Ge­heim­dienst­auf­sicht nimmt Zü­gel in Hand

Wer soll die Ge­heim­dien­staf­fä­re auf­klä­ren? Und wie vie­le Un­ter­su­chun­gen braucht das Land? In Bern ist Hek­tik aus­ge­bro­chen. Zu spü­ren be­kommt das der Bun­des­rat. Er wird von den Auf­pas­sern des Par­la­ments öf­fent­lich ge­de­mü­tigt.

Berner Oberlander - - Vorderseit­e - Chris­toph Lenz

Die Ge­schäfts­prü­fungs­de­le­ga­ti­on des Par­la­ments liess ges­tern nichts an­bren­nen: Sie ent­schied un­ter Lei­tung von Al­f­red Heer (SVP) ein­stim­mig, so­fort ei­ne for­mel­le In­spek­ti­on zu er­öff­nen.

«Wir wol­len kein Kom­pe­tenz­ge­ran­gel», sag­te Al­f­red Heer, Prä­si­dent der Ge­heim­dienst­auf­sicht des Par­la­ments, ges­tern Nach­mit­tag. Aber da war das Ger­an­gel schon in vol­lem Gan­ge.

48 St­un­den nach den ers­ten Ent­hül­lun­gen über die Zu­ger Cryp­to AG ist der Schock in Bun­des­bern in Hek­tik um­ge­schla­gen. In Par­tei­zen­tra­len und Sit­zungs­zim­mern wird dis­ku­tiert, wie die Af­fä­re am ef­fek­tivs­ten auf­ge­klärt und me­di­al am vor­teil­haf­tes­ten be­wirt­schaf­tet wer­den kann. Die Fra­gen: Wer führt die Un­ter­su­chung? Bis wann? Mit wel­chem Fo­kus?

Ein Skan­dal, zwei Un­ter­su­chun­gen

Die Ge­schäfts­prü­fungs­de­le­ga­ti­on (GPDel) um Prä­si­dent Al­f­red Heer (SVP, ZH) mach­te ges­tern mit ei­nem Blitz­ma­nö­ver den ers­ten Zug. An ei­ner kurz­fris­tig an­be­raum­ten Sit­zung ent­schied sie ein­stim­mig, so­fort ei­ne for­mel­le In­spek­ti­on zu er­öff­nen. Das sechs­köp­fi­ge Gre­mi­um will un­ter­su­chen, was Bun­des­rat und Nach­rich­ten­dienst dar­über wuss­ten, dass die CIA und der deut­sche Ge­heim­dienst ab 1970 über die Cryp­to AG die hal­be Welt mit ma­ni­pu­lier­ten Chif­frier­ge­rä­ten be­dien­ten und die Kom­mu­ni­ka­ti­on von Freund und Feind sys­te­ma­tisch be­lausch­ten. «Ver­mut­lich schon nächs­te Wo­che wer­den wir mit der Ar­beit be­gin­nen», sag­te Heer.

Da­mit gibt es nun be­reits zwei prak­tisch iden­ti­sche Un­ter­su­chun­gen.

Alt-Bun­des­rich­ter Ni­k­laus Ober­hol­zer ver­sucht be­reits seit Mit­te Ja­nu­ar mit ei­nem Man­dat des Bun­des­rats, Fak­ten zur Cryp­to AG zu eta­blie­ren. Ober­hol­zer soll bis En­de Ju­ni ei­nen Be­richt ans VBS schi­cken. Et­wa zeit­gleich will auch die GPDel ih­re Er­kennt­nis­se pu­blik ma­chen.

Die Fra­gen lie­gen auf der Hand: zwei par­al­le­le Ab­klä­run­gen zu ei­nem Spio­na­geskan­dal? Was bringt das? Kommt man sich da nicht ins Ge­he­ge? Und was, wenn sich die Be­rich­te wi­der­spre­chen? Wer hat recht? Man be­grüs­se Ober­hol­zers Ar­beit, er­klär­te GPDel-Prä­si­dent Al­f­red Heer ges­tern. Er liess aber auch durch­bli­cken, dass für die par­la­men­ta­ri­sche Auf­sicht die Hier­ar­chie ein­deu­tig ist. Die GPDel ha­be ent­schie­den, den Bun­des­rat zu er­mäch­ti­gen, die Un­ter­su­chung Ober­hol­zers wei­ter­füh­ren zu las­sen, sag­te Heer.

Not­falls schickt Heer die Po­li­zei

Mit an­de­ren Wor­ten: Man lässt den Bun­des­rat und sein «For­schungs­gre­mi­um» (Heer) ge­wäh­ren. Die Ober­hand hat der Bun­des­rat in die­ser Sa­che aber be­reits ver­lo­ren. Er darf nur noch tun, was auch den Auf­pas­sern des Par­la­men­tes ge­nehm ist.

Spä­ter wies Heer den bun­des­rät­li­chen Un­ter­su­chungs­be­auf­trag­ten ein zwei­tes Mal in die Schran­ken. Die GPDel ma­che «ih­ren Vor­rang» gel­tend, wenn es um die An­hö­rung von heu­ti­gen oder frü­he­ren Per­so­nen im

Di­enst des Bun­des ge­he. Der Grund sei, dass die GPDel stär­ke­re Mit­tel ha­be als Ober­hol­zer mit sei­nem bun­des­rät­li­chen Man­dat. Heer: «Wir kön­nen Per­so­nen auch po­li­zei­lich vor­füh­ren las­sen.»

Wen sie – not­falls von der Po­li­zei flan­kiert – be­fra­gen will, hat die GPDel zwar noch nicht fest­ge­legt. Zwei Din­ge sind aber schon klar. Die ers­ten Be­fra­gun­gen wer­den noch die­sen Mo­nat statt­fin­den. Und: «Wir wer­den Bun­des­rä­te vor­la­den», so Heer.

Hat die GPDel selbst ge­schlampt?

So selbst­be­wusst GPDel-Prä­si­dent Heer ges­tern auf­trat: Dass er die Au­f­ar­bei­tung der Cryp­to­Af­fä­re wirk­lich lei­ten darf, ist noch kei­nes­wegs ge­si­chert. Nam­haf­te Kräf­te im Par­la­ment, ins­be­son­de­re auf der lin­ken Sei­te, wol­len sei­ne Plä­ne durch­kreu­zen und ei­ne par­la­men­ta­ri­sche Un­ter­su­chungs­kom­mis­si­on (PUK) ein­set­zen. Sie ist das schärfs­te Auf­sichts­mit­tel des

Par­la­ments und für Fäl­le mit gros­ser Trag­wei­te vor­ge­se­hen.

«Ei­ne In­spek­ti­on der GPDel reicht nicht», sagt et­wa SP-Frak­ti­ons­prä­si­dent Ro­ger Nord­mann. We­der ha­be die­ses Gre­mi­um ge­nü­gend Res­sour­cen, noch ver­fü­ge es über die rich­ti­gen In­stru­men­te. Ei­ne PUK sei grös­ser und da­mit brei­ter ab­ge­stützt im Par­la­ment, sie kön­ne mehr Per­so­nal ein­stel­len, auch ei­nen Un­ter­su­chungs­be­auf­trag­ten er­nen­nen, und sie ha­be den Vor­teil, dass sie voll­stän­dig un­ab­hän­gig sei. «Es stellt sich näm­lich die Fra­ge, ob die GPDel sel­ber bei der Auf­sicht der Ge­heim­diens­te Feh­ler ge­macht hat und des­halb die Cryp­to-Af­fä­re ver­bor­gen blieb. Mit der PUK um­ge­hen wir die­ses Pro­blem, das nicht im Vor­aus ge­klärt wer­den kann.»

Wie gut die Chan­cen ei­ner PUK ste­hen, wird sich heu­te zei­gen. Das Bü­ro des Na­tio­nal­rats dis­ku­tiert ei­nen for­mel­len An­trag, den die SP am Mitt­woch de­po­niert hat. Die Mehr­hei­ten schei­nen noch nicht ge­macht. CVP und GLP sind skep­tisch, SP und Grü­ne po­si­tiv, bei der Rech­ten ist man un­schlüs­sig. «Ich will die Dis­kus­si­on im Bü­ro ab­war­ten», sagt et­wa FDP-Frak­ti­ons­chef Beat Wal­ti. Er be­grüs­se es, dass die GPDel be­reits ih­re Ar­beit auf­ge­nom­men ha­be. «Ihr Vor­teil ist, dass sie so­fort los­le­gen kann.» Wenn sich aber zei­ge, dass ei­ne PUK über­le­gen sei, sper­re er sich nicht da­ge­gen. Das Ger­an­gel rund um die Cryp­to-Af­fä­re dürf­te noch ein Weil­chen an­dau­ern.

Foto: Keystone

Al­f­red Heer ist der Lei­ter der Ge­schäfts­prü­fungs­de­le­ga­ti­on (GPDel). Sie will die Ge­heim­dien­staf­fä­re um die Cryp­to AG un­ter­su­chen.

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