»

Pe­ter Urech

Auf der Trep­pe von der Burg­dor­fer Un­ter- in die Ober­stadt wur­de vor über 26 Jah­ren ein Mann töd­lich at­ta­ckiert.

Illustrati­on: Ka­rin Wid­mer

Der Fall ist bis heu­te ein un­ge­lös­tes Rät­sel

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